27 Pillen am Tag sind zu viel

Artikel drucken Artikel drucken 27. November 2009 | Von | Kategorie: Gesundheit & Ernährung
 Prof. Kay Brune nimmt selber keine Medikamente und rät auch anderen zum verantwortungsvollen Umgang damit. Foto: privat

Prof. Kay Brune nimmt selber keine Medikamente und rät auch anderen zum verantwortungsvollen Umgang damit. Foto: privat

Obwohl Prof. Kay Brune, ein alter Hase auf dem Gebiet der Arzneimittelkunde ist, erstaunt ihn immer noch, wie viel an Wirkstoffen ein Mensch vertragen kann. Der langjährige Leiter des Instituts für experimentelle und klinische Pharmakologie und Toxikologie an der FAU Erlangen-Nürnberg sowie Mitglied des Sachverständigenausschusses für Verschreibungspflicht am Bundesministerium für Arzneimittel und Medizinprodukte, wurde vor kurzem in einem Fall konsultiert: Der betreffende Patient, 61 Jahre alt, nahm täglich 27 verschiedene Medikamente ein. Kommentar des Professors: »Alte Menschen sind wohl viel robuster als Laborratten«. Obwohl es nach Einschätzung von Prof. Brune möglich gewesen wäre, die Tablettenflut auf sechs Wirkstoffe am Tag einzudämmen, wollte der Kranke auf keine einzige Pille aus seinem Tagessortiment verzichten. Ein schwieriger Fall – für den behandelnden Arzt, aber auch für den Pharmakologen.
Immerhin verabreichte sich der Patient, ein Frührentner, Medikamente, deren Wirkungsweisen sich zum Teil aufheben. Die Nebenwirkungen der Arzneien blieben aber bestehen. »In diesem Fall gibt es sicher mehr als 600 mögliche Interaktionen«, beschreibt Prof. Brune die Risiken dieser Praxis. Die daraus resultierenden Probleme seien nicht vorhersehbar – weder für den Arzt, noch für den Arzneimittelforscher.

Zahlreiche Medikamente schließen einander aus: Blutungssenkung mit Betablockern sowie Asthmabehandlung mit Betaagonisten widersprechen sich genauso wie die Verwendung von Medikamenten gegen die Alzheimersche Krankheit mit Präparaten gegen Darm-/Blasenkrämpfe.

Dabei möchte Prof. Brune keinem einen Vorwurf machen. Dem Patienten nicht, der glaubt, viel helfe viel. Und auch den Ärzten nur bedingt. Denn diese haben sein Verständnis. Bei »ca. 8000 Wirkstoffen, die in Deutschland zugelassen sind, und rund 20 000 Medikamenten, in denen sie in verschiedensten Kombinationen angewendet werden«, könne schnell der Überblick verloren gehen. Zudem werden manche Wirkstoffe unter bis zu 100 Markennamen angeboten. Das führe z. B. dazu, dass ein Orthopäde denselben Wirkstoff verordnet wie der praktische Arzt, aber jeder unter einem anderen Präparatenamen – was natürlich zur Überdosierung führt. Aus Zeitmangel werde kaum im Detail überprüft, welche Zusammensetzung das verordnete Medikament hat und ob ein anderer Kollege bereits denselben Wirkstoff verordnete.

Die gegenseitige Beeinflussung von Medikamenten nimmt mit der Zahl zu. Auch der Fachmann kann die Risiken der gleichzeitigen Gabe von mehr als sechs Medikamenten nicht abschätzen.

Mit ca. 250 Wirkstoffen können die meisten Ärzte und die allermeisten Patienten auskommen, sagt der erfahrene Pharmakologe. Eine Reduzierung auf diese Größenordnung fördere die Überschaubarkeit. Schließlich benötigte er selber auch etwa eine Stunde, um den Medikamentenmix des eingangs beschriebenen Falles gründlich zu analysieren.
Für Patienten und ihre Angehörigen ist es dagegen fast unmöglich, sich von einer neutralen Stelle zu der jeweiligen Medikamentenkombination beraten zu lassen. Es fehlen entsprechende Anlaufstellen. Dies habe auch einen rechtlichen Hintergrund, meint Prof. Brune. Wer kann und will die Verantwortung dafür übernehmen, dass beim Ausmisten des Pillenberges nicht doch eine Substanz aussortiert wird, die notwendig gewesen wäre? Deshalb lautet sein Rat: So wenig Medikamente wie möglich, so viel wie nötig. Im Zweifelsfall sollte man seinen Hausarzt bitten, die Liste der Arzneimittel zu überprüfen und fachkundigen Rat einzuholen.

