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7. März 2010 | Von sechs+sechzig | Kategorie: Gesundheit & Ernährung, aktuell

Was bringt die Zukunft? Mit Sicherheit wird ein wachsender Anteil von Menschen ohne Kinder oder Enkelkinder bleiben. Foto: Michael Kempf / fotolia.de
Deutschland teilt das Schicksal der meisten Industrieländer: Es gibt immer mehr Alte, während immer weniger Kinder geboren werden. Welche Auswirkungen hat dies auf unsere Gesellschaft und was muss die Politik jetzt tun? sechs+sechzig sprach darüber mit Harald Wilkoszewski (33), Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für demographische Forschung in Rostock.
sechs+sechzig: Herr Wilkoszewski, Sie zählen die Lösung der Probleme, die mit dem demographischen Wandel einhergehen, neben denen von Klimawandel und Globalisierung zu den dringlichsten Aufgaben der Politiker in Deutschland. Warum?
Harald Wilkoszewski: Der demographische Wandel ist ein langfristiges Phänomen, das Auswirkungen auf praktisch alle Bereiche des Lebens hat. In Deutschland stehen die Entscheidungsträger vor zwei Herausforderungen: erstens, das Land auf die Auswir-kungen des demographischen Wandels in vielen Bereichen vorzubereiten; zweitens, dies innerhalb einer Struktur von Staatstätig-keit zu tun, die nicht unbedingt ideal gestaltet ist. Beide Herausforderungen werden bisher nur punktuell angegangen
sechs+sechzig: Was sind denn die wesentlichen Eckdaten im Veränderungsprozess in der deutschen Bevölkerung?
Wilkoszewski: Seit 1840 steigt die Lebenserwartung um 2,5 Jahre pro Dekade. Deutsche Frauen können derzeit eine durchschnittliche Lebensspanne von über 82 Jahren erwarten, und es deutet nichts darauf hin, dass dieser Trend in diesem Jahrhundert schwächer wird. Das bedeutet bis zum Jahr 2050 eine Lebenserwartung von über 92 Jahren. Ein heute geborenes Mädchen hat also gute Chancen, ein Lebensalter von 100 Jahren zu erreichen. Die Gestaltung einer solchen Lebensspanne wird eine der zentralen Herausforderungen für Individuum, Gesellschaft und Politik sein. Zu dieser bemerkenswerten Alterung tritt ein zweites Phänomen hinzu: niedrige Geburtenraten. Steigende Lebenserwartung und niedrige Geburtenzahlen zusammen bewirken zunächst eine relativ schnelle Alterung der Bevölkerung. Es ist zu erwarten, dass sich der Anteil der über 65-Jährigen an der Gesamtbevölkerung bis zum Jahr 2050 auf ein Drittel verdoppelt, während gleichzeitig die Gruppe der 15- bis 64-Jährigen um ein Fünftel schrumpfen wird. Diese Verschiebungen werden vor allem in den Bereichen Arbeit und Rente für weiteren Reformbedarf sorgen.
sechs+sechzig: Wie wirkt sich diese Alterung auf die Familien aus?
Wilkoszewski: Die zunehmende Kinderlosigkeit wird traditionelle Familienstrukturen nachhaltig verändern. Ein wachsender Anteil von Menschen wird ohne Kinder oder Enkelkinder bleiben. Herkömmliche Berührungspunkte zwischen Jung und Alt werden damit seltener. Es ist darüber hinaus abzusehen, dass sich bei weiterhin hohen Scheidungszahlen Partnerschaftsformen verändern. Bei-spielsweise werden immer weniger Menschen auch noch im Alter in einer klassischen Ehe leben. Eine erfolgreiche Sozial- und Gesellschaftspolitik der Zukunft sollte deshalb auch neue Familienformen in ihre Reformansätze einbeziehen.
sechs+sechzig: Welchen Vorwurf machen Sie der Politik im Blick auf diese längst erkannte Entwicklung?
Wilkoszewski: Ich würde nicht soweit gehen, »Vorwürfe« zu erheben. Aber mir scheint es, als ob politische Entscheidungsträger die Auswirkungen des demographischen Wandels mit einer Steigerung der Geburtenzahlen abmildern wollen. Renate Schmidt hat mit dem Konzept der »Nachhaltigen Familienpolitik«, das von Ursula von der Leyen fortgeführt wurde, ja einen entsprechenden Paradigmenwechsel in der deutschen Familienpolitik eingeführt. Das »Metaziel« dieses Konzepts ist die Steigerung der Geburten-rate. Aber die Struktur einer Bevölkerung kann nun mal nicht auf dem Reißbrett entworfen und schnell beeinflusst werden. Dies gelingt allenfalls mit einem großen Maß an Zuwanderung. Als politische Maßnahme wäre dies freilich mit weiteren Problemen ver-bunden.
sechs+sechzig: Wo liegen denn die hauptsächlichen Schwierigkeiten?
Wilkoszewski: Eine sofortige Steigerung der Geburtenrate von 1,3 auf 2,1 Kindern pro Frau würde nicht viel an der Alterung der Gesellschaft in den nächsten Jahrzehnten ändern. Deshalb bin ich der Ansicht, dass die Politik viel stärker in vorbereitende Maß-nahmen für das Szenario einer gealterten Gesellschaft investieren sollte. Hier gibt es wirklich zu tun, zum Beispiel im Bereich Ar-beit oder Gesundheit. Darüber hinaus ist die gesellschaftliche Diskussion immer noch stark von negativ besetzten Begrifflichkeiten wie »Überalterung« – ein Wort, das nach meinem Dafürhalten aus dem Wortschatz gestrichen werden sollte – geprägt. So wird nicht nur eine große Bevölkerungsgruppe als »problematisch« stigmatisiert, sondern auch das Potenzial verdeckt, das durchaus in der Alterung liegen kann.
sechs+sechzig: Was bedeutet der Wandel für den Arbeitsmarkt?
