Wanda Seibt: Die Poesie ihrer Bilder ist zeitlos
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26. November 2009 | Von sechs+sechzig | Kategorie: Vermischtes

Wanda Seibt stöbert in ihren alten Fotos. Für sechs+sechzig hat sie einige zur Verfügung gestellt, darunter das eindrucksvolle Winterbild auf der gegenüberliegenden Seite. Foto: Mile Cindric
Wanda Seibt hat in ihrem Leben gelernt, was es heißt, sich einschränken zu müssen. Sie bewohnt mit ihren fast 95 Jahren eine kleine Einzimmer-Wohnung im Süden von München, viel zu klein für all die wertvollen Dinge, die sich im Laufe eines langen Lebens angesammelt haben. Vor acht Jahren hat sie das Haus verkauft, in dem sie mit ihrem Mann gelebt hatte. Nach seinem Tod war es einfach zu groß geworden. Damals hat sie gründlich ausgemistet und viel, vielleicht zu viel weggeworfen. Vor allem Fotos und Negative sind für immer verschwunden. »Es hat sich ja niemand dafür interessiert«, sagt Wanda Seibt. Die paar Umschläge mit Bildern aber, die sie behalten hat, zeugen von einer außergewöhnlichen künstlerischen Qualität der Fotografin.
Ein Zimmer in München – so hatte ihre Geschichte auch vor fast 80 Jahren angefangen. Wanda Seibt war aus ihrem Geburtsort Bad Tölz in die große Stadt gezogen, um ihr Abitur zu machen. Sie wohnte in Schwabing bei einer alten Dame in einem möblierten Zimmer zur Untermiete, ging zur Schule und machte ihren Abschluss an der St.-Anna-Oberschule. »Ein glänzendes Abitur«, erinnert sie sich. Damit hätte sie, wäre es nach der Mutter gegangen, Studienrätin werden sollen. Doch der jungen Frau schwebte etwas anderes, Unkonventionelles vor.

Foto: Wanda Seibt
Sie hatte schon als Kind die Freiheit geliebt, war lieber mit den Kindern draußen herumgetollt, was der Vater, ein Polizeioberinspektor, nie hatte erfahren dürfen. Ein »normaler« Beruf kam für sie nicht infrage. Und so bewarb sich die junge Querdenkerin für die renommierte Münchner »Staatslehranstalt für Lichtbildwesen« und absolvierte in den Jahren 1933 und 1934 eine Ausbildung zur Fotografin. Hier lernte sie den Umgang mit Kameras und Chemikalien, erfuhr, wie man die auf Glasplatten aufgebrachten Negative retuschiert, um beispielsweise störende Sommersprossen auf Porträts zu entfernen. Hier erhielt sie auch Zeichenunterricht und fiel einem Lehrer erstmals durch ein besonderes Talent auf.
Doch schon bald nach der Ausbildung heiratete sie einen jungen Mann, den sie auf einem Studentenball kennen gelernt hatte. Als Fotografin zu arbeiten, kam damit erst einmal nicht mehr in Betracht: »Das war unmöglich damals.« Wanda Seibt machte mit ihrer Voigtländer »Bergheil«-Balgenkamera oder ihrer wertvollen Rolleiflex nur noch ein paar Landschaftsaufnahmen und Urlaubsfotos. Ab und zu verkaufte sie ein Bild an eine der in München erscheinenden Illustrierten. 1937 brachte die junge Fotografin ihren Sohn Dieter zur Welt, sechs Jahre später und längst mitten im Krieg folgte Tochter Gisela. München lag in diesen Tagen unter schwerem Bombenbeschuss. Mit dem zwei Tage alten Neugeborenen saß die junge Mutter im Luftschutzkeller, während über ihr die Bomben niedergingen. Nachdem ein schwerer Treffer die Wohnung völlig unbewohnbar gemacht hatte, zog sie Anfang 1944 mit den Kindern fort aus München. Zuflucht fand sie in ihrer alten Heimatstadt Bad Tölz. Am 3. Mai 1945 tauchten die ersten amerikanischen Truppen in der Stadt auf. Wanda Seibt kann sich noch gut daran erinnern, wie einer der Soldaten mit dem Familiensilber und ihrer Rolleiflex unterm Arm verschwand.
