Erfahrung ist ihr wichtigstes Startkapital
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23. November 2009 | Von sechs+sechzig | Kategorie: Jobs & Ehrenamt
Die Zeiten, in denen sich Menschen mit Mitte 50 in den Ruhestand verabschieden konnten, sind vorbei. Heute stehen Männer und Frauen oft genug bis zum 65. Geburtstag im Erwerbsleben. Und immer mehr von ihnen gehen ihrem eigenen Geschäft nach: Gründerzeiten für Ältere. Für die berufliche Selbstständigkeit entscheiden sich gut qualifizierte Arbeiter ebenso wie arbeitslos gewordene Angestellte; einige müssen die Zeit bis zur Rente überbrücken, andere wollen vor dem Ruhestand noch eine berufliche Herausforderung meistern.
Der Nürnberger Joachim Fichtl (57) beispielsweise ist praktisch in die Selbstständigkeit gezwungen worden. 19 Jahre war er als Softwareentwickler angestellt, bis seine Firma pleite machte. Fichtl begriff den Verlust des Arbeitsplatzes als Chance: künftig will er Internetseiten entwerfen, und es sieht so aus, als könnte er endlich alle seine Talente unter einen Hut bringen. Die Weichen in Richtung Ruhestand zu stellen, kam für ihn nicht in Frage, schließlich hatte immer davon geträumt, einmal sein eigener Chef zu sein. Doch »einen guten Arbeitsplatz und ein gutes Einkommen, so etwas gibt man so leicht nicht auf«.
Er investierte einige Tausend Euro in einen schicken schneeweißen Computer – ein Gerät mit großem Flachbildschirm, das sich perfekt in Fichtls streng geometrisch eingerichtete Wohnung hinter dem Stadtpark einfügt. Bei seinem Start in die Selbständigkeit überließ der studierte Architekt nichts dem Zufall: Er marschierte einige Wochen als Praktikant zu einer Firma, die Internetseiten entwirft, besuchte außerdem einen Kurs beim Nürnberger Existenzgründerzentrum »Nexus«. Mit seiner Geschäftsidee wendet er sich an Freiberufler, Handwerker, Künstler und mittelständische Unternehmen, will ihnen zum Festpreis einen Internet-Auftritt organisieren. Seinen ersten Auftrag, erteilt von einer Naturkosmetikfirma, hat er bereits abgeschlossen.
An Fichtls beruflicher Biographie zeigt sich ein Trend: Die Zahl der älteren Existenzgründer (ab 51 Jahren) ist in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen, hält das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie in seinen Statistiken fest. Fachleute in Franken beobachten diese Entwicklung schon seit etwa acht Jahren: Wolfgang Edenharter vom Nürnberger Existenzgründerzentrum »Nexus« und Unternehmensberaterin Ute Lohmüller haben bereits Tausende von Kleinunternehmern, Selbstständige und Existenzgründer in der ganzen Region beim Unternehmensstart begleitet.
