Wir lieben uns trotz grauer Haare

Artikel drucken Artikel drucken 29. Dezember 2009 | Von | Kategorie: Gesundheit & Ernährung

Jürgen Wolff (links) und Andreas Mölkner sind froh, dass sie sich nicht mehr verstecken müssen. Foto: Michael Matejka

Jürgen Wolff (links) und Andreas Mölkner sind froh, dass sie sich nicht mehr verstecken müssen. Foto: Michael Matejka

Jürgen Wolff war früher verheiratet. Das ist sehr lange her. Wer den 63-Jährigen heute erlebt, kann es sich kaum vorstellen. Jürgen Wolff, seit Jahrzehnten Grünen-Stadtrat in Nürnberg, ist nämlich ein bekannter und offensiv bekennender Schwuler. Wolff sitzt in seiner Wohnung in der Nürnberger Südstadt neben seinem Freund Andreas und erzählt, wie das damals war, als er geheiratet hat. »Ich wollte halt ein braver Junge sein«, sagt der gelernte Maler und schiebt kichernd hinterher: »Aber ich war noch verlobt, als ich die erste Affäre mit einem Mann hatte.«

So richtig verliebt sei er in seine Verlobte zwar nicht gewesen, aber er habe durchaus den festen Willen zur Ehe gehabt. Geklappt hat es trotzdem nicht. Natürlich nicht. Als er seiner Frau und ihrer Familie gestanden hatte, dass es ihn mehr zu Männern hinziehe, gab es mächtig Ärger. Der Schwiegervater drohte, damit an die Presse zu gehen. Wolff saß schon damals im Stadtrat. Aber er nahm das in Kauf, auch, »um voranzugehen«, wie er sagt. Heute belustigt er sich über seine Scheidungsurkunde, auf der man ihm amtlicherseits zur Last legt, »seit November 1969 den Beischlaf verweigert« zu haben.

Für Wolffs Partner Andreas Mölkner klingen solche Zeitenbilder aus der Schwulengeschichte extrem fremd. 36 Jahre jünger ist er als Jürgen Wolff, und in 36 Jahren hat sich Homosexualität in der Gesellschaft von der Straftat zur Normalität emanzipiert. Der 28 Jahre alte Industriemechaniker hat erst vor ein paar Monaten seiner Familie offenbart, dass er schwul ist. Die habe es »überraschend positiv« aufgenommen, findet er. Dass sein Freund Jürgen allerdings elf Jahre älter ist als dessen potentielle Schwiegermutter, das ist für Andreas noch schwer begreifbar. »Für mich auch«, wirft Wolff ein. Und Andreas fügt leise hinzu: »Wenn mein Vater noch leben würde, wäre ich immer noch nicht geoutet.«

Ganz »normal« ist Homosexualität eben doch noch nicht. Zumal in einer Generation, für die diese sexuelle Neigung jahrzehntelang als krank oder abartig galt. Aber wer örtliche Schwulentreffs besucht, der findet dort längst auch Männer jenseits der 50. »Früher musste man in solchen Läden erst klingeln«, berichtet Jürgen, »dann ging da so ein Türchen auf, und das Gesicht wurde kontrolliert.» Heute treten sowohl junge als auch ältere Männer – auch heterosexuelle – einfach ein. Jürgen und Andreas können eine Menge Geschichten von älteren Homos erzählen, von Kurt und Rudi oder von Karlheinz, der mit seinen 81 Jahren immer noch abends auf die Suche nach Liebesabenteuern geht. Die Lieblingsgeschichte von Jürgen Wolff ist aber eine ganz alte von einem ehemaligen CSU-Stadtrat. Der traf ihn kurz nach Wolffs »Entlarvung« auf einem Parkplatz und sprach ihn an – ob es wirklich stimme, dass er schwul sei? Jürgen Wolff rechnete, als er die Frage bejahte, eigentlich damit, dass der erzkonservative Mann »mir eine reinhaut«. Doch der klopfte ihm auf die Schulter und sagte: »Das habe ich gar nicht von Dir gedacht!« Das Outing kostete einige Freunde Heute, bemerken Wolff und sein Partner, regieren schwule Männer Städte wie Hamburg oder Berlin oder führen Parteien. »Das finde ich super, dass auch Randgruppen nach oben dürfen«, sagt Andreas. Der junge Mann aus Effeltrich sitzt eng an seinen Jürgen gedrückt auf dem Sofa, legt seinen Arm um ihn und schaut manchmal mit zärtlichen Blicken herüber. Er scheint richtig froh zu sein, sich jetzt anderen Menschen offen erklären zu können – auch wenn das, was er sagt, für das durchschnittliche Ohr reichlich überraschend klingt. Er stehe nun mal auf ältere Männer: »So mindestens 58 müssen die schon sein.« Und dann beschreibt er, was ihm daran gefällt: vor allem die Falten in den Gesichtern sind es und die vielen Erfahrungen, die er dahinter sieht. Schon als Junge hatte er sich in den Klassenlehrer verliebt – aber seine Neigungen noch viele Jahre für sich behalten. Das Outing hat ihn einige Freunde aus der alten Clique und dem Musikverein gekostet. Sie hätten gegen ihn gestichelt, sagte er. Gebracht hat es ihm dafür die Freiheit, sich so zu geben, wie er nun mal ist.

