Hirschknäckerla
liegen ihm am Herzen

Artikel drucken Artikel drucken 27. November 2009 | Von | Kategorie: Jobs & Ehrenamt

Baumriesen hat die Obstsortenwiese bei Kasberg im Landkreis Forchheim nicht zu bieten. Die über 200 Bäume, die schnurgerade neben- und hintereinander auf einer Fläche von 3,7 Hektar aufgereiht sind, wirken beinahe kümmerlich im Kontrast zu der tausendjährigen Linde, die nur ein paar Steinwürfe entfernt steht. Umso klangvoller sind allerdings die Namen. »Prinz Albrecht von Preußen«, »Kaiser Alexander« oder »Geheimrat Dr. Oldenburg« geben sich hier ein Stelldichein, erfahren wir von Dr. Friedrich Oehme, der über das Gelände führt.

Bis Ende Oktober heißt es: bitte zählen. Im vierten Jahr in Folge findet das jährliche Tagfalter-Monitoring statt. Um die Falter auch bestimmen zu können, hat sich Friedrich Oehme mit einem Kescher »bewaffnet«, was nur mit Sondergenehmigung erlaubt ist. Foto: Fürböter

Bis Ende Oktober heißt es: bitte zählen. Im vierten Jahr in Folge findet das jährliche Tagfalter-Monitoring statt. Um die Falter auch bestimmen zu können, hat sich Friedrich Oehme mit einem Kescher »bewaffnet«, was nur mit Sondergenehmigung erlaubt ist. Foto: Fürböter

»Bingo! Da haben Sie den Richtigen erwischt«, hatte uns Heinrich Kattenbeck vom Bund Naturschutz (BN) aus Forchheim gratuliert. »Es ist schon außergewöhnlich, dass sich ein Doktor der Technik derart der Natur verschreibt. Zumal der Frieder ja immer noch an der Uni tätig ist!«, so der Vorsitzende der 2100 Mitglieder zählenden Kreisgruppe. »Und verlassen kann man sich auf ihn wie auf ein Uhrwerk.«

Friedrich Oehme wäre an diesem Tag in seinem Büro in der Erlanger Universität mit Sicherheit besser aufgehoben, denn es regnet in Strömen. »Heute kann man wenig machen«, bedauert der 69-Jährige. Deshalb hat Oehme nur die zur Orientierung unentbehrliche Sortenliste und den Pflanzplan dabei. Auf die sonst üblichen Werkzeuge wie Spaten, Schubkarre und Gartenschere hat er verzichtet. Er schaut auf sein Reich und erzählt: »Vor zehn Jahren war das noch ein Acker. Die Fläche gehört Privatleuten, der Bund Naturschutz hat sie gepachtet, um eine Obstwiese anzulegen, wie sie für Franken typisch ist – und auch bleiben soll.« Wobei er gleich einschränkt: eine typische Streuobstwiese sei dies nicht, denn der Schwerpunkt liege auf den alten Sorten. »Wir haben allein über 50 alte Apfelsorten, das ›Hirschknäckerla‹ ist beispielsweise eine alte fränkische Sorte.« Der promovierte und habilitierte Hochschullehrer für Elektronik plaudert wie einer vom Obst-Fach. Nicht umsonst hatte BN-Chef Kattenbeck beteuert: »Was der Frieder nicht weiß, darüber macht er sich sachkundig.«

Gern klärt der Elektro- und Diplom-Ingenieur auf über Stammbildner, auf die Kirschreiser aufgepfropft worden sind. Aber auch Zwetschgen-, Pflaumen-, Renekloden- und Birnenbäume wachsen auf der »Obstsortenwiese«, über die der BN gelegentlich auch Obstbauern führt. Über die hier vorhandene Vielfalt der Früchte und Geschmacksrichtungen können nämlich auch Profis staunen. Womöglich entdeckt der eine oder andere sogar die Apfelsorte aus dem Garten seiner Großmutter wieder, deren Namen sie mit ins Grab genommen hat. Oder eine Apfelsorte, die er nur noch aus Erzählungen kannte. Früher sprachen Friedrich Oehme und seine Forchheimer Naturfreunde von der Wiese als »Obstsortenmuseum«. Mittlerweile haben sie den Begriff ad acta gelegt. »Museum hat einen Beigeschmack von Altem, Verstaubtem. Aber hier geht es ums Leben! Deshalb sprechen wir nun lieber von unserer Obstsortenwiese«, sagt Friedrich Oehme, seit über 30 Jahren im Bund Naturschutz und seit 2005 Geschäftsführer bei der Forchheimer Kreisgruppe. Aber hier auf der Obstwiese ist er tatsächlich erst vor zwei Jahren auf den Plan getreten.

»Die Wiese war damals dem Verfall nahe«, erinnert sich Heinrich Kattenbeck. »Der Frieder hat sie auf Vordermann gebracht, Neuanpflanzungen vorgenommen und auch ein Obstwiesenfest initiiert«, lobt er. Voriges Jahr fand das Fest zum ersten Mal statt, heuer wird am 12. Oktober gefeiert. »Wir werden Nisthilfen für Insekten bauen. Natürlich gibt es auch eine zünftige Brotzeit und frisch gepressten Apfelsaft«, lockt Friedrich Oehme. Er ist in Ostpreußen geboren, lebt jetzt in Heroldsbach nahe Forchheim und verbindet offensichtlich gern das Angenehme mit dem Nützlichen.

