Für manche ist Sophie Viktorov der einzige Lichtblick

Artikel drucken Artikel drucken 17. Dezember 2008 | Von | Kategorie: Jobs & Ehrenamt
n einem Alter, in dem andere Menschen längst im Heim leben, engagiert sich Sophie Viktorov noch ehrenamtlich und arbeitet in einem Besuchsdienst mit. Foto: Mile Cindric

n einem Alter, in dem andere Menschen längst im Heim leben, engagiert sich Sophie Viktorov noch ehrenamtlich und arbeitet in einem Besuchsdienst mit. Foto: Mile Cindric

Sophie Viktorov muss zum Augenarzt. Morgen, am Freitag, denn seit der Operation ihres linken Auges verschwimmen ihr die Farben. Am Freitag zum Arzt zu gehen, fällt ihr aber schwer: Seit über 20 Jahren schon tut die 84-Jährige da nämlich im Caritas Alten- und Pflegeheim St. Elisabeth in Neunkirchen am Brand östlich von Erlangen ihren Dienst, betreut zuverlässig Alte und Kranke. Die alte Dame hätte sich leicht entschuldigen können. Aber nein, Sophie Viktorov verlegt den Besuch im Heim kurzerhand vor. Warum bleibt sie nicht ausnahmsweise einmal zu Hause, wenigstens jetzt? »Ich hätte ein schlechtes Gewissen«, sagt sie.

1986 folgte die gebürtige Münchnerin, die 1982 zusammen mit ihrem Mann nach Franken in die Nähe ihrer Tochter gezogen war, einem örtlichen Aufruf zur Beteiligung am Besuchsdienst im St. Elisabeth-Heim. Unter Sophie Viktorovs tatkräftiger Mithilfe wurde ein Jahr später auch der »Freundeskreis für behinderte Menschen« gegründet. Ab 1992 leitete sie diese Selbsthilfegruppe – erst im vergangenen November übergab sie das Ehrenamt an eine Jüngere. »Von überdurchschnittlichem sozialen Engagement für das Gemeinwohl ihrer Mitmenschen in ihrem Wohnort« sprach der Forchheimer Landrat Reinhardt Glauber, als er Sophie Viktorov das »Ehrenzeichen des Bayerischen Ministerpräsidenten für Verdienste von im Ehrenamt tätigen Frauen und Männern« übergab. In seiner Laudatio vergaß der Landrat nicht zu erwähnen, dass Sophie Viktorov sich über lange Jahre hinweg auch um alte, alleinstehende Nachbarn gekümmert hat.

Sie will kein Loblied auf ihren ehrenamtlichen Einsatz hören: »Ich hab nix Besonderes dahinter gefunden«, wiegelt sie ab. »Um Lob ging es mir nie.« Ihr schwer kranker Mann Gregor ist im November 1986 gestorben. Danach suchte sie eine neue Aufgabe. »Als ich im Gemeindeblatt las, dass die Sozialstation Helfer sucht, wusste ich, es war nur eine Frage der Zeit, bis ich dabei bin. Am 7. Januar 1987 habe ich mich beworben. Am 10. Januar rief man mich an.«
Zehn Jahre hat sie sich danach um eine ehemalige Berlinerin gekümmert, zuerst zu Hause und danach im Altenheim. »Man muss«, davon war Sophie Viktorov schon damals überzeugt, »auf die Leute zugehen.«

Jetzt trippelt die Mutter zweier Kinder, fünffache Großmutter und vierfache Urgroßmutter über den Hof des Alten- und Pflegeheims. Sophie Viktorov scheint alle gut zu kennen, die draußen in der Sonne sitzen, denn dauernd ertönt ihr freundliches »Grüß Gott!«. Im Speisesaal des 72-Betten-Hauses ist gerade Kaffeezeit. Sophie Viktorov steuert auf Martha Rösch zu. Die 82-Jährige ist seit 13 Jahren an den Rollstuhl gefesselt und lebt seit vier Jahren in dem modernen Heim der Caritas. Die beiden Frauen kennen sich seit einem Jahr und schwatzen ein bisschen. »Kommen Sie wieder«, bittet Martha Rösch beim Abschied.

