Hermann Glaser, der Ideengeber
Artikel drucken
17. Dezember 2008 | Von sechs+sechzig | Kategorie: Vermischtes

Seit mehr als 50 Jahren sind Erika und Hermann Glaser ein Paar. Foto: Michael Matejka
Als ob es immer so bliebe…« Prof. Dr. Hermann Glaser, der mittlerweile über 80 Jahre alt ist, lächelt bei seiner Antwort auf die Frage, wie er sein gewaltiges Arbeitspensum bewältigt. Seine Worte erinnern an den Titel eines seiner Bücher, das autobiografische Züge trägt: »Und du meinst, so bliebe es immer«.
Vielleicht ist es diese Gelassenheit gegenüber der Vergänglichkeit, die ihm die Kraft gibt, seine reichen geistigen Reserven täglich neu auszuschöpfen. Sein eigentlicher Kraftquell aber scheint die Harmonie zu sein, die ihn umgibt, seine Frau Erika, mit der er seit den Tanzstundentagen vor mehr als 60 Jahren in Liebe verbunden ist. Sein schönes Zuhause in Roßtal unter hohen Bäumen. Jeder der Bäume hat seine Geschichte: »Diese Zeder habe ich vor mehr als 50 Jahren im Kofferraum heimgebracht und hier gepflanzt«, erläutert er nicht ohne Stolz. Auch das Haus im Landkreis Fürth, das im Lauf der Jahrzehnte mehrfach umgebaut wurde, ist reich an Erinnerungen.
1951 war Baubeginn, 1953 bezog das junge Ehepaar nach beiderseits abgeschlossenem Studium den Neubau. Nach dem Lehramtsexamen, mit Auszeichnung bestanden, und seiner Promotion unterrichtete Dr. Hermann Glaser zunächst in Coburg. Dann von 1952 bis 1964 in seiner Heimatstadt Nürnberg am Scharrer-Gymnasium Deutsch, Englisch und Geschichte. 1964 wurde er zum städtischen Schul- und Kulturreferenten berufen. 26 Jahre lang, bis 1990, prägte Glaser das kulturpolitische Leben der Noris. »Ich bin ein beständiger Mensch und meiner Heimatstadt immer treu geblieben«, kommentiert er lachend.
Bereits in den Jahren 1965 bis 70 lud die Stadt mehrmals zu den »Nürnberger Gesprächen« ein, die international renommierte Schriftsteller, Publizisten, Wissenschaftler und Politiker hierher führten. Darunter unter anderem Hermann Kesten, Peter Härtling, Schalom Ben Chorin, Fritz Stern, Fritz Bauer, Hartmut von Hentig, Jean Améry und Thilo Koch. Es war immer Glasers Ziel, das Stigma der Stadt als »Stadt der Nürnberger Gesetze und des Reichsparteitags« durch geistige Offenheit allmählich aufzuarbeiten und das Image der alten freien Reichsstadt wiederherzustellen. Das ist, aus heutiger Sicht betrachtet, gelungen. Für Glaser war dies nicht nur politisch wichtig, sondern auch persönlich.
Schon in diesen Jahren im Dienst der Stadt Nürnberg galt er, auch dank zahlreicher Publikationen, bundesweit als einer der führenden Kulturpolitiker des Landes, dessen Wirken Vorbildfunktion besaß. Mitglied in der internationalen Schriftstellervereinigung PEN, Vorsitzender des kulturpolitischen Ausschusses des Deutschen Städtetages, Honorarprofessor an der TU Berlin und Karlsruhe sowie an der International University Dresden, Gastprofessuren im Ausland . . . – all seine Ämter aufzuzählen, ist unmöglich. Das Gleiche gilt für die zahlreichen Auszeichnungen, die ihm verliehen wurden. Erst vor wenigen Wochen beschloss der Nürnberger Stadtrat, den bald Achtzigjährigen mit der Silbernen Bürgermedaille zu ehren.
Seine entscheidende Prägung hatte Hermann Glaser im Elternhaus erfahren. Sein Vater, ein Schulmann, zeichnete sich durch beharrliche Distanz zum Nationalsozialismus aus – in der Stadt Julius Streichers kein einfaches Unterfangen. Jüdische Schülerinnen, die Hitlerdeutschland rechtzeitig hatten verlassen können, gedachten noch Jahrzehnte später in Dankbarkeit dieses Mannes, auf den der Sohn zu Recht stolz ist.