So wenige Medikamente wie unbedingt nötig: Mehr als fünf müssen es selten sein.

Aber auch der Kranke selber muss mithelfen, die Belastungen für den Körper durch Nebenwirkungen von Tabletten zu reduzieren. So braucht nicht jede zusätzliche Beschwerde zusätzliche Medikamente. Der Patient sollte bei der Einnahme folgende Punkte beachten. So wirke ein Schmerzmittel bei Arthrose zwar schon prophylaktisch, aber Schmerzmittel kombiniert mit intensivem Sport kann der Niere schaden. Wer trotzdem Sport treiben möchte, sollte dies tun und anschließend mit viel Flüssigkeit ein Schmerzmittel einnehmen, empfiehlt Prof. Brune. Dadurch werde die Niere weitaus weniger belastet als im Fall der vorsorglichen Einnahme. Dasselbe gilt, wenn Ibuprofen und ähnliche Schmerzmittel vor dem Schlafengehen geschluckt werden, um am nächsten Tag nicht von Kopfschmerzen geplagt zu werden. Natürlich wäre es besser, »Stress« zu vermeiden. Wenn aber ein Schmerzmittel genommen werden soll, muss es mit viel Wasser heruntergespült werden. Sonst liegt es über Nacht im Magen und kann keine Wirkung entfalten.
Der Pharmakologe warnt zudem vor der Annahme, altbewährte Medikamente seien harmloser als neu eingeführte. In einigen Fällen seien die Untersuchungsmethoden früher noch nicht so fein gewesen wie heute, und damit habe man manche Nebenwirkung überhaupt nicht entdecken können. Darüber hinaus finde man nur die Auffälligkeiten, nach denen man suche. So sind auch bei dem Hustenmittel Clobutinol die für bestimmte Personengruppen lebensgefährlichen Nebenwirkungen nur zufällig entdeckt worden. Zuvor galt das Hustenmittel lange als harmlos und war im Handel frei verkäuflich.
Auch Paracetamol werde gerne bei verschiedenen Schmerzzuständen eingenommen und gelte als unbedenklich. Seit mehr als 100 Jahren ist Paracetamol (früher Phenazetin) als Wirkstoff im Handel. Dennoch kann das Medikament bei einer Überdosierung schwere Leberschäden verursachen und sogar zum Tod führen. Dazu genügt es, die zugelassene Höchstmenge von vier Gramm nur zu verdoppeln. Das kann durchaus versehentlich passieren. Wenn Paracetamol schon gegen Schmerzen bei einer »Grippe« eingenommen wurde und abends beispielsweise gegen Fieber noch ein Heißgetränk mit demselben Wirkstoff, aber unter einem anderen Namen, getrunken wird, könne die Leber schweren Schaden nehmen, schildert Brune die Gefahr. »Ist es also sinnvoll, eine derartige Substanz für den rezeptfreien Gebrauch freizugeben und als ungefährlich anzupreisen?« fragt der Experte. Sein Fazit: Würde Paracetamol heute neu auf den Markt kommen, würde es wohl von keiner Zulassungsbehörde genehmigt werden, geschweige denn rezeptfrei erhältlich sein.
Ähnliches gilt für die Acetylsalicylsäure, die als gängiges Medikament weite Verbreitung gefunden hat. Brunes Meinung ist in diesem Punkt eindeutig. Weil es die Blutgerinnung über mehrere Tage hinweg hemmt, sollte es nicht als Schmerzmittel eingenommen werden – das Risiko, bei einem unerwarteten Ereignis deswegen nicht oder nur verzögert operiert werden zu können, ist nicht tolerierbar. Es sei auch nicht notwendig, akute Kopfschmerzen mit ASS zu bekämpfen. Unter den rezeptfreien Wirkstoffen sei Ibuprofen genauso gut wirksam, aber es beeinträchtigt die Blutgerinnung nicht, und es komme auch im Gegensatz zu ASS nicht zu einem erhöhten Risiko von Blutungen im Magen- oder Darmbereich.
Im Umgang mit Medikamenten ist Prof. Brune noch wichtig, das Alter der Patienten stärker in den Blickpunkt zu rücken. Es sei nicht notwendig, dass ein 70-Jähriger für Blutdruck, Cholesterin oder Blutzucker Messwerte erreiche wie ein gesunder 20-Jähriger. Mehrere amerikanische Studien hätten vor kurzem beispielsweise gezeigt, dass bei Diabetes Typ II eine weniger aggressive Therapie eher bessere Ergebnisse gebracht habe als eine aggressive. Bei erhöhtem Blutdruck gelte dasselbe: Ziel könne es nicht sein, mit allen Mitteln den Idealbereich zu erreichen.