Die beiden Experten schulen Menschen, die aus dem Job gedrängt wurden, weil sie ihre Firmenleitung mit 55 Jahren für zu alt hält; sie erleben Fachkräfte, die ihren Arbeitsplatz verloren haben, weil durch neue Technologien ganze Berufe wegfallen oder Firmen in Zeiten der Gewinnmaximierung Abteilungen abbauen. Ganz schwer, so Edenharters Erfahrung, wird es für diejenigen, die in spezialisierten Branchen tätig waren und 20 Jahre einer Tätigkeit nachgingen, die es nur in ihrer Firma gab, wie etwa der Mechaniker, der spezielle Strickmaschinen reparierte. Gründer werden, um die Existenz zu sichern – manchmal sieht Edenharter die Kunden nach Strohhalmen greifen. Frühere Büroangestellte wollen dann einen Hausmeisterservice gründen und Hausfrauen träumen vom Imbiss-Stand. »Gute Standorte für Fressbuden suchen auch die anderen, die schon länger im Geschäft sind. Und Hausmeisterdienste anbieten? Wenn man glaubt, dass man es besser kann als die gelernten Maler, Schlosser und Fliesenleger…«
Edenharter kennt aber auch Erfolgsgeschichten von Leuten, die es schaffen, ihr Hobby zum Beruf zu machen. Ein Imker etwa, der künftig seine fleißigen Bienen hauptberuflich einspannt, ein passionierter Golfspieler, der älteren Sportlern zum perfekten Schwung verhelfen will und Reisen für Ältere organisiert. Und er erzählt von einem Bankangestellten, der sich als Schuldnerberater niederlassen will, von einem Hobbysegler, der einen Bootsverleih in der Türkei betreibt und von einem Skandinavien-Liebhaber, der Ferienwohnungen in Norwegen und Dänemark vermittelt. »Überlegen Sie, was Sie können und wie Sie Ihre alten Kontakte nutzen können«, lautet Edenharters Tipp. Eine Existenzgründung komme vor allem für die vielen gut qualifizierten älteren Arbeitnehmer in Frage, bestätigt Unternehmensberaterin Ute Lohmüller. Sie wagen den Sprung in die Selbstständigkeit, weil sie keine Chance mehr sehen, nach längerer Arbeitslosigkeit wieder eine angemessene Beschäftigung als Angestellte zu finden. Wer es etwa zum Geschäftsführer gebracht hat und obendrein an ein bestimmtes Einkommen gewöhnt ist, wird wenigstens versuchen, die berufliche und gesellschaftliche Stellung zu erhalten oder sogar zu verbessern. Die Selbstständigkeit bietet die Chance dazu. Ältere Gründerinnen und Gründer haben durchaus gute Startchancen. Wer viele Jahre in seinem Beruf tätig war, überblickt meist die Branche und den Markt. Dazu kommt: gute Markt- und Branchenkenntnisse sind oft verbunden mit einem weit verzweigten Netzwerk, meist vielfältigen Kontakten zu Verwandten, Freunden, Nachbarn, Vereinen. All dies ist eine ideale Grundlage für erste Aufträg.

Paul Raab (links) und Jürgen Kratzer haben gelernt, Kosten zu sparen. Jetzt bieten sie sich als Berater an. Foto: Michael Matejka
Jürgen Kratzer (52) und sein Kompagnon Paul Raab (53), beide aus Eckental im Landkreis Erlangen-Höchstadt, haben ihre Fähigkeiten zusammengeworfen und wollen künftig als selbstständige Unternehmensberater ihre Brötchen verdienen. Diplom-Kaufmann Kratzer hat als kaufmännischer Leiter und als Geschäftsführer gearbeitet, Raab steuerte im selben Betrieb in Erlangen die EDV-Abteilung. Dann wurden beide entlassen – aus Kostengründen. Kratzer war sich sicher, dass er leicht eine Stelle als Angestellter finden würde. Doch nach fast 50 Bewerbungen ist ihm heute klar: Die »fünf« im Lebensalter stört. Doch er steckt nicht den Kopf in den Sand: »Meine Akkus sind voll.«
Kratzer und Raab kommen aus einem mittelständischen, fränkischen Unternehmen, das Kosten senken wollte. Kratzer hat sogar dabei geholfen, seine Stelle und die des Kollegen Raab abzuwickeln. Wie sparen geht, wissen sie also. Nun bieten sie dies als Beratungstätigkeit an. Doch ihr Portfolio enthält noch mehr: Raab ist Finne – spricht mehrere skandinavische Sprachen fließend. Beide beraten Kunden deshalb, wie man mit Firmen aus dem hohen Norden umgeht.