Wollen gemeinsam alt werden: Beatrix Herrmann (links) und Candida Löslein. Foto: Michael Matejka

Wollen gemeinsam alt werden: Beatrix Herrmann (links) und Candida Löslein. Foto: Michael Matejka

Eine ganz andere Entwicklung haben Beatrix Herrmann und Candida Löslein hinter sich. Auch sie sind homosexuell – vom anderen Ufer, nämlich dem der Lesbierinnen. Die Frauen, 44 und 49, sind seit drei Jahren ein Paar. Beide haben – wie Wolff – zunächst normale Ehen hinter sich gebracht, Kinder bekommen. Aber dann haben sie ihre eigentliche Leidenschaft entdeckt und sich ineinander verliebt. Jetzt wohnen die beiden Heilpraktikerinnen in einem bürgerlichen Wohngebiet in Nürnberg-Pillenreuth, haben ihre Lebenspartnerschaft eintragen lassen und sagen übereinander: »Meine Frau.« Zwar hat von den Nachbarn nur ein einziges Paar gratuliert, als die beiden ihre Partnerschaft offiziell machten und es durch Transparente am Haus kundtaten – aber insgesamt habe ihr Umfeld sehr positiv reagiert. »Die Freunde unserer Kinder finden’s cool«, sagt Beatrix Herrmann, und auch die Patienten hätten mit Glückwunschkarten und Geschenken positiv reagiert.

»Lesben« – für die beiden Frauen ist das allerdings ein Etikett, das mehr verhüllt als enthüllt. »Die Allgemeinheit hat so ein Bild im Kopf von Unweiblichkeit, Hässlichkeit, Vierschrötigkeit«, sagt Candida Löslein. So seien aber nur »Kampflesben«, die die Frauen selbst »Butchs« nennen. Diese Lesben sind eigentlich die einzigen, die die Heteros auf der Straße erkennen – und auf deren Erscheinung sie folglich ihr Lesben-Bild aufbauen.

Beatrix und Candida wirken überhaupt nicht kämpferisch, im Gegenteil. Sie sitzen bei einer Tasse Tee auf dem Wohnzimmer-Sofa, im Hintergrund plätschert ein kleiner Zimmerbrunnen, alles wirkt ziemlich esoterisch. Aber man ist doch bei zwei Frauen zu Gast, die von sich behaupten, über »das größte Lesbenwitze-Arsenal weit und breit« zu verfügen. Die beiden Frauen können über sich und ihre Homosexualität auch lachen. In erster Linie Mensch Lesben sind sie aus ihrer Sicht nur an dritter oder vierter Stelle. Wenn sie sich selbst definiere, dann sicherlich nicht zuerst als homosexuell, sagt Beatrix Herrmann. »Ich bin in erster Linie mal Mensch, dann Heilpraktikerin, dann vielleicht Lesbe oder Mutter.« Candida Löslein ergänzt: »Wir wollen das weder vertuschen noch überrepräsentieren, dass wir tatsächlich Tisch und Bett teilen.« Sie sind überzeugt davon, dass die Reaktion ihrer Umgebung maßgeblich davon abhängt, wie man sich selbst zur Homosexualität verhält. »Je mehr Repressalien ich befürchte«, sagt Candida Löslein, »desto mehr kommen auch.«