Hermann Glasers pädagogische Prägung und Begabung ist sein ganzes Leben hindurch präsent. Es war ihm ein Anliegen, den Kulturbegriff aus der elitären Hochkultur herauszulösen. Dabei entwickelte er den Begriff der Soziokultur. Gemeinsam mit einem Stab qualifizierter Mitarbeiter war er Anreger und Gestalter vielfältiger, heute in Nürnberg selbstverständlicher Veranstaltungen und Einrichtungen, die diese Soziokultur ausmachen: die Pocket Opera, das Jazz Ost-West-Festival, das Bardentreffen, das Kunstpädagogische Zentrum, Kindertheater, Kindermuseum, Kulturläden.
Beruflich wie publizistisch versuchte Hermann Glaser stets, den Menschen als kulturelles Wesen zu fördern. Er selbst umschreibt dieses Ziel so: »Kultur in ihren unterschiedlichen Ausprägungen ist nach meiner Überzeugung für die humane Entwicklung des Menschen – von der Kindheit bis ins Alter – von größter Bedeutung. Die ästhetische Erziehung des Menschen (Friedrich Schiller) muss in einem demokratischen Staatswesen Bürgerpflicht sein (ist es aber vielfach nicht). Dies zu fordern und zu fördern, war zeitlebens mein kulturpolitisches und publizistisches Bemühen; aber auch dafür zu sorgen, dass Kultur nicht zur Beute ideologischer und politischer Betrüger wird.«
Etwa 60 Bände umfasst das publizistische Werk Hermann Glasers. Seine Schwerpunkte sind pädagogische, sozialwissenschaftliche, kulturgeschichtliche und kulturpolitische Themen. Dass niemand ein so gewaltiges Arbeitspensum allein bewältigen kann, ist klar. Deshalb steht ihm bereits seit 40 Jahren eine Mitarbeiterin treulich zur Seite. Schon bald nach Kriegsende hatte Glaser begonnen, Zeitungen und Zeitschriften auszuwerten. Ein Archiv von zigtausend Beiträgen ist daraus entstanden: Ohne diese »Zettelkästen« wiederum hätte sein publizistische Werk nicht entstehen können. Eine Fachbibliothek von 32.000 Bänden, die auch heute noch an Umfang zunimmt, muss ebenfalls betreut werden.
Bücher prägen die gesamte Atmosphäre des Hauses. Der riesige, helle Arbeitsraum unterm Dach ist eigentlicher Mittelpunkt: Von dort aus wirkt Hermann Glaser, noch immer ein stattlicher, hochgewachsener Mann. Zwar bewegt er sich heute langsamer und leicht gebeugt, auch musste ein Hörapparat angeschafft werden, aber seine geistige Beweglichkeit ist geblieben, seine Rhetorik geistreich, ironisch, lebendig wie einst. Seine Vorträge, szenischen Lesungen, Revuen wechseln sich in bunter Folge im Kalender ab. Er sucht die Begegnung mit dem Publikum und bereichert es. Die Bewunderung der Menschen gilt seinem lebendigen Vortrag ebenso wie seinem phänomenalen Gedächtnis.
Zwölf Bücher veröffentlichte Hermann Glaser allein in den vergangenen acht Jahren, darunter so unterschiedliche Titel wie die »Kleine Kulturgeschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert«, »Die 60er Jahre« oder auch »Die Feuerbachs«. Zurzeit arbeitet er an einer Kulturgeschichte der Deutschen Eisenbahn, die im Jahr 2010 pünktlich zum 175-jährigen Jubiläum der Deutschen Bahn auf dem Markt sein soll.
Woher nimmt dieser Mann, der am 28. August 80 Jahre geworden ist , nur diese Kraft? »Ich lass’ ihn schön in Ruh’«, sagt Frau Erika lächelnd. Ihr Mann – nach eigener Aussage ein Pedant – erläutert den streng geregelten Tagesablauf. 8 Uhr: Aufstehen, Frühstück, Zeitung lesen (SZ, FAZ und NN), 10 Uhr: Schreibtisch, 12 Uhr: Essen, 13 bis 18 Uhr: Schreibtisch. Übergang zum entspannenden Abend: eine halbe Stunde Schwimmen im eigenen, wunderschönen Hallenbad. Nach dem Abendessen folgt ein gemeinsamer Musik-/Film- oder auch Fernsehabend mit der Gattin, da für Erika Glaser Konzert- oder Theaterbesuche zu anstrengend geworden sind. Später im Bett wird noch gelesen. Die Familie? Zwei erwachsene Söhne und eine Adoptivtochter aus Vietnam, sieben Enkelkinder. Das große Haus in Roßtal wird nun von dem alt gewordenen Ehepaar alleine bewohnt, das hier vor mehr als 50 Jahren das gemeinsame Leben begonnen hatte und sich ein Umfeld schuf, das gleichermaßen Schönheit, Ruhe und Kultur ausstrahlt.
Magda Schleip