Ältere Gründerinnen und Gründer bringen in jedem Fall viel private Lebenserfahrung mit, weiß Unternehmensberaterin Ute Lohmüller. Sie lernt häufig Frauen kennen, die ihr Leben auf ihrem Ehemann aufgebaut hatten. Nach einer langen Familienpause finden sie oft keinen Angestelltenjob mehr, machen sich selbstständig, um so den Weg zurück ins Erwerbsleben zu finden. Nicht wenige von ihnen versuchen, auf der Gesundheitswelle mitzuschwimmen, machen den kleinen Heilpraktikerschein, probieren sich als Lebensberaterinnen, Psychotherapeutinnen oder bieten Yoga und Massagen an. Oft ist Selbstständigkeit für sie die einzige Chance, die Arbeitszeit so flexibel einzuteilen, dass sie weiter Zeit für die Familie haben.

Gründungsberaterin Ute Lohmüller weiß, dass für viele Frauen die Selbstständigkeit der einzige Weg zurück in den Job ist. Foto: Michael Matejka
Kornelia Kirsten aus Burgthann im Nürnberger Land wurde mit 45 Jahren zwar Großmutter, doch dass sie die Erfahrung machen würde, in diesem Alter nicht mehr ohne Weiteres in ein Angestelltenverhältnis zu gelangen, hätte sie nicht gedacht. Dabei ist Kornelia Kirsten der Typ Arbeitnehmer, von dem Arbeitgeber träumen dürften: Sie denkt unternehmerisch, erkennt Schwachstellen – und dass sie die nicht abstellen kann, kann die Frau, die in Leipzig aufgewachsen ist und den Mauerfall als eines ihrer einschneidendsten Erlebnisse beschreibt, nicht akzeptieren. Wenn die Wende möglich war, wie kann dann ihr Arbeitgeber, eine Bank, so schwerfällig am Markt agieren?
Kirsten war im Vertrieb tätig, makelte und verkaufte Immobilien für eine Bank. Ihr Handwerk kennt sie von der Pike auf, sie ist mit Entscheidungsabläufen im Arbeitsprozess vertraut und kann genau arbeiten. Ihre guten Markt- und Branchenkenntnisse haben sich im Lauf der Jahre mit einem weit verzweigten Kontakte-Netzwerk verbunden. Als sie das elektronische Dokumentensystem eines örtlichen Unternehmers sah, ahnte sie das Potenzial. Die Firma hatte diese Software bislang nur an Anwalts- oder Steuerkanzleien verkauft. Kirsten dachte an ihr Immobiliengeschäft in der Bank und regt dort an, die Software anzuschauen. Weil sie auf Granit biss und sich nicht ernstgenommen fühlte, kündigte sie. »Ich war so viele Jahre in meinem Beruf tätig – ich kenne die guten Marktchancen.« Der Software-Hersteller lässt sich überzeugen, Kornelia Kirsten ist sicher, sie hat ein Geschäftsfeld entdeckt, eine unbesetzte Marktnische. Ausgerüstet mit der Software, will sie für den Hersteller neue Kundenkreise gewinnen, bietet Schulungen an. Sie hat sich im Kurs beim Existenzgründerzentrum »Nexus« Grundwissen zum Geschäftsplan und zur weiteren Kundengewinnung geholt, Seminare in Betriebswirtschaft und Buchführung belegt.
»Ich rate dazu, jede Beratung mitzunehmen, die man kriegen kann«, sagt auch Renate Künne. Die 53-jährige Nürnbergerin ist studierte Physikerin, die sich nach über zehn Jahren Angestelltenverhältnis in der Industrie langsam »abnabelte« und ihre Selbstständigkeit auf Raten vollzog. Vor 16 Jahren begann sie eine Ausbildung als Heilpraktikerin, dann als Homöopathin. Um alles unter einen Hut zu bekommen, arbeitete sie zunächst halbtags als Physikerin in ihrem alten Beruf. Sie hielt dazu Kurse als Heilpraktikerin in Nürnberger Gesundheitsläden. Später mietete sie eine Praxis und praktizierte halbtags als Heilpraktikerin. Heute ist sie unabhängig. Künne hat ihren Weg gefunden, sich auf eigene Füße zu stellen.
Ulrike Löw















Der Aufbau des Geschäftsplanes und die anschließende systematische Umsetzung ist nach wie vor einer der Grundlagen der Existenzgründung.