Dann geht es hinüber in einen kleineren Raum, dort sitzt Johann Rost an einem Tisch mit anderen, aber keiner spricht. Anders als beim letzten Mal, erkennt der alte Mann seine Besucherin sogar. »Seine Frau ist gestorben. Er hat nur noch mich und seine Betreuerin Gaby, ein ehemaliges Nachbarskind, inzwischen selbst Mutter dreier Kinder. Wir kennen uns schon zehn Jahre«, erzählt Viktorov. »Gell, wir sind alte Freunde?«, fragend wendet sie sich wieder ihrem Schützling zu. Johann Rost drängt schließlich mit schwacher Stimme, sie möge bald wiederkommen. »Für ein paar Worte sind die Leute dankbar. Für manche bin ich wirklich der einzige Lichtblick«, weiß sie.

»Sie ist unser Engel«, ruft Heidrun Dahlenburg im Vorübergehen. Die ehemalige Hamburgerin gehört ebenfalls zum ehrenamtlichen Besuchsdienst. In dem zwanzigköpfigen Team ist Sophie Viktorov mit Abstand die älteste. »Ach, bleiben Sie doch noch fünf Minuten«, bettelt die 74-jährige Heimbewohnerin Barbara Luttenberger, und die 84-jährige Sophie tut ihr natürlich den Gefallen. »Man spürt die Wärme förmlich, die sie ausstrahlt«, sagt später Schwester Annemie, Mitarbeiterin des Heimes, über die Besucherin.

»Ich weiß, dass meine Tage gezählt sind«, sagt Sophie Viktorov. Zehn Jahre ist es her, dass sie bei der Arbeit in der Behindertengruppe unglücklich stolperte. Lange war ihre rechte Hand gelähmt. Richtig beweglich ist sie trotz Trainings immer noch nicht. Doch hängen lassen käme für sie nicht in Frage. Daran hat auch der Darmkrebs nichts ändern können, der bei ihr vor vier Jahren diagnostiziert wurde.

»Wir sind alle froh, dass wir sie haben. Sie hat die Kopfbedeckungen für den Faschingsumzug genäht, zur Einweihung unseres Hauses im letzten Sommer das Weihelied geschrieben. Und wenn wir sagen, wir brauchen Kuchen, dann kommt der prompt von Frau Viktorov«, berichtet Altenpflegerin Christine Schmitt, stellvertretende Leiterin der Caritas-Tagespflege Im Rosengarten. Dort ist Sophie Viktorov nämlich jeden Dienstagnachmittag zu Besuch. Auch öfter, wenn Not am Mann ist.

Jeden Tag steht die frühere kaufmännische Angestellte um 6.30 Uhr auf. Um 8 Uhr hat sie gefrühstückt. »Danach bin ich einsatzbereit«, strahlt sie. Ihr Vater sei mit 57 Jahren gestorben, die Mutter mit 59, der Ehemann mit 68. »Ich weiß nicht, womit ich verdient habe, dass es mir noch so gut geht. Dass ich für andere Leute was tue, so lange ich kann, ist mein Dank dafür. Dass ich sagen kann, ich bin noch zu was nütze, das macht mich glücklich«, sagt Sophie Viktorov.

Diese Einstellung scheint sich vererbt zu haben. Sophies Tochter Gabriele Schirrer (60) engagiert sich seit 25 Jahren ehrenamtlich in der Pfarrei St. Michael in Neunkirchen am Brand. »Den Glauben an die nächste Generation weiterzugeben, ist mir sehr wichtig«, sagt Schirrer, eine gelernte Kindergärtnerin, »darin finde ich Sinn und Glück und Erfüllung«. Ihrer Mutter gehe es genauso. Sie beide unterscheide eigentlich nur, um wen sie sich kümmerten.

Ute Fürböter

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