Peter Kuschel – der Querdenker vom Lande
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27. November 2009 | Von sechs+sechzig | Kategorie: Vermischtes

n seinen Bildern entpuppt sich der scheue Künstler Peter Kuschel als scharfsinniger Gesellschaftskritiker. Foto: Michael Matejka
Seit seiner Kindheit lebt der heute 68-jährige Bildhauer und Maler Peter Kuschel zurückgezogen in der Gemeinde Etzelwang im Landkreis Amberg-Sulzbach. Obwohl es in seiner beruflichen Laufbahn nur wenige spektakuläre Ereignisse gab, gehört er seit den 60er Jahren zu den wirklich Etablierten unter den »freien« Künstlern in Deutschland, zum kleinen Kreis derer, die ausschließlich von den Erträgen ihrer Kunst leben können.
Peter Kuschels Geburtsort Trebnitz liegt in Schlesien, doch ein Teil seiner Familie ist seit mehreren Generationen eng verbunden mit der mittelfränkisch-oberpfälzischen Region. Ein Urgroßvater war im 19. Jahrhundert als Wanderarbeiter am Bau der Eisenbahnstrecke Nürnberg-Regensburg beteiligt. Dessen 1876 in Etzelwang geborener Sohn, Kuschels Großvater, erlernte in Nürnberg das Ofensetzer-Handwerk. Später zog der Ofensetzer mit seiner Frau, einer gebürtigen Schlesierin, in die Nähe von Breslau. Das Paar hatte fünf Söhne und fünf Töchter, von denen eine Peter Kuschels Mutter werden sollte. Im Januar 1945 flüchtete die Familie aus Schlesien zu Verwandten nach Nürnberg, dann weiter nach Etzelwang, wo sie ein ehemaliger Schulkamerad des Großvaters aufnahm.
Vielleicht war es das frühkindliche Erlebnis der Flucht, das Peter Kuschel zu einem ausgesprochen sesshaften, heimatverbundenen Menschen hat werden lassen. Seit mittlerweile mehr als 60 Jahren hat er seinen Heimatort nur noch für mehr oder minder kurze Zeit verlassen. Auch nach dem Kunststudium bei dem berühmten Bildhauer Hans Wimmer an der staatlichen Kunstakademie in Nürnberg, die Kuschel 1964 als Meisterschüler beendet hatte, ging er ganz selbstverständlich ins Haus seiner Mutter in seinem Dorf zurück. Seine Frau, die aus Japan stammt, lernte er vor fast drei Jahrzehnten nicht etwa im fernen Nippon kennen, sondern in Etzelwangs Nachbarort Hartmannshof.
Trotz dieser offensichtlichen Anhänglichkeit, die gerade in den »wilden« Sechzigern sehr ungewöhnlich war, haben die alteingesessenen Etzelwanger den bislang ersten und einzigen Künstler in der Geschichte ihres Ortes zunächst ein wenig misstrauisch beäugt. Auch dessen »fremdländische » Frau sorgte zeitweilig für ein gewisses Aufsehen. Das alles ist jedoch längst vergessen. Die Nachbarn haben sich inzwischen davon überzeugen können, dass auch im »Künstlerhaushalt« ein durch und durch bürgerlicher Lebensstil gepflegt wird. Der Hausherr konnte in all den Jahren stets angemessen für den Unterhalt seiner Familie aufkommen, seine Frau hat nicht nur die beiden Kinder »ordentlich« erzogen, sondern auch beeindruckend schnell gelernt, im fränkisch-oberpfälzischen Stil zu kochen und zu backen.
Das meiste Vertrauen schuf aber wahrscheinlich die Tatsache, dass Peter Kuschel in seinem Beruf einen allgemein sichtbaren Erfolg hatte. Wie alle Bildhauer, so schuf auch er hauptsächlich Kunst für den öffentlichen Raum. Seine Denkmäler und Brunnenfiguren stehen in vielen Städten und Gemeinden der Region, aber ebenso in anderen Gegenden von Deutschland sowie in Japan und in den USA. Dazu kamen regelmäßig Kirchenausstattungen, Altäre, Lesepulte, Leuchter, Kruzifixe und anderer Figurenschmuck. Sein monumentalstes Werk ist eine Bildnisplastik von Ludwig van Beethoven für die japanische Stadt Naruto. Die Skulptur soll daran erinnern, dass deutsche Internierte im Jahr 1918 in Naruto die erste Aufführung von Beethovens »Neunter Symphonie« auf japanischem Boden organisierten.