Beim alten Menschen müssen nicht alle Blutwerte auf Idealwerte korrigiert werden: Blutdruck, Blutfette und Blutzuckerwerte müssen ggf. gebessert, aber nicht auf das Niveau eines jungen, gesunden Menschen gebracht werden.

Zusätzlich müssten viele Patienten die Lebensweise ändern: Wenn Übergewicht abgebaut wird und regelmäßige körperliche Aktivitäten erfolgen, können viele Pillen überflüssig werden!

Medikamente können eine gesunde Lebensweise nicht ersetzen.

Um mehr Transparenz in dem unübersichtlichen Markt zu schaffen und dem behandelnden Arzt mehr Sicherheit zu geben, fordert Prof. Brune eine bessere Ausbildung der Ärzte in der Medikamentenkunde und eine regelmäßige Überprüfung der Kenntnisse, ähnlich wie sie in den USA bereits üblich sei. Nur so könne verhindert werden, dass ein Patient vier verschiedene Medikamente zur Blutverdünnung erhält (obwohl eines genügen würde), wie der eingangs erwähnte 61-Jährige mit seiner lange Liste, der gegen Krankheiten behandelt wird, die er ohne die vielen Medikamente vielleicht gar nicht hätte.

Der gute Therapeut ist derjenige, der mit möglichst wenigen Medikamenten zum Ziel kommt.

Petra Nossek-Bock

Tags: , ,

Ein Kommentar
Hinterlasse einen Kommentar »

  1. Endlich ein vernüftiger Arzt, der den Mut hat, die Dinge beim Namen zu nennen. Seitdem viele Ärzte beim Programm der Pharmaindustrie mitmachen, für die von ihnen verschriebenen Medikamente eine Provision in Form von “Beratungsverträgen” zu kassieren, sollte der Patient seine Medikamente entweder durch die Apotheke, über Internet und auch durch das Studium des Beipackzettels nach Möglichkeit überprüfen. Vor allem die Wechselwirkungen und natürlich die Nebenwirkungen. Gegen ein von Medikamenten verursachtes Symptom (z.B. Magenschmerzen, Asthma, etc.) zig-andere Symptome mit in Kauf nehmen zu müssen, dürfte durch eine chronische Erkrankung eher dem Geldbeutel des Arztes helfen, weniger dem betroffenen Patienten. Inzwischen gibt es bereits etliche von gewissenhaften Ärzten verfaßte Bücher auf dem Markt, die diesbezüglich warnen und informieren, darunter Jörg Blechs: Die Krankheitserfinder. Wie wir zu Patienten gemacht werden.

    Abgesehen vom persönlichen Schaden für uns Patienten wird so ganz nebenbei die Spirale der Gesundheitskosten ins Unermeßlich hoch getrieben. Der Patient zahlt doppelt: 1. Mit seiner Gesundheit, 2. mit seinem Kassenbeitrag plus 3. Medikamentenzuzahlung, Lebensqualität, etc..

    Gesunde Ernährung ist und bleibt die 1. Medizin zusammen mit Bewegung. Information ist Teil dieser Selbstverantwortung, womit aber gerade die älteren Menschen überfordert sein dürften. Sie sind noch eine andere Kultur der Ärzte gewohnt und bringen einen großen Vertrauensvorschuss mit, der sich leider immer öfter zu ihrem Nachteil auswirkt. Das geht hin bis z.B. zu Operation am Grauen Star, ohne dass sie diesen tatsächlich haben. Eine zweite Meinung einzuholen, kann sich auf jeden Fall lohnen.

    In diesem Sinne sind Mediziner wie Prof. Kay Brunner wahre Lichblicke im Dschungel der Gesundheitsindustrie….