Abenteuer auf
schmalem Grat

Artikel drucken Artikel drucken 18. März 2010 | Von | Kategorie: Sport & Freizeit

Traumhafte Rundumsicht: Auf dem 4228 Meter hohen Castor ist Friedrich Seyferth nur noch glücklich.

Traumhafte Rundumsicht: Auf dem 4228 Meter hohen Castor ist Friedrich Seyferth nur noch glücklich.

Gemütlich wirkt Friedrich Seyferth auf den ersten Blick, wenn man ihn in seinem Wohnzimmer sitzen sieht und seinen Erzählungen zuhört. Ein Hüne ist er jedenfalls nicht. Sieht so einer aus, der über sich selbst hinauswachsen kann? Und doch: Mit knapp 64 Jahren hat Friedrich Seyferth den 4228 Meter hohen Castor bezwungen, ganz allein und nur auf sich gestellt. Die »Punta Castore«, wie die Italiener zu dem höheren der beiden »Zwillinge« genannten Hochgipfel in den Walliser Alpen sagen.

Im Wallis befindet sich mehr als die Hälfte der alpinen Viertausender. Die Region ist geprägt von den höchsten schneebedeckten Gipfeln, riesigen Gletschern, steilen Flanken und schluchtartigen Tälern. Seyferths fahren nicht zufällig seit Jahrzehnten dorthin in den Urlaub. Früher waren auch noch ihre Kinder dabei. Auf die Gletscher ist Mutter Gunda Seyferth nie mitgegangen. Ob sie um ihren Mann bei seinen Touren auf die Gipfel Angst hatte? Die 63-jährige schüttelt den Kopf. »Ich hatte ein ungutes Gefühl. Aber das hat man immer. Doch ich wusste, dass mein Mann vorsichtig sein würde.«

Im Alleingang hinauf
Aber die Tour auf den Castor im Alleingang zu machen, war riskant, oder? »Auch Seilschaften können abstürzen«, antwortet Friedrich Seyferth. Im Übrigen sei es in seinem Alter nicht leicht, einen passenden Partner zu finden. »Der Einzige, der in Frage kam, war ein zehn Jahre jüngerer ehemaliger Arbeitskollege«, bedauert der langjährige Leiter des Liegenschaftsamtes der Stadt Schwabach. »Aber er hat sich das körperlich nicht zugetraut.«

Friedrich Seyferth blickt weiter zurück. »Ich wusste, dass es nicht einfach werden würde. Dabei mangelte es mir nicht an Erfahrung«, sagt der vierfache Großvater. Tatsächlich frönt Seyferth seinem Hobby schon seit 1980. Immerhin zehn Viertausender hat er bezwungen. Sogar auf Europas höchstem Gipfel hat der Mann aus Schwabach schon gestanden. Er brauchte drei Versuche, um den 4807 Meter hohen Montblanc zu erobern, »der Traum eines jeden Bergsteigers!«.

Traum hin – Traum her, Tatsache ist: Mit 55 Jahren war Friedrich Seyferth letztmals auf einem Gipfel gewesen. Im Jahr 2001, nach dem Nadelhorn (4327 m), war plötzlich Schluss. »Ich war beruflich zu stark engagiert«, erklärt Friedrich Seyferth. Zwar ging der Beamte kurz vor seinem 61. Geburtstag in Altersteilzeit. Der Weg in die geliebte Bergwelt war damit praktisch wieder frei. Allerdings kam die Sache mit dem Erbe dazwischen. »Die Tante aus Nürnberg hatte mir ihr Gebirgshaus hinterlassen. Es war mal ein Schmuckstück, aber das sah niemand mehr.« Beim Umbau hat er sich ziemlich übernommen. Anderthalb Jahre litt der Frühpensionär unter starken Rückenschmerzen. »Jemals wieder einen Viertausender zu besteigen, war unvorstellbar.« Stattdessen absolvierte er täglich gymnastische Übungen auf dem Teppich daheim.

Ein plötzlicher Entschluss
Doch Anfang 2009 fühlte sich Friedrich Seyferth wieder »halbwegs fit«. Viele Fragen spukten durch den Kopf des erfahrenen Bergsteigers. Wage ich es doch noch mal? Trau ich mir das zu? Kann ich es schaffen? Nach acht Jahren Pause? »Ich könnt’s probieren«, sagte sich Friedrich Seyferth, vom Ehrgeiz gepackt. Die Vorbereitungen beanspruchten ein halbes Jahr. »Es durfte ja kein Berg sein, den ich schon mal bestiegen hatte.« Aber plötzlich ging alles ganz schnell. Kurzfristig beschloss das Ehepaar, im August in Saas Almagell im Wallis ein paar Tage Urlaub zu machen.

