Freie Bahn fürs Blut
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27. November 2009 | Von sechs+sechzig | Kategorie: Gesundheit & Ernährung

Mögliche Lage von Embolien in den Arterien des rechten Beines.
Am Anfang waren es nur zwei Minuten, zwei bis drei Mal im Jahr. Walter Steinmayer, heute 56, verspürte dann immer »so einen nicht genau lokalisierbaren Schmerz in der Brust«, wie er sagt. Der Anwalt mit eigener Kanzlei in Neumarkt ging darüber hinweg. Zwar schickte ihn seine damalige Lebensgefährtin später einmal zum Arzt, aber der fand nichts. Und so steuerte Walter Steinmayer erst einmal jahrelang auf einen Schlaganfall zu.
Irgendwann häuften sich jedoch die Fälle, in denen er den Brustschmerz bekam. »Und eines Tages schaffte ich morgens den zehnminüten Fußweg zur Kanzlei nicht mehr«, erzählt Steinmayer, »ich blieb auf halber Strecke stehen, weil ich keine Kraft mehr hatte.« Als Steinmayer damals klar wurde, »dass das wohl doch was Größeres ist«, vereinbarte er einen Termin beim Kardiologen. Aber noch bevor es dazu kam, musste bei ihm der Notarzt vorfahren. Kurz darauf fand sich der Patient im Neumarkter Krankenhaus wieder, wo man vergeblich gehofft hatte, ihm einen »Stent« setzen zu können: Die Herzkranzgefäße waren schon zu verstopft. So wurde er in Erlangen operiert, vier Bypässe wurden eingesetzt. »Der Arzt hat mir nach der OP gesagt: Drei waren nötig, einen gibt es bei uns immer gratis dazu«, witzelt Steinmayer, der heute darüber lachen kann. Er muss täglich Blutdruck- und Cholesterinsenker sowie einen Blutverdünner einnehmen, aber ansonsten merkt er von seiner Krankheit gar nichts mehr.
Genau das ist allerdings das Tückische an Gefäßerkrankungen: Sie sind weitgehend unsichtbar. Am greifbarsten wird dieses Problem bei der sogenannten »Schaufensterkrankheit«, von Medizinern »periphere arterielle Verschlusskrankheit« (PAVK) genannt: Die Betroffenen haben, meist in den Beinen, solche Schmerzen, dass sie immer wieder stehen bleiben müssen – und damit’s keiner merkt, schauen sie sich die Vitrinen von Geschäften an. Viele ältere Menschen halten die Schmerzen für unumgängliche Altersbeschwerden und wenden sich nicht an einen Arzt. Die Folge: totaler Gefäßverschluss. Bei deutschlandweit etwa 35.000 Patienten jährlich müssen dann Gliedmaßen amputiert werden. Ohne PAVK-Behandlung schrumpft die Lebenserwartung der Betroffenen um zehn Jahre, was auch daran liegt, dass die Schaufensterkrankheit eine Art Frühwarnlampe für Probleme an herznäheren Arterien ist.
»Die Häufigkeit der PAVK nimmt mit steigendem Alter rasch zu«, sagt Prof. Curt Diehm vom Klinikum Karlsbad-Langensteinbach, der Vorsitzende der Deutschen Gefäßliga, und: »Ab dem 65. Lebensjahr ist bereits jeder fünfte Patient davon betroffen.« Das müsste eigentlich nicht so ein: Im Bereich der Durchblutungsstörungen sind sowohl Diagnose als auch Therapie viel weiter als bei anderen Krankheiten. »Der Fortschritt dringt allerdings nicht in die Peripherie vor«, klagt Prof. Diehm, »hinzu kommt, dass wir immer älter werden und die wichtigsten Risikofaktoren wie Rauchen, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen, Zuckerkrankheit und Fettsucht länger auf die Menschen einwirken können.«
Eine elementare Rolle spielten dabei die Hausärzte, sagt Diehm, und fordert die Kollegen auf, ihre Patienten mit dem so genannten Knöchel-Arm-Index zu untersuchen. Dabei misst man in liegender Position den Blutdruck der Beinarterien, der normalerweise etwas höher als in den Armarterien ist. Ist der Blutdruck dort geringer, dann lässt das auf Verengungen in den Beinarterien schließen. Andere Anzeichen kann man selber leicht feststellen: wenn zum Beispiel die Behaarung bei einem Bein deutlich geringer ist als beim anderen, wenn die Fußnägel auf einer Seite langsamer wachsen, wenn man krampfartige Beschwerden in der Wade hat oder sehr kalte Füße.
Liegen tatsächlich Durchblutungsstörungen vor, stellt die Medizin heute eine ganze Reihe von Therapien zur Verfügung. In leichten Fällen der Schaufensterkrankheit wird ein Ausdauertraining verordnet, meist in Form von Gehübungen, Radfahren oder Treppensteigen. Bei schlimmerer Arterienverkalkung wird medikamentös nachgeholfen, mit Blutdrucksenkern und Blutverdünnern.
Wenn nötig, greifen die Ärzte danach zur Chirurgie: Katheter, Stützen (»Stents«) oder Bypässe werden eingesetzt. Nur wenn das alles nichts mehr hilft, muss amputiert werden.
Wer nie Probleme mit Arterienerkrankungen hatte und mit ihnen nichts zu tun haben will, lebt am besten auch nach diesem Wunsch (siehe Tipps im Info-Kasten). Raucher etwa haben ein doppeltes Risiko für Erkrankungen der Herzkranzgefäße, starke Raucher leiden vier Mal so oft unter der Schaufensterkrankheit wie Nichtraucher. Das »Raucherbein« hat seinen Namen nicht ohne Grund. Walter Steinmayer übrigens war auch Raucher. Am Tag nach seiner großen Operation hat er damit für immer aufgehört.
Stefan Brunn
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Information
* Was kann ich für meine Gefäße tun? Geben Sie sofort das Rauchen auf!
* Lassen Sie Blutdruck, Blutzucker, Fett- und Harnsäurewerte regelmäßig kontrollieren.
* Bewegen Sie sich ausreichend, aber legen Sie auch ab und zu die Beine hoch, damit das Blut aus den Beinen abfließen kann.
* Achten Sie auf Ihren Körper: Wie lange können Sie zum Beispiel schmerzfrei gehen?
* Trinken Sie genug, das hält das Blut flüssig.
* Tragen Sie keine engen Schuhe.














