Höchstädter Verein richtet Wohngemeinschaft für Demente ein

Artikel drucken Artikel drucken 27. November 2009 | Von sechs+sechzig | Kategorie: Pflege & Betreuung
Rosi Schmitt weist auf das Haus, in dem sich alte, demente Menschen wohlfühlen sollen. Foto: Mile Cindric

Rosi Schmitt weist auf das Haus, in dem sich alte, demente Menschen wohlfühlen sollen. Foto: Mile Cindric

Das Haus thront über der Innenstadt, als wollte es Höchstadt behüten. Dem Schloss gegenüber steht das Gebäude Schlossberg 9, das schon Gericht, Rathaus und Verwaltungsgemeinschaft beherbergt hat. Bald werden hier ältere Menschen einziehen. »Ambulant betreute Wohngemeinschaft für demenzkranke und pflegebedürftige Menschen« heißt das Projekt. Kein großer Verband macht sich daran, die erste Wohngemeinschaft dieser Art im Landkreis einzurichten, sondern ein kleiner Verein namens »Lebensfreude ERHalten«.

Rosi Schmitt, Altenpflegerin, Altentherapeutin, Vorsitzende und Seele des Vereins, will vor allem eins: dass demente Menschen in Würde altern können. »Wir wollen die Demenzkranken ernst nehmen, sie im Alltag spüren lassen, dass sie wertvoll sind.« Aus langjähriger Erfahrung weiß sie, dass die Betreuung dementer Menschen sehr viel Zeit erfordert. Zeit, die der Personalschlüssel in großen Heimen selten lässt.

So reifte in ihr die Idee, dass kleinräumige, familiäre Strukturen nötig sind, um demenzkranke Menschen bedarfsgerecht zu betreuen und zu versorgen. Zehn bis zwölf Menschen wohnen in einer ambulant betreuten WG zusammen. Professionelle Arbeit wird von ambulanten Pflegediensten und Betreuern geleistet, beraten von einem Fachbeirat. Weil der Einsatz von Profis allein nicht reicht, kommen geschulte Helferinnen hinzu. Auch das Engagement der Angehörigen bzw. der gesetzlichen Vertreter ist erforderlich.

Vorbild ist für Schmitt eine Wohngemeinschaft in Obersteinbach im Landkreis Neustadt/Aisch, einer Einrichtung der Jacob und Marie Rothenfußer Gedächtnisstiftung in München. Der Verein Lebensfreude ERHalten als Generalmieter vermietet Einzelzimmer plus anteilig Wohnfläche der Gemeinschaftsräume an die Mieter. Die Bewohner schließen einen individuellen Vertrag mit einem ambulanten Pflegedienst ihrer Wahl und einen Betreuungsvertrag ab. Der Pflegedienst ist nicht stationär in dem Wohnhaus präsent, sondern als Gast rund um die Uhr.

Eine besonders wichtige Rolle kommt den Angehörigen zu, da viele demenzkranke Menschen nicht für sich sprechen und entscheiden können, wie der Alltag in der WG ablaufen soll. Dazu ist es sinnvoll, wenn sich die Angehörigen bereits vor Einzug in die Wohngemeinschaft intensiv mit dem Lebenskonzept der Gemeinschaft befassen, wobei die Idee der ambulant betreuten WG immer Grundvoraussetzung bleibt. »Ein gewisser Betreuungs- und Versorgungsstandard muss erfüllt sein, damit die WG funktionieren kann«, sagt Rosi Schmitt.

Vor Augen habe der Verein stets das Ziel, die Erkrankten – soweit möglich – selbst über ihr Leben bestimmen zu lassen. Sie in den Lebensalltag einzubeziehen, ist für das Wohlbefinden entscheidend. Kleine Aufgaben zu übernehmen, die sie trotz ihrer Krankheit bewältigen können, sei das Wichtigste schlechthin: Gemüse fürs Essen schneiden, Geschirr spülen, Wäsche bügeln, Unkraut jäten im Garten. Den Bewohnern soll Teilhabe am Leben ermöglicht werden. Das unterscheide die Wohngemeinschaft ganz wesentlich vom Heim. »Wir verstehen uns nicht als Konkurrenz zu Pflegeheimen«, betont Rosi Schmitt. »Wir bieten eine Alternative an, die einen anderen Ansatz hat.«

Mit Geldern des Deutschen Hilfswerks und der Bayerischen Landesstiftung wird das Haus nun bedarfsgerecht umgebaut. Verein und Stadt Höchstadt haben den Mietvertrag bereits unterzeichnet. Die Wohngemeinschaft für pflegebedürftige und demente Menschen will 2009 den Betrieb aufnehmen.

»Besonders grandios ist die Lage des Hauses«, schwärmt Rosi Schmitt mit einem Leuchten in den Augen: gerade mal fünf Minuten von Bäcker, Metzger, Gemüsehändler und Eisdiele entfernt. Ein weiterer Mosaikstein in dem Konzept, die erkrankten Menschen weiter mit dem normalen Alltag zu verbinden – so sind sie mittendrin statt nur betreut.

Dieter Köchel

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Information

Ideelle, praktische und finanzielle Hilfe sind dem Verein »Lebensfreude ERHalten« ebenso willkommen wie neue Mitglieder.
Kontakt: Rosi Schmitt,
Blumenstraße 19, 91334 Hemhofen,
Telefon 0151 / 1571 42 44;
E-Mail: rosa.schmitt@t-online.de
Der Verein veranstaltet auch Kurse und organisiert Vorträge aus dem Themenbereich der Gerontopsychiatrie sowie Schulungen, etwa zur Kommunikation mit demenzkranken Menschen.
Am 14. November findet von 9 bis 16 Uhr eine Fachtagung zum Thema »Demenz und Prävention« statt. Veranstaltungsort ist das Forum der Barmherzigen Brüder in Gremsdorf,
Eustachius-Kugler-Straße 1, 91350 Gremsdorf.

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