»Guten Tag, ich brauche ein Senioren-Taxi«

Artikel drucken Artikel drucken 20. November 2009 | Von sechs+sechzig | Kategorie: Pflege & Betreuung
Hilfsbereite Taxerer: Beim neuen Service holen die Fahrer ihre Kunden an der Wohnungstür ab und geleiten sie zum Wagen. Foto: Michael Matejka

Hilfsbereite Taxerer: Beim neuen Service holen die Fahrer ihre Kunden an der Wohnungstür ab und geleiten sie zum Wagen. Foto: Michael Matejka

Ich brauche Hilfe.« Es sind nur drei Worte, doch vielen Menschen kommen sie oft schwer über die Lippen – vor allem Fremden gegenüber. Dabei sind es manchmal Kleinigkeiten, die zur großen Hürde werden können, der Transport einer schweren Tasche etwa oder die Bewältigung der zwei Stockwerke von der Wohnungs- bis zur Haustür. Die Taxi-Zentrale Nürnberg sorgt mit einem neuen Service dafür, dass Menschen, die körperlich eingeschränkt sind, diese Hürden meistern können.

»Guten Tag, ich brauche ein Senioren-Taxi« heißt der Spruch, der die Lösung bringt. Damit ist sichergestellt, dass die Menschen bei einer Taxi-Fahrt auch die Unterstützung bekommen, die sie benötigen. »Von Senioreneinrichtungen, Kliniken oder Reha-Zentren bekamen wir oft die Rückmeldung, dass die Hilfeleistung für ältere Menschen eigentlich gut klappt«, sagt Wolfgang Ziegler, Vorstand der Taxi-Zentrale Nürnberg. »Aber manchmal eben auch nicht«, fügt er hinzu. »Die Menschen konnten bei der Taxi-Bestellung einfach nicht sicher sein, dass sie auch Service dazu bekommen.«

Das wollte das Unternehmen ändern – und schickte unter den rund 1300 Nürnberger Taxerern ein Rundschreiben aus, in dem es die Idee des Senioren-Taxis erklärte: zuverlässige Hilfe – ob beim Ein- und Aussteigen, bei der Verladung von Gehhilfen, bei der Beförderung des Gepäcks sowie beim Treppensteigen – wenn diese gewünscht wird. Die Resonanz war groß. »Allerdings haben wir an die Auswahl der Fahrer spezielle Anforderungen geknüpft«, berichtet Ziegler. Zu den Voraussetzungen gehören zwei Jahre Berufserfahrung in Vollzeit. In dieser Zeit dürfen keine Kundenbeschwerden eingegangen sein. Außerdem mussten die Fahrer eine Selbstverpflichtung unterschreiben, dass sie diese besondere Dienstleistung gerne erbringen. »Und sie müssen selbst körperlich fit sein«, sagt Ziegler. »Es ist ja wenig sinnvoll, jemanden mit einem kaputten Kreuz zu jemandem mit einem kaputten Kreuz zu schicken.« Doch wie hilft man Menschen mit körperlichen Einschränkungen ins Auto?

Für die Beantwortung dieser Frage suchte sich die Taxi-Zentrale fachliche Kompetenz, die sie bei der Nürnberger AOK fand. Rund 170 Fahrer schulte die Krankenkasse im ersten Durchlauf. »Wir haben an den Fahrern selbst Beeinträchtigungen simuliert«, erzählt Mona Schultes, Koordinatorin für das Pflegenetz bei der AOK. »Damit die Fahrer nachvollziehen können, wie es beispielsweise ist, nach einem Schlaganfall in ein Taxi einzusteigen, haben wir ihnen einen Arm oder ein Bein versteift.« Oder ihnen wurden die Augen verbunden, damit sich die Fahrer besser in sehbehinderte Fahrgäste hineinversetzen können. Auch die verschiedenen Taxi-Modelle wurden auf ihre Tauglichkeit hin getestet – ob der Einstieg zu hoch oder
zu umständlich ist, wie etwa beim Fiat Multipla, der sich nicht als Senioren-Taxi qualifizieren konnte.

Ein großes Thema waren in den Schulungen die gesetzlichen Voraussetzungen für die Übernahme der Fahrtkosten. Denn für die AOK erfüllt das Senioren-Taxi vor allem eine wichtige Funktion: Es ist meist für Krankentransporte im Einsatz. »Oft hatte das Klinikpersonal Bedenken, Menschen nach einem Krankenhausaufenthalt mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause fahren zu lassen«, sagt Schultes. »Manchmal sind sie einfach noch nicht so sicher auf den Beinen oder haben eine schwere Tasche dabei.«
Über den passenden Transport für Patienten entscheidet der behandelnde Arzt. »Wenn er sieht, Frau Maier müsste in ihre Wohnung gebracht werden, dann hat er bislang den Krankentransport gewählt«, weiß Schultes. Diese Aufgabe könne aber jetzt von den ausgebildeten Fahrern des Senioren-Taxis übernommen werden. Auch für die Betroffenen sei die Fahrt mit einem Taxi nach Hause wesentlich angenehmer als wenn sie mit dem Krankentransporter in der Straße vorfahren müssen, lautet Wolfgang Zieglers Erfahrung. »Viele möchten vermeiden, dass die Nachbarschaft die Unpässlichkeit mitbekommt.«

