Spazierengehen:
vom Charme der Langsamkeit
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27. November 2009 | Von sechs+sechzig | Kategorie: Vermischtes

Auf Exkursionen erläutert der Erlanger Jürgen Sandweg (re.) die historischen Dimensionen der Landschaften, die man durch aufmerksames Gehen erfahren kann. Foto: Mile Cindric
Zugegeben, es wäre eine schöne Geschichte gewesen: Professor Martin Schmitz erhebt an der Universität Kassel das Spazierengehen zur Wissenschaft, man richtet ihm einen Lehrstuhl ein, und er wird dafür mit einem anständigen Professorengehalt bezahlt. Eine große Nachrichtenagentur hatte die Meldung zwar unter der Überschrift »Spazieren gehen als akademisches Fach – An der Uni Kassel gibt es den einzigen deutschen Lehrstuhl für Promenadologie oder Spaziergangswissenschaft« verbreitet. Weit über 300 Mal wurde die Nachricht dann in deutschsprachigen Zeitungen und Magazinen veröffentlicht, Hörfunk und Fernsehen nicht mitgerechnet. In einer Kirchensendung des Südwestdeutschen Rundfunks (SWR) war sie sogar der Inhalt einer Abendpredigt. Nur leider stimmt die Geschichte nicht ganz.
Jens Brömer, Mitarbeiter der Uni-Pressestelle in Kassel, ärgert sich deshalb über die bisherige Darstellung: »So sehr sich die Universität um eine Korrektur bemühte, die Redaktionen erreichte sie offenbar nicht. Auch wenn die Meldung einigen Redakteuren eigenartig vorkam, zur Nachfrage entschlossen sich etwa so viele wie eine Hand Finger hat. Dafür wurden wir von manchen Medien mit Häme und Spott überschüttet.« Und doch: diese Geschichte enthält einen wahren Kern. Martin Schmitz ist kein Professor, sondern ein Diplom-Ingenieur, im Hauptberuf Verleger in Berlin. Er hat zwar keinen Lehrstuhl, aber er ist Lehrbeauftragter an der Universität in Kassel im Fachbereich Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung. Der Lehrauftrag umfasst pro Semester zwei Stunden in der Woche und wird nicht mit einem Professorengehalt, sondern mit einem knapp bemessenen Stundenhonorar vergütet.
Zu dieser Aufgabe an der Hochschule kommt Schmitz nicht von ungefähr: Er war Schüler des Schweizer Soziologen Lucius Burckhardt, der die Spaziergangswissenschaft im Jahr 1980 gemeinsam mit seiner Frau Annemarie aus Elementen der Soziologie und des Urbanismus entwickelt hatte. Dabei geht es darum, dass die Wahrnehmung der Landschaft stark damit zusammenhängt, wie man sich durch sie bewegt. Als Burckhardt vor fünf Jahren im Alter von 78 Jahren verstarb, war die »Promenadologie« verwaist, bis der Wanderstab im Wintersemester 2006/2007 von seinem Schüler Martin Schmitz aufgenommen wurde. Er ist aber mittlerweile nicht der einzige Wissenschaftler dieser Art in Deutschland: Seit 2007 unterrichtet Bertram Weisshaar ebenso die Spaziergangswissenschaft an der Universität Leipzig, jeweils im Wintersemester im Rahmen des Seminars »Stadtwahrnehmung.« Aber auch der 66-jährige Erlanger Lehrer Jürgen Sandweg knüpft an die Ideen von Burckhardt an. So hält der mittlerweile pensionierte Lehrer eine Vorlesung zum Studium Generale an der Volkshochschule Schwabach, in der unter Punkt 14 über die »Promenadologie und Verkehrswissenschaften« referiert. Darüber hinaus hat er gemeinsam mit dem Fotografen Georg Pöhlein die poetischen Lauf-Qualitäten des Erlangener »Bergs« gelobt. (Georg Pöhlein/Jürgen Sandweg: Lauf Berg Lauf, Bibliothek der Provinz, Weitra).
