Studie: »Soziale Beziehungen im Alter«

Artikel drucken Artikel drucken 24. November 2009 | Von | Kategorie: Gesundheit & Ernährung
»Wichtig ist das Gefühl, dass die Beziehung ausgewogen ist«: Professor Frieder Lang und Doktorandin Jenny Wagner stellen das Ergebnis ihrer Studie vor. Foto: Mile Cindric

»Wichtig ist das Gefühl, dass die Beziehung ausgewogen ist«: Professor Frieder Lang und Doktorandin Jenny Wagner stellen das Ergebnis ihrer Studie vor. Foto: Mile Cindric

Vor etwas über einem Jahr hat sechs+sechzig über den neuen Chef des Instituts für Psychogerontologie der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen, Frieder Lang, berichtet. In diesem Zusammenhang hatte das Magazin auch einen Aufruf zur Beteiligung an einer Studie über »Soziale Beziehungen im Alter« veröffentlicht. Inzwischen liegen erste Ergebnisse vor.

Altersforscher Frieder Lang ist überzeugt: gutes Altern, das gibt es. »Und wir untersuchen hier, wie das aussehen kann«, sagt Lang. Natürlich hat der Direktor des Instituts für Psychogerontologie in Erlangen keine falschen Vorstellungen von dem, was ihn im letzten Lebensdrittel erwarten wird. Ein Körper, der immer öfter streikt und Einschränkungen fordert; Lebenspartner und Freunde, die wegsterben; immer mehr Hilfe von außen, die in Anspruch genommen werden muss, um den Alltag meistern zu können. Keine guten Voraussetzungen also, um sich auf die Zukunft zu freuen: »Das Alter ist eine widrige Bedingung des Lebens.«

Allerdings keine, die der jugendlich wirkende Professor einfach hinnimmt. Jeden Tag nimmt der Psychologe mit seinen Mitarbeitern das Altern beruflich unter die Lupe. So wie im Forschungsprojekt »Relate«, an dem er derzeit mit seiner Doktorantin Jenny Wagner arbeitet.

Der Arbeitstitel kommt nicht von ungefähr. Das englische »to relate« bedeutet auf deutsch so viel wie »eine persönliche Beziehung mit jemandem haben«. Alternsforscher stimmen weltweit überein, dass solche guten sozialen Beziehungen neben guter Ernährung und Bewegung eine der drei Säulen für ein erfülltes Altern sind.

Nur: Welche Beziehungen haben Menschen, und wie verändern sich diese mit den Jahren und im Alter? Welche Rolle spielen Kinder in ihrem sozialen Netzwerk, und sind Kinderlose womöglich einsamer und unglücklicher?

326 Frauen und Männer zwischen 66 und 84 Jahren hat Jenny Wagner mit Mitarbeitern des Instituts und mit Kooperationspartnern der Universität Potsdam dazu befragt und in fünf Gruppen eingeteilt: lang verheiratete Paare mit und ohne Kinder, neu verheiratete Paare, und alleinstehende Ältere, die entweder Kinder haben oder ohne Nachwuchs geblieben sind.

Vergleichen können die Wissenschaftler die Daten der Befragten mit einer zweiten Gruppe von Menschen, die ebenfalls Auskunft zu ihrem sozialen Netzwerk gegeben hatten und die an einem ganz anderen Punkt in ihrem Leben stehen: Männer und Frauen zwischen 30 und 45 Jahren, in der Phase der Familiengründung also.

Jetzt hat die 29-jährige Doktorandin erste Ergebnisse ausgewertet, die sie erstaunen. »Die Älteren in unserer Stichprobe nennen im Durchschnitt mehr soziale Beziehungspartner als die Jüngeren«, sagt sie. 16 solcher Kontakte sind es im Schnitt bei Menschen in der zweiten Lebenshälfte. Dabei besteht das soziale Geflecht dieser Älteren keineswegs vor allem aus den eigenen Familienmitgliedern, wie man annehmen könnte. »Etwa die Hälfte der genannten Bezugspersonen sind Nichtverwandte«, sagt Jenny Wagner. Ein Befund, der sich in der jüngeren Gruppe wiederholt. »Offenbar gibt es eine Art äußere Gesetzmäßigkeit«, glaubt Psychogerontologe Frieder Lang. »Menschen brauchen verwandte und nichtverwandte Sozialpersonen.« Und das ist offenbar auf der ganzen Welt so. Denn mit wem soziale Kontakte geknüpft werden, ist in allen Kulturen ähnlich, weiß Lang. Alt oder jung, Chinese oder Deutscher – der Aufbau dieser Beziehungen unterscheidet sich kaum. Auch die Tatsache, ob jemand Kinder hat oder nicht, in einer Partnerschaft lebt oder nicht, ändert nichts an den Strukturen. »Die persönlichen Netzwerke von Alleinstehenden und Kinderlosen ähneln denen der anderen Gruppen«, bestätigt Jenny Wagner.