»Aber nach dem Krieg hatte doch ohnehin niemand ans Fotografieren gedacht«, sagt sie. Zunächst ging es ums blanke Überleben. Nachdem ihre Wohnung beschlagnahmt worden war, fand sie sich in einem neun Quadratmeter kleinen Zimmer im Haus ihres Vaters wieder. Platz war da nur für sie und ihre Tochter, den Sohn gab sie notgedrungen vorübergehend in fremde Hände: »Wir waren in großer Not.« Dazu ging auch noch die Ehe in die Brüche und wurde geschieden.
Zehn Jahre nach dem Krieg, im Alter von mittlerweile 41 Jahren, wagte sie endlich einen Neuanfang. Sie kaufte eine neue Kamera, dazu einen Vergrößerer, Chemikalien, Schalen und Dosen für die Filmentwicklung. Ein Freund in München beschaffte das Fotopapier – »alles auf Schulden«.
Unterm Dach richtete sie sich eine Dunkelkammer ein. Tagsüber besorgte sie den Haushalt und kümmerte sich um ihre Tochter, nachts saß sie stundenlang am Vergrößerer, experimentierte mit ihren Bildern, belichtete Teststreifen, um das teure Papier zu sparen. Mit Blumen- und Landschaftsaufnahmen fing sie damals an, dann kamen Motive hinzu, die sie »grafische Aufnahmen« nennt: Geäst von kahlen Winterbäumen vor einem flauen, lichtlosen Himmel; Bahngleise, die sich durch den Schnee schlängeln. Die Winterlandschaft vor ihrer Haustür bot unzählige Motive. Das eine oder andere Foto konnte sie verkaufen, für die örtliche Zeitung in Bad Tölz und für Fotomagazine schrieb sie gelegentlich Berichte. Doch das schmale Honorar und der Unterhalt, den sie noch für die bei ihr wohnende Tochter bekam, reichten kaum zum Leben.
Aber der Ehrgeiz der Künstlerin war entbrannt und half zunächst über die Entbehrungen hinweg. Vor allem eine bestimmte Methode hatte es ihr angetan: so genannte »High Key«-Fotos. Sie hatte davon in einem Fachmagazin gelesen und war fasziniert von den Bildern. Ein belgischer Fotograf hatte den Beitrag verfasst, erinnert sie sich. Es ging darum, wie man Motive so aufnimmt und entwickelt, dass später im Bild helle und mittlere Grautöne vorherrschen und es kaum dunkle Partien gibt. Damit hatte Wanda Seibt ihren Stil gefunden und machte reihenweise Porträtaufnahmen. Ihr liebstes Modell war die eigene Tochter Gisela, die mit ihren welligen blonden Haaren der jungen Ingrid Bergman glich. Und bis heute liebt sie die Bilder von der kleinen, damals vierjährigen Nichte ihres Münchner Freundes, die ihr ernstes, schmollendes Gesicht von der Kamera wegdreht.
Mit zunehmender Erfahrung stellten sich erste Erfolge ein. Bei der Photokina in Köln 1956 beteiligte sie sich an einem Wettbewerb – und gehörte zu einer handverlesenen Gruppe von Fotografen, die vom Bundesinnenminister eine Medaille für ihre herausragende Arbeit erhielt. Dadurch angespornt, machte sie bei weiteren Wettbewerben und Ausstellungen im ganzen Bundesgebiet mit. Sie reiste mit einer Rolleiflex und einer Leica M3 im Gepäck nach Italien und brachte zahllose neue Motive mit, zum Beispiel von Fischern am Gardasee oder Bahnreisenden in Rom. Obwohl längst die Farbe ihren Siegeszug angetreten hatte, hielt sie immer noch an der Schwarzweiß-Fotografie fest. Aber niemand wollte ihr die altmodischen Bilder noch abkaufen: »Von einem Tag auf den anderen war Schwarzweiß erledigt«, sagt Wanda Seibt.
