»Auf der Suche nach Amerika«

Artikel drucken Artikel drucken 26. November 2009 | Von sechs+sechzig | Kategorie: Reise & Kultur
Bettina Gaus „Auf der Suche nach Amerika“ – Begegnungen mit einem fremden Land. Eichborn Verlag, Frankfurt a.M. 2008, ISBN 978-3442542062, 19,95 Euro.

Bettina Gaus „Auf der Suche nach Amerika“ – Begegnungen mit einem fremden Land. Eichborn Verlag, Frankfurt a.M. 2008, ISBN 978-3442542062, 19,95 Euro.

Nach einem Europaurlaub sind viele Amerikaner davon überzeugt, dass alle Deutschen ständig Bier trinken und die meisten auf Bauernhöfen leben, deren Mauern bayerische Lüftlmalerei ziert und zu denen kopfsteingepflasterte Gassen führen«, schreibt die Journalistin Bettina Gaus in ihrem Buch »Auf der Suche nach Amerika«. So skurril sich das anhört: Genau genommen haben wir Deutschen oft ein ebenso merkwürdiges Bild von unseren Zeitgenossen in Übersee. Fahren alle Amerikaner entspannt Auto? Sind sie völlig unbedarft, was die Geschehnisse in anderen Teilen der Welt angeht?

Die politische Korrespondentin der Berliner tageszeitung (taz) machte sich im Herbst vergangenen Jahres auf zu einer dreimonatigen Autotour durch den amerikanischen Kontinent und sprach – vorwiegend in kleinen Städten und Ortschaften – mit ganz normalen Durchschnittsbürgern. Sie folgte auf ihrer Reise den Spuren des Schriftstellers John Steinbeck, der 1960, im Jahr des Präsidentschaftswahlkampfs zwischen Kennedy und Nixon, die USA umrundete. Bettina Gaus, die ihre eigene Subjektivität in der Betrachtung keineswegs leugnet, hat – vielleicht gerade deshalb – ein überaus lebendiges, anschauliches Bild des Amerika von heute gezeichnet.

Man begleitet die Autorin gespannt von Ort zu Ort, erlebt triste Motels und grandiose Landschaften und hört zu, was die Menschen fern der großen Politik über sich selbst, ihr Land und die Welt zu sagen haben. Warum zum Beispiel der Trucker Harold Patton meint, Deutschland sei kein freies Land (»Ich darf eine Waffe tragen, um meine Familie zu schützen. Sie nicht. Sie sind nicht frei.«), warum die überzeugte Demokratin Karen Teeters im republikanischen Montana gegen den Krieg ist (»Wir sollten nicht tun, was die Sowjetunion getan hat, uns in den Bankrott reiten, um Kriege in aller Welt zu führen!«) oder warum der Bush-Anhänger Eric Archbick in der Mojave-Wüste immer noch glaubt, dass der Irak an den Anschlägen des 11. September 2001 beteiligt war (»Der Irak gehört zum Mittleren Osten. Die mögen uns dort alle nicht.«).

Das Konzert der Stimmen ist vielfältig wie die Menschen selbst – das macht die Lektüre so spannend. Als die Journalistin nach 24 000 Kilometern durch 34 Bundesstaaten auf dem New Yorker Airport ihren Rückflug antritt, nimmt man als Leser bedauernd Abschied. Bettina Gaus hätte ruhig noch etwas länger unterwegs sein dürfen.

Brigitte Lemberger

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