Unterscheiden können die Forscher allerdings zwischen den Mechanismen, mit denen Beziehungen entstehen und aufrecht erhalten werden. Während genetische Verwandtschaft, also beispielsweise die von Geschwistern, bereits ohne großes Zutun viel Nähe erzeugt, entstehen Freundschaften und kollegiale Beziehungen mehr über das wechselseitige Geben und Nehmen. Alleinstehende und Kinderlose unterhalten mehr Beziehungen, in denen sie unbewusst darauf achten, nicht ständig benachteiligt zu werden. »Wichtig ist das Gefühl, die Beziehung ist ausgewogen«, sagt Professor Lang.

Was aber ist mit der Lebenszufriedenheit? Sollte derjenige, der Kinder hat, im Alter nicht glücklicher sein, als ein Kinderloser? »Langjährig verheiratete Paare mit Kindern beschreiben sich im Schnitt als zufriedener als Alleinstehende ohne Kinder«, bestätigt Jenny Wagner. Das war es aber auch schon. »Zwischen Paaren mit und ohne Kinder gibt es überhaupt keinen Unterschied«, sagt sie. Auch das Selbstwertgefühl ist in allen Gruppen gleich hoch, unabhängig davon, ob ein Partner oder Kinder da sind. »Zufriedene und unzufriedene Menschen finden wir überall«, fasst Institutsleiter Lang zusammen. »Das hat nichts damit zu tun, ob wir in unserem Leben ›der Norm‹ entsprechen oder nicht.«

Man sollte es also nicht auf die eigene Biographie schieben, wenn man unglücklich ist. Denn gute Beziehungen können auch im Alter entstehen. »Der Mensch kann das aktiv gestalten«, sagt Lang. Der Altersforscher findet dieses Ergebnis durchaus tröstlich. Denn es bedeute schließlich auch: »Für ein gutes Leben ist es nie zu spät.«

Christine Thurner
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Information

Die Psychogerontologen der Universität Erlangen erforschen, wie sich die Beziehungen zwischen Familienangehörigen entwickeln, wenn ein älterer Angehöriger zunehmend pflegebedürftig wird, und wie Familien mit den Herausforderungen altersbedingter Erkrankungen umgehen. Für diese Studie werden noch Teilnehmer gesucht. Mitmachen können alle Personen, die einen gesundheitlich beeinträchtigten Angehörigen im Alter von über 65 Jahren in der Familie haben, also ältere Ehepaare genauso wie Kinder mit einem gesundheitlich beeinträchtigten Elternteil. Der Angehörige sollte eine oder mehrere der folgenden Beeinträchtigungen erlebt haben: Zunehmende Vergesslichkeit, körperliche Schwäche, Beschwerden des Bewegungsapparats, Herzleiden, Diabetes, Angst und Unsicherheit beim Gehen (nach einem Sturz), Schlaganfall, Inkontinenz, starker Gewichtsverlust, Krebsleiden oder Parkinson.
Informationen und Kontakt über Margund Rohr,
Telefon 09131 / 85-265 12
oder E-Mail: rohr@geronto.uni-erlangen.de

Ebenfalls neu am Institut für Psychogerontologie ist das Projekt »Sen-Pro«, eines speziellen Seniorenbeirats, um die Entwicklung altersgerechter Produkte voranzubringen. Zu diesem Zweck testen ältere Menschen am Institut regelmäßig Prototypen neuer Geräte. Dazu werden noch Teilnehmer gesucht. Wer sich für eine Mitarbeit interessiert, kann sich bei Bettina Williger melden,
E-Mail: williger@geronto.uni-erlangen.de
Telefon 09131 / 85-265 58.

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