Wilkoszewski: Die Weiterbildung von älteren Arbeitnehmern muss deutlich ausgebaut werden. Im OECD-Vergleich bewegt sich Deutschland hier im unteren Drittel. Auf Dauer können wir uns dies sprichwörtlich nicht mehr leisten. Der Rostocker Indikator des Max-Planck-Instituts für demographische Forschung sagt, dass in 15 Jahren, also in sehr naher Zukunft, das Arbeitskräftepotenzial um über acht Prozent schrumpfen wird, wenn die Beschäftigungsquoten in den höheren Altersgruppen nicht gesteigert werden.
sechs+sechzig: Die Rente mit 67 ist bereits beschlossene Sache. Damit steigen die Beschäftigungsquoten Älterer doch ganz automatisch.
Wilkoszewski: Das trifft aber nur dann zu, wenn die älteren Beschäftigten eine faire Chance auf dem Arbeitsmarkt haben und tat-sächlich bis 67 Jahre arbeiten können. Das muss je nach Berufsbild flexibel behandelt werden; die Ausweitung des Rentenein-trittsalters bei körperlich stark beanspruchenden Berufsfeldern ist – trotz gesunden Alterns – nicht so einfach möglich. Die Arbeits-marktpolitik sollte darüber hinaus auch Zielgruppen in den Blick nehmen, die keine Lobby haben und deshalb oft »hinten runter fallen«. In der Altersgruppe 20 bis 29 Jahre haben wir nahezu 1,5 Millionen An- und Ungelernte. Diese Gruppe könnte man für den Arbeitsmarkt der Zukunft durchaus aktivieren, wenn in ihre Weiterbildung investiert wird.
sechs+sechzig: Welche Konsequenzen ergeben sich aus der Situation der Gesellschaft für den Gesundheits- und Pflegebereich?
Wilkoszewski: Die Wahrscheinlichkeit pflegebedürftig zu werden, wird mit zunehmendem Alter steigen. Die Folge: ein Anstieg der Gesundheitskosten. Demographische Studien deuten aber auch darauf hin, dass die durch die steigende Lebenserwartung hinzu-gewonnen Jahre nicht gänzlich in Krankheit verbracht werden. Die Menschen altern zu einem beachtlichen Teil gesund, sodass heute 65-Jährige im Durchschnitt deutlich fitter sind als ihre Altersgenossen von vor 20 Jahren. Dennoch wird der Pflegebedarf deutlich steigen.
sechs+sechzig: Wie kann sich die Politik darauf einstellen?
Wilkoszewski: Es sollten gesundheitspolitische Maßnahmen gefördert werden, die die Chancen auf gesundes Altern erhöhen. Präventiven Ansätzen kommt hier eine entscheidende Bedeutung zu. Finnland ist in Europa eines der Vorreiterländer und konnte mit groß angelegten Präventionsprogrammen deutliche Erfolge im Bereich von Herz-Kreislauferkrankungen sowie jüngst bei Diabe-tes erzielen. Ärzte bemängeln, dass es in Deutschland an einer solchen bevölkerungsweiten Strategie zur Gesundheitsprophylaxe fehlt. Auf Bundesebene wurde ein erster Schritt in diese Richtung Anfang 2005 mit dem Entwurf zu einem Präventionsgesetz ge-tan. Die Große Koalition hat Ende 2005 die Initiative zwar in den Vertrag der Regierungsparteien aufgenommen, aufgrund von Dif-ferenzen, vor allem bei der Finanzierung, sind allerdings die Verhandlungen de facto seit dem Jahr 2008 zum Stillstand gekommen.
sechs+sechzig: Zu Jahresbeginn wurde das Kindergeld erhöht, und die schwarz-gelbe Regierung beabsichtigt die Einführung eines Betreuungsgeldes für Eltern, die ihre Kinder bis zum Alter von drei Jahren zu Hause betreuen. Sind das die richtigen Mittel, um das Kinderkriegen attraktiver zu machen?
Wilkoszewski: Das ist zweifelhaft. Alle führenden Experten sind sich einig, dass die Erhöhung des Kindergeldes weder zu mehr Geburten führt, noch den Eltern und den Kindern – die ja die eigentlichen Adressaten sein sollen – hilft. Wenn nun auch noch das sogenannte Betreuungsgeld eingeführt werden sollte, kann man mit Fug und Recht sagen, dass die Bundesregierung nicht ver-standen hat, wie moderne Familienpolitik aussehen sollte. Hier müsste es viel stärker um die institutionelle Förderung von Kindern durch Bildungsmaßnahmen oder professionelle, gut ausgestattete Betreuungseinrichtungen gehen.
sechs+sechzig: Treibt der Staat mit seiner derzeitigen Politik einen Keil zwischen Jung und Alt, indem er die staatliche Förderung der jungen Generation ausbaut und bei der älteren eher ein Einsparpotential sieht?
Wilkoszewski: Ich glaube nicht, dass die Politik bewusst das Ziel verfolgt, einen Keil zwischen die junge und die ältere Generation zu treiben. Dennoch nimmt sie es mitunter in Kauf, dass in der Vermittlung von durchaus sinnvollen und notwendigen Politikrefor-men oft die Älteren als das Problem für die sozialen Sicherungssysteme wahrgenommen werden. Es ist in der Tat so, dass durch Rentennullrunden, die Ausweitung von Besteuerung etc. tendenziell bei der Rentnergeneration Einsparungspotenziale gesehen werden. Gleichzeitig wird – wie überall in Europa – die Familienpolitik massiv ausgebaut.
Interview: Günter Dehn