Für die Krankenkasse bedeutet die Wahl des Senioren-Taxis zudem eine deutliche Kostenentlastung. »Fahrten mit einem Krankentransporter sind in der Regel doppelt so teuer – schon allein deshalb, weil auch die Leerfahrten bezahlt werden müssen«, erläutert AOK-Fachfrau Schultes. Bei einer Fahrt mit dem Senioren-Taxi übernimmt die Taxi-Zentrale die direkte Abrechnung mit der Krankenkasse, so dass die Patienten nicht in finanzielle

Vorleistung gehen müssen. Die Gebühren-Verordnung, die der Arzt für den Transport mitgibt, ist ebenfalls Teil der Schulung, damit später auf dem Formular auch garantiert das Kreuzchen an der richtigen Stelle gemacht wird. »Ambulante Fahrtkosten können allerdings nur direkt abgerechnet werden, wenn die Betroffenen die Pflegestufe II und III haben oder einen Schwerbehindertenausweis mit dem Zusatz AG, BL oder H«, sagt Schultes. Ansonsten müssten sie einen Eigenanteil von fünf Euro zahlen und die Quittungen bei der Kasse einreichen.

Mona Schultes sieht in dem Angebot der Nürnberger Taxi-Zentrale »eine echte Verbesserung«. Das Senioren-Taxi steht auch den Mitgliedern anderer Krankenkassen zur Verfügung – und auch jüngeren Menschen. »Neulich hat sich eine junge Frau mit Gipsbein ein Senioren-Taxi bestellt«, erzählt Vorstand Ziegler. Schließlich wird der »Senioren-Service« nicht extra berechnet. Die Preise sind dieselben wie für eine normale Taxi-Fahrt: eine Basis-Gebühr von 2,60 Euro wird beim Einsteigen fällig. Seit 1. Dezember kostet jeder gefahrene Kilometer 1,35 Euro. Während die ersten vier Minuten Wartezeit nach Eintreffen des Taxis kostenfrei sind, werden – bei längeren Wartezeiten – 35 Cent pro Minute fällig.

Dass nicht länger auf ein Senioren-Taxi als auf ein reguläres Taxi gewartet werden muss – dafür sorgen die inzwischen 200 Fahrer, die sich qualifiziert haben. Mehr will die Taxi-Zentrale zunächst nicht ausbilden, um den Fahrern Gelegenheit zu geben, das Erlernte auch anzuwenden. Jeden Monat steigt die Nachfrage nach dem Senioren-Taxi um etwa zehn Prozent – zuletzt lag die Zahl dieser Fahrten bei rund 1500 im Monat. Bislang ist die Taxi-Zentrale Nürnberg das einzige Unternehmen in Bayern, das diesen Service anbietet – auf Fahrten von der Stadt ins Umland oder umgekehrt.

»Auch unter unseren Fahrern ist das Interesse groß«, sagt Ziegler. »Schließlich ist der besondere Service keine einseitige Geschichte.« Die Fahrer bekommen dadurch Abwechslung im Arbeitsalltag und eine positive Rückmeldung der Fahrgäste. »Wir fahren auch gern kurze Strecken für Senioren«, sagt Taxi-Fahrer Siegfried Klein. Seine Erfahrung: Viele ältere Menschen, die nicht mehr so gut zu Fuß sind, entschuldigen sich oft schon beim Einsteigen dafür, dass sie nur eine kurze Strecke fahren. »Auch diese Hemmschwelle wollen wir mit dem Senioren-Taxi nehmen.«

Anja Kummerow

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Information

Wer ein »Senioren-Taxi« benötigt, muss dies ausdrücklich erwähnen. Bestellen kann man den Service unter der regulären Taxi-Rufnummer 0911/19410.

Die Taxi-Zentrale Nürnberg bietet im Rahmen des Senioren-Taxis außerdem einen speziellen Service an für Menschen mit eingeschränkter geistiger Fitness sowie mit leichteren Formen von Demenz. Personen mit einem derartigen Handicap werden von den Fahrern zuverlässig zu einem bestimmten Ziel gebracht. »Die Betreuer der Patienten können dabei sicher sein, dass die Menschen am Fahrziel, beispielsweise beim Arzt, verantwortlich übergeben werden«, betont Wolfgang Ziegler, Vorstand der Taxi-Zentrale Nürnberg. Weitere Informationen dazu gibt es bei Beraterin Petra Schön von der Nürnberger Taxi-Zentrale unter
Telefon 0911 / 952 10 26.

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