Doch zurück zum Verleger und Diplomingenieur Martin Schmitz: Der 50-Jährige meint: »Es geht nicht nur ums Spaziergehen, sondern auch um Fortbewegung per Eisenbahn, Schiff, Flugzeug und Auto.« Denn der Blick auf die Landschaft habe sich rasch verändert, erläutert er. Die erste Revolution sei die Eisenbahn gewesen: Mit einem Mal habe sich der Mensch mit ihr viel schneller durch seine Umwelt bewegt, der Blickwinkel habe sich dadurch zwangsläufig verengt. »Selbst wenn er spazieren geht, entgehen dem modernen Menschen Details, die seinem Vorfahren mit Sicherheit aufgefallen wären.« Das Auto habe die Revolution der Wahrnehmung fortgesetzt, die Billigflieger hätten die Entwicklung auf die Spitze getrieben. Auch der Internet-Anbieter Google Earth mit seinen Fotos der Erde und das Satelliten gestützte Navigationssystem helfen mit, sich immer besser in der Umgebung zurecht zu finden und doch immer weniger zu sehen. Fachmann Schmitz warnt deshalb vor einer »gewissen Disneysierung« der Umwelt: »Der moderne Mensch braucht lediglich zwei, drei Bausteine: Strand, Palme und Meer sind gleich Südsee; Berg, Wald und Schnee sind gleich die Alpen. Details sind überflüssig und werden gar nicht mehr wahrgenommen.«
Ziel der Spaziergangswissenschaft ist es, die uns umgebende Welt in ihrer Gesamtheit wieder in die Köpfe zurückzuholen. Hierbei diene der Spaziergang sowohl als »Instrument« zur Erforschung der täglichen Lebensumwelt als auch zur Vermittlung von Inhalten und Wissen. Die Menschen müssten einfach das Naturkino, zum Beispiel die Veränderungen des Wetters, wieder wahrnehmen. Kein leichtes Unterfangen in einer Gesellschaft, in der heute bei eigentlich normalen minus zehn Grad im Winter gleich von einer »Kältewelle« und nach einem ordentlichen Schauer von »sintflutartigen Regenfällen« gesprochen wird. Der Diplom-Ingenieur empfiehlt, bekannte Wege anders zu erleben: »Die gewohnte Autoroute mal mit dem Fahrrad abzufahren oder zu Fuß zu gehen. Oder beim Autofahren einfach das Navigationssystem auszuschalten. Es ist faszinierend, wie die Augen die selbe Welt völlig anders wahrnehmen.« In Schmitz’ Unterricht befasst sich jeweils eine Gruppe von zehn Studenten mit den Theorien des Soziologen Burckhardt und versucht dann, das Gelernte beim Spazierengehen umzusetzen.
Schmitz: »Für angehende Architekten und Planer ist es Voraussetzung, dass sie besser hinschauen als andere.« Beispiel: Es gehe eben nicht nur darum, ein Haus statisch richtig zu bauen und den Kurvenradius einer Straße zu berechnen, sondern auch darum, ob beide zusammen funktionieren können. Der Dozent: »Am Ende der Spaziergänge besuchen wir immer ein Planungsbüro ehemaliger Kommilitonen von mir, um etwas über ihre Arbeit und ihr Studium zu erfahren. Es ist dabei wichtig, dass Künstler, Designer, Architekten und Planer zusammenarbeiten.«
Außer seiner Tätigkeit an der Universität Kassel und als Verleger in Berlin hält Schmitz rund 50 Vorträge pro Jahr über die Promenadologie in ganz Deutschland, sowohl vor einem jüngeren Publikum als auch vor Älteren. »Vieles hat sich einfach hässlich entwickelt. Wir müssen die historischen Altstädte weiter entwickeln, damit die Besucher wieder kommen«, sagt er. Als gelungenes Beispiel einer beibehaltenen Stadtkultur verweist er auf den Wiederaufbau Nürnbergs nach dem Zweiten Weltkrieg. »Hier stimmt dann, wie wir sagen, der promenadologische Zusammenhang.« Aber auch in Franken gebe es Gegenden, wo man nicht mehr wisse, ob man auf dem Land oder noch in der Stadt sei. Wie beispielsweise in »Wertheim Village«, einem Factory Outlet-Verkaufszentrum in der Nähe Würzburgs – erbaut im fränkischen Stil.
Horst Mayer