Gerade mal drei Jahre nach ihrem mutigen Schritt in die Kunst begann ihr Körper zu rebellieren. Die harten Jahre im und nach dem Krieg, die durchwachten Nächte in der Dunkelkammer und die Not rächten sich. Wanda Seibt erlitt einen völligen gesundheitlichen Zusammenbruch. Unterernährt und psychisch angeschlagen kam sie ins Krankenhaus; Aufenthalte im Sanatorium folgten. »Ich habe mich in jeder Beziehung übernommen«, weiß sie heute.
Ganz erholt hat sie sich von diesem Schlag wohl nie, auch wenn sie zunächst versuchte, an die alte Laufbahn als Fotokünstlerin noch einmal anzuknüpfen. Mit einem Farbbild, das einen toskanischen Bauern mit der Sichel bei der Ernte in einem strahlend gelben Weizenfeld zeigt, konnte sie um die Jahreswende 1959/60 sogar noch einmal einen Preis bei einem Wettbewerb gewinnen. Als sie dann kurz darauf ein zweites Mal heiratete, war ihre Laufbahn als Fotografin endgültig zu Ende: »Ich hatte auch keinen Mut mehr, beruflich etwas zu unternehmen«, sagt sie. Fortan zierten ihre Bilder nur noch selbstgebastelte Glückwunschkarten, die sie zu Geburtstagen und an Weihnachten an die Familie verschickte.
Eine erneute Wende nahm Wanda Seibts Leben schließlich vor zehn Jahren nach dem Tod ihres Mannes. Sie entdeckte ihre künstlerische Ader wieder – dieses Mal allerdings nicht als Fotografin, sondern als Lyrikerin. Ein Buch über Haikus, eine japanische Gedichtform, die traditionell aus insgesamt 17 Silben besteht, hatte ihre Neugierde geweckt. Sie begann ihre Gefühle, die Liebe und die Trauer um den verstorbenen Mann in der knappen lyrischen Form zu beschreiben. Und sie wäre wohl nie auf den Gedanken gekommen, damit an die Öffentlichkeit zu gehen, wenn nicht eine entfernte Nichte aus Nürnberg Gefallen an den Zeilen gefunden hätte. Claudia Schweizer verband die Haikus mit Blumenbildern von Wanda Seibt zu einem kleinen Gedichtbändchen. Im Mai dieses Jahres stellte Wanda Seibt im Alter von 94 Jahren in Nürnberg ihr erstes Buch vor. Einen gewissen Stolz kann sie bei aller Bescheidenheit nicht verhehlen: »Mit dem Büchlein habe ich doch einen kleinen Erfolg gehabt.«
Ein Erfolg, der ihr mit ihren Fotografien versagt geblieben war. »Ich hätte mir eine Ausstellung nur mit meinen Bildern gewünscht«, erzählt sie. Einige andere, die 1956 mit ihr ausgezeichnet worden waren, haben den Durchbruch geschafft. Bitter ist sie darüber dennoch nicht geworden. »Man muss viele Träume begraben«, hat sie in entbehrungsreichen Zeiten erfahren: »Da werden einem die Illusionen gründlich genommen.«
Die Kamera hat Wanda Seibt mittlerweile endgültig aus der Hand gelegt. Seit einem Jahr machen die Augen nicht mehr so mit. Die Ausrüstung hat sie verschenkt, die meisten Fotos weggeworfen. Ob sie das Fotografieren manchmal vermisst? »Ich habe doch genug Fotos in meinem Leben gemacht.«
Georg Klietz
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Information
Das Büchlein von Wanda Seibt »Liebe – eine kleine Träumerei« ist erschienen im Reichel Verlag,
ISBN 978-3-926388-96-4. 74 Seiten; 12,50 Euro.
Es ist erhältlich in jeder Buchhandlung sowie bei Verwandlungsmöbel Neubauer,
Lorenzer Straße 5, 90402 Nürnberg.