Aufstieg zum Gipfel: Die majestätischen Massive faszinieren Friedrich Seyferth so sehr, dass ihn das Bergfieber immer wieder packt.

Aufstieg zum Gipfel: Die majestätischen Massive faszinieren Friedrich Seyferth so sehr, dass ihn das Bergfieber immer wieder packt.

Am 17. August, einem Montag, um 5.30 Uhr startet Friedrich Seyferth ins Abenteuer. Hinten im Auto: sein 20 Kilo schwerer Rucksack. Nicht mit dabei ist seine Gunda, weil sie lieber im Ferienhaus auf seine Rückkehr warten möchte. »Ich hatte mir vorgenommen, dass meine Frau mich nur zwei Tage entbehren sollte«, berichtet er. Nach vier Stunden Fahrt ist Stafal erreicht. Dort nimmt Seyferth die Seilbahn, die ihn in eine Höhe von 2700 Metern bringt. Nun beginnt der Aufstieg. »Der war vor allem dort schwierig, wo ich bloß mit Seilen gesicherte Felsgrate passieren musste«, berichtet Seyferth. Nach dreieinhalb Stunden, »inzwischen herrschte die reinste Mittagshitze«, hat er die Quintino-Sella-Hütte vor sich. Seitlich beginnt der Felikgletscher. Im großen Matratzenlager auf 3585 Meter Höhe übernachtet der Franke. Nur Schlaf findet er kaum, denn »die Anspannung war groß«. Um 4.30 Uhr ist Friedrich Seyferth wieder auf den Beinen. Um 5.30 Uhr, noch bei Dunkelheit, geht er los – ausgerüstet mit Steigeisen, Pickel und Stirnlampe. Gegen sechs Uhr erlebt er den Sonnenaufgang über dem Monte Rosa. Nach etwa einer Stunde Gehzeit ist das Felikjoch (4060 m) erreicht. Hier wird die Luft dünner, das Atmen fällt schwerer. »Hier trennen sich auch die Wege der Bergsteiger. Die einen gehen nach Osten zum Lyskamm, die anderen nach Westen zum Castor«, erläutert der Schwabacher. »Ab hier beginnt auch die eigentliche Besteigung.« Hauptsächlich über Firngrate gelangt er zum Südostgipfel auf 4176 Meter Höhe. Bleibt ein letzter schmaler Grat zum Hauptgipfel. Gegen 8.30 Uhr und rund 50 Höhenmeter später: Friedrich Seyferth steht oben und ist überglücklich. Er hat es geschafft!

Gesund und voller Pläne
»Der Himmel war fast wolkenlos. Ich stand auf der kleinen festen Schneefläche und wurde für all meine Anstrengungen mit einer traumhaften Rundumsicht belohnt. Ich sah im Südwesten den Gran Paradiso, im Westen den Montblanc, dann das Matterhorn, im Norden die Mischabellgruppe und unmittelbar im Osten den Monte Rosa Stock!« Wenig später: Unter gleißendem Sonnenlicht macht sich Friedrich Seyferth an den Abstieg zur Hütte. Er benötigt zweieinhalb Stunden, danach nochmals drei Stunden bis zur Liftstation. Er verspürt kaum Hunger, dafür »Durst ohne Ende«. Gegen 18.30 Uhr, 38 Stunden nach seinem Aufbruch, trifft der Schwabacher wieder in Saas Almagell ein. Erschöpft, aber gesund.

Einen Augenblick ist es still im Wohnzimmer. »Ich war überrascht, dass es so gut lief«, meint Seyferth. »Bis auf ein paar Dauerläufe kurz vorher und abgesehen davon, dass ich alle Wege hier in Schwabach mit dem Rad fahre, war ich ja nicht trainiert!«
»Aber wissen Sie, warum ich Ihnen das überhaupt alles berichtet habe? Weil ich zeigen wollte, dass es im Alter sowohl geistig – damit meine ich die Planung meiner Tour – als auch körperlich noch möglich ist, Höchstleistungen zu vollbringen.« Gunda Seyferth lächelt ihren Mann an, mit dem sie seit fast 44 Jahren verheiratet ist. Sie ist stolz und das sagt sie auch. Sie weiß schon, was ihr Mann gleich sagen wird: »Jetzt habe ich Blut geleckt!«

Ute Fürböter; Fotos: privat

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Ein Kommentar
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  1. Rosengartengruppe – ein Rückblick – Schlernhaus – Dolomiten…

    Ich finde ihren Eintrag sehr informativ…