»Der Frieder lässt sich nichts aufs Auge drücken, der will das alles«, ist Barbara Schütz überzeugt. Die 64-Jährige ist Kassiererin in der Heroldsbacher BN-Ortsgruppe, die Oehme Anfang der 90er Jahre mit aus der Taufe gehoben hat. Seit er pensioniert und an der Universität nur noch mit Sonderaufgaben beschäftigt ist, engagiert er sich sehr. Egal, ob bei ganz normalen Arbeitseinsätzen, in seiner Funktion als Schriftführer, beim Forchheimer Bauernmarkt oder bei der Nacht der Fledermäuse. »Für die ist er ja überhaupt der Experte«, sagt Barbara Schütz. Tatsächlich hat Oehme eines der weltweit ersten Aufnahmegeräte für die Rufe dieser Säuger mitentwickelt. Mittlerweile ist dieser »Batcorder« schon in der sechsten Version auf dem Markt. »Oehme-Gerät« heißt er noch bei der »alten Garde«.

Der Ausstieg aus dem Erwerbsleben fiel ihm nicht schwer. »Wenn Leute aus dem Berufsleben ausscheiden, sagen sie oft: ›Ach, ich mach erst mal ein Jahr Pause.‹ Aber glauben Sie mir, nach dem einen Jahr ist man eingerostet! Der Mensch wirft sich gewissermaßen weg«, meint Oehme. Er jedenfalls würde sich langweilen. Seine Alternative: gleich anfassen! Nach seiner offiziellen Pensionierung im Jahr 2005 habe er zunächst damit geliebäugelt, ein Geschäft aufzuziehen. Dienstleistungen rund um den Computer wollte er anbieten. Aber dann hat er sich die Sache anders überlegt. Dass er sich um die Stelle des Geschäftsführers beim Bund Naturschutz in Forchheim bewarb, begründete Friedrich Oehme in der Zeitung der Forchheimer Kreisgruppe »Brennnessel« damals so: »Weil ich darin eine hervorragende Möglichkeit sehe, umweltpolitisch etwas zu bewegen.«

Seit Anfang April zählt Oehme einmal in der Woche auf einem bestimmten Areal die Schmetterlinge. »Es ist ganz toll, verschiedene Sachen zu machen«, freut er sich. Natürlich gäbe es auch andere Betätigungsmöglichkeiten, Briefmarken sammeln oder Modelleisenbahn bauen. Aber da würde er seine Qualifikation nicht nutzen, meint er. «Ich bin ja die seltenste Zeit als Naturbursche in Gummistiefeln und mit Hütchen auf dem Kopf unterwegs, hauptsächlich fungiere ich als Politiker.«

Hier oben bei Kasberg hat Friedrich Oehme selbstverständlich die Gummistiefel an. Er richtet die Halterung eines Baumes, die beim Humusausbringen am Vortag versehentlich aus dem Boden gerissen worden ist. »Jetzt geht es richtig los! Nachdem sie sich nur entwickelt haben, beginnen die Bäume endlich zu tragen«, strahlt Friedrich Oehme. Bei der Consumenta vom 25. Oktober bis 2. November im Nürnberger Messezentrum wird er in diesem Jahr erstmals die breite Palette seiner eigenen Apfelsorten präsentieren. Dass sich jemand um die Obstwiese kümmere, sei notwendig gewesen, meint der Wahl-Franke. »Schließlich geht es nicht nur um ein paar Äpfel, Birnen oder Pflaumen. Wenn Bäume absterben oder umgesägt werden, fehlen Schattenspender, Nahrungsquellen und Schlupfwinkel – zum Leidwesen der Tiere und der Landschaft«, sagt Friedrich Oehme. Unter seinen Obstbäumen bringen manchmal sogar Rehe ihre Kitze zur Welt. »Einmal habe ich eines bei der Arbeit gefunden«, erinnert er sich. Und als sei er mit seinen bisherigen Aufgaben nicht ausgelastet, pflegt er in seinem Wohnort Heroldsbach weitere 40 Obstbäume auf einer Bauland-Ausgleichsfläche der Gemeinde.

Vom eigenen Garten lässt er dagegen lieber die Finger. »Als ich in den Ruhestand ging, hatte ich vor, im Garten ein Gewächshaus zu bauen. Plötzlich habe ich gemerkt, dass meine Frau traurig wurde, denn der Garten am Haus ist ihr Hobby.« Wird die Umtriebigkeit ihres Mannes Isolde Oehme nicht manchmal zu viel? Sie lacht: »Frieder hat immer zu tun. Aber ich kenne es nicht anders. Es hat ja schon auf der Hochzeitsreise vor 43 Jahren angefangen. Aber solange mein Mann etwas machen kann, fühlt er sich gut.« Und er weiß: »Ich könnte nicht als Seiltänzer unterwegs sein, böte mir meine Frau nicht so ein starkes Netz. Wir sind ein Team.«

Isolde Oehme hat auch schon Bäume mitgepflanzt. Ihrem Mann nebst Mitstreitern bringt sie manchmal auch Kaffee oder Leberkäs’ auf die Wiese. Nur eines macht Isolde Oehme nicht mehr: Sie setzt sich nicht mit aufs Motorrad. »Mit meiner 800er BMW war ich gerade zusammen mit Freunden auf Tour. Letztes Jahr waren wir in Spanien, diesmal war Deutschland dran«, erzählt der flotte Großvater zweier Enkelinnen. Wie hatte der Forchheimer BN-Vorsitzende Heinrich Kattenbeck doch gleich gesagt? »Wenn die Maschine auf dem Hof steht, weiß ich: Der Frieder ist wieder da.«

Ute Fürböter

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Ein Kommentar
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  1. lieber Frieder,
    ich habe obigen Artikel mit großem Interesse gelesen. Meine Erkenntnisse habe ich umgehend in die Tat umgesetzt und diese Woche in STÜ einen Apfelbaum geplanzt : Marke “Malus Hirschknäckerla”. Bei der anschließenden Begießungszeremonie assistierten auch Ulli und Roland.
    pomologische Grüße
    Gaumas