Ohne Konflikte ist es aber für die beiden Frauen nicht abgegangen, als sie sich zu ihrer Neigung bekannt haben. Für Beatrix Herrmann war der Bruch mit der Mutter die schlimmste Folge. Für die ältere Generation, sagt Candida Löslein, »kann eben nicht sein, was nicht sein darf«. In der Jugend ihrer Eltern war Homosexualität nicht nur strafbar, »Homos« galten als geisteskrank, bekamen in Zeiten des Nationalsozialismus einen »rosa Winkel« verpasst und mussten für ihre Neigungen tausendfach im KZ sterben. »Die lesbischen Frauen dieser Generation hätten sich das gar nicht eingestehen können, weil das einfach unmöglich gewesen wäre – noch dazu unter dem Aspekt ihrer wirtschaftlichen Abhängigkeit«, meint Herrmann. Später habe dann die lesbische Liebe in der Öffentlichkeit lange Zeit ein Schattendasein gegenüber der schwulen Liebe gefristet, das gleichgeschlechtliche Leben von Frauen verbreitete sich erst später. In jüngster Zeit glauben die beiden sogar beobachtet zu haben, dass das Lesbischsein auch als Widerstand oder als Freaktum gelebt werde. »Für viele«, sagt Candida, »ist das jetzt auch eine Gaudi – ich weiß gar nicht, ob die wirklich lesbisch sind.« Ihre eigenen Töchter sind heterosexuell – »aber nicht so einspurig auf das Leben vorbereitet wie normal«, sagt Beatrix Herrmann. Sie hat früher skandinavische Kinderbücher angeschafft, in denen auch andere, ungewöhnlichere Lebensformen beschrieben wurden und erklärt, dass eine Familie »nicht zwingend aus Vater, Mutter, Kind bestehen muss.« Schwierige Offenbarung Ganz im Gegensatz zu Jürgen Wolff und Andreas Mölkner sind Beatrix und Candida mit Abstand die ältesten Gäste, wenn sie in Szenekneipen gehen. Das liegt womöglich daran, dass Schwule ihre Neigung offensiver ausleben. Für ältere Frauen scheint es schwieriger zu sein als für Männer, sich zu einer jahrzehntelang geheimgehaltenen Neigung zu bekennen – vielleicht auch, weil Frauen gesellschaftlich gesehen die konservativeren Rollen vorgegeben werden. Von den älteren Frauen, die in sich das Gefühl verspüren, ihre eigentliche Liebe verdrängt zu haben, würde aber auch Candida Löslein nie verlangen, sich zu offenbaren. »Mit 70 ist das ja auch ein Stück weit furchtbar«, sich einzugestehen, fast das ganze Leben die Wirklichkeit verleugnet zu haben. Beatrix sieht das allerdings anders: »Solange jemand lebt, hat er noch die Möglichkeit zur Veränderung.«

Und sie selbst, haben homosexuelle Paare Angst vor dem Altwerden? Im Gegenteil, sagen die Lesben: »Wir freuen uns auf das Altwerden, wir sind stolz darauf, weiße Haare und Falten zu bekommen, und sind beleidigt, wenn man uns für jünger hält – das sehen wir überhaupt nicht als Kompliment, sondern als Herabwürdigung.« Eigentlich, so Beatrix Herrmann, sei die zweite Lebenshälfte für die beiden sogar die reichere Lebenshälfte, geprägt von »mehr Intensität und Reife«.

Von Angst vor dem Alter kann auch bei Andreas Mölkner und Jürgen Wolff keine Rede sein. Wolff, 63, wollte zwar vor Jahren einen Verein gründen, der das generationenübergreifende Wohnen fördern sollte, hat aber diese Idee aus vermögensrechtlichen Gründen wieder verworfen. Jetzt sagt er über seinen Lebensabend: »Das ist für mich noch nicht aktuell.« Wie seine letzten Tage aussehen werden, ist für den Filou aber schon lange klar: »Na, umgeben von jungen Männern!«

Stefan Brunn


Information

Viele Lesben und Schwule unter der älteren Bevölkerung verstecken ihre sexuelle Orientierung, weil sie zu einem Großteil ihres Lebens in der Gesellschaft verpönt war. Deshalb fällt es ihnen schwer, passende Lebensmodelle für das Leben im Alter zu finden. Großstädte wie Berlin (hier wird die Zahl der Lesben und Schwulen über 65 Jahre auf 50.000 geschätzt), München und Frankfurt stellen sich mit speziellen Wohn-und Pflegeeinrichtungen langsam darauf ein. Hier sind auch alternative Alterswohnmodelle wie das »AltenpfleGAYheim« (Frankfurt), »Village e.V.« (Berlin) oder die »Schwung AG« (München) entstanden. Zu einiger Bekanntheit gebracht hat es der schon 1986 gegründete Einsiedlerhof »Wüstenbirkach« in Unterfranken. Er war das erste Projekt des Vereins SAFIA: »Selbsthilfe alleinlebender Frauen im Alter« (SAFIA).

Weitere Adressen findet man im Internet unter www.senbjs.berlin.de/gleichgeschlechtliche. Hier kann man auch einen Newsletter zu homosexuellen Themen abonnieren, indem man einfach eine E-Mail mit der Betreffzeile »Info« an gleichgeschlechtliche@senbjs.verwalt-berlin.de schickt.

Eine Broschüre zum Thema »Soziale Projekte für Lesben und Schwule im Alter« kann man für 2,50 Euro unter www.schwulesmuseum.de bestellen.

Eine gute Anlaufstelle für weitere Informationen ist der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD), Pipinstraße 7, 50667 Köln, Telefon: 0221 / 92 59 61-0, Fax: 0221 / 92 59 61-11, www.lsvd.de, E-Mail: lsvd@lsvd.de

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