Peter Kuschel steht zu jeder seiner Auftragsarbeiten, doch seine große Liebe gilt dem, was er ohne Auftrag malt und modelliert. Diese intimen Bilder und Plastiken sind Spiegel seiner ureigensten Gedanken und Empfindungen. Sie zeigen den im Alltag eher zurückhaltenden, ja scheuen Künstler als bissig-ironischen Gesellschaftskritiker. Die relative Abgeschiedenheit von Etzelwang hat seine Neigung zur Satire nie gedämpft, sondern im Gegenteil stets gefördert. »Wenn man die Welt aus einiger Distanz betrachtet, wird man nicht so sehr von allerlei Details abgelenkt, man sieht eher die großen Zusammenhänge«, sagt er. »Was denken Sie, warum gerade in Süddeutschland so viele Kabarettisten in der Verkleidung der vermeintlich ahnungslosen Provinzler auftreten?«
Die Provinzler-Rolle spielt auch Kuschel manchmal in der Öffentlichkeit. Dabei beobachtet er alles ganz genau und hört und sieht, was den meisten anderen entgeht. Er macht sich das Vergnügen, großmäulige Politiker und Wirtschaftsbosse »beim Wort zu nehmen«, öffentliche Sprechblasen mit nicht selten beinharter Realität in Verbindung zu bringen. Sein »Kleines Denkmal für einen großen Macher« ist eine nur 46 Zentimeter hohe Keramik. Sie zeigt die gesichtslose Macht: einen dreiteiligen Herrenanzug, der auch ohne den jederzeit beliebig austauschbaren menschlichen Inhalt gesellschaftliche Bedeutung signalisiert. Daneben stellt Kuschel die existenziellen Probleme der Mehrheit. In den vergangenen 15 Jahren entstanden diverse Skulpturen zu Themen wie Umweltzerstörung, Armut, Alter, Krankheit und Tod.
Peter Kuschel ist ein bekennender Wertkonservativer. Er macht keinen Hehl aus seinem Unbehagen beim Betrachten einer Welt, die in seinen Augen zunehmend einem Rummelplatz des Ungeistes und der verantwortungslosen Geschäftemacherei gleicht. Die oft gehörte Meinung, kritische Kunst könne die Welt kaum entscheidend ändern, lässt ihn ziemlich kalt. »Dass Kritik von meiner Seite nicht viel nützt, kann schon sein«, räumt er ein, »aber wem würde es nützen, wenn ich heute aufhöre, mein Mitleid und meinen Zorn sichtbar zu machen?« Und schließlich macht der Kuschel Peter »die satirischen Sachen« nicht zuletzt zu seinem eigenen Vergnügen. Es bereitet ihm immer wieder eine »diebische Freude«, wenn er die verschiedenen Ausdrucksformen von Dummheit und Arroganz karikieren kann. Zurzeit porträtiert er einen multinationalen Konzern in der Gestalt einer riesigen Heuschrecke.
Das Gemälde ist Teil einer Serie mit dem Titel »Zeiterscheinungen«. Thematisiert werden auf recht derbe und drastische Weise Ereignisse, die wir alle aus den Medien kennen: Manager, die für ihre Fehlentscheidungen nicht zur Verantwortung gezogen werden, sondern vielmehr mit dicken Abfindungen das Weite suchen dürfen. Korruptionsskandale, wachsende soziale Ungleichheit. Wenn Kuschel das alles manchmal doch zu viel wird, malt er zur Entspannung rosig-nackte Damen, die engelgleich durch blaue Himmel schweben. »Wenn ich Besuch aus dem Dorf bekomme, räume ich die Nackten allerdings meistens weg« erzählt er lachend, »die schockieren die meisten Leute wahrscheinlich viel eher als die wirklichen Sauereien.«
Bernd Zachow














