Reisen bildet:
auch Freundschaften!
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5. März 2010 | Von sechs+sechzig | Kategorie: Reise & Kultur
VON BRIGITTE LEMBERGER

»Wie gut, dass ich mitgefahren bin«: Reiseleiterin Ingeborg Hagen-Remshard hat schon oft erlebt, wie sich die Skepsis Einzelreisender auflöste. Fotos: Michael Matejka
Julia Schäfer (Name geändert), 71, hat sich vor Jahren entschieden, den Weg des geringsten Widerstands zu gehen und ganz allein in Urlaub zu fahren. Ihr Ehemann, ein begeisterter Hobbyfotograf, ist mit der Regelung einverstanden, denn auch er schätzt es, nach eigenem Rhythmus und Tempo die Gegend zu durchstreifen. Er liebt die Anregungen großer Städte, sie die Ruhe abgelegener Landschaften. »Es ist wunderbar, mal ein, zwei Wochen lang gar nichts zu reden, höchstens im Hotel ›Guten Morgen‹ zu sagen und das Frühstück zu bestellen«, beschreibt sie ihre Ferientage. »Ich stehe auf, wann es mir behagt, unternehme lange Spaziergänge oder lasse mich einfach treiben. Manchmal gehe ich zum Essen, manchmal nicht – das entscheidet mein Magen. Wenn ich Lust auf Abwechslung habe, buche ich vielleicht einen Ausflug. Ansonsten gönne ich mir Faulsein ohne schlechtes Gewissen. Am Ende des Urlaubs fühle ich mich entspannt und freue mich wieder auf zu Hause.«
Genau da liegt offenbar der Knackpunkt. Wer im Alltag mit einem Partner oder einer Partnerin zusammenlebt, hat in der Regel kein Gesprächsmanko. Die dauernde Zweisamkeit verträgt dann ab und zu eine Pause. In einem Solo-Urlaub lässt sich gut herausfinden, ob man auch als Individuum noch voll funktioniert und mit sich selbst zurechtkommt. Wer hingegen allein lebt, muss sich ohnehin in seinem Single-Dasein bewähren und wünscht sich im Urlaub den Austausch mit Anderen. »Ich bin das ganze Jahr allein und will das nicht auch noch im Urlaub sein«, bestätigt Erika de Boer, 75. Sie ist aufgeschlossen und kontaktfreudig und vermisst auf Reisen mehr als sonst einen Menschen, mit dem sie ihre Eindrücke teilen kann. »Wenn ich mir vorstelle, dass ich allein im Restaurant sitze und um mich herum lauter Paare sehe, die sich unterhalten, miteinander aufbrechen, und ich muss mich ganz allein wieder auf den Weg machen, dann bleibe ich lieber gleich zu Hause.«
»Da gibt es doch eine wunderbare Alternative!«, wendet Ingeborg Hagen-Remshard ein. Die 57-Jährige ist Reiseleiterin beim Nürnberger Unternehmen NRS gute Reise und plädiert nicht nur von Berufs wegen für eine Gruppenreise. Unter ihren Gästen sind seit eh und je viele Alleinreisende – »hauptsächlich Damen, aber auch einzelne Herren«, sagt sie. Seit fast drei Jahrzehnten begleitet sie Gruppen und weiß, wovon sie spricht. Für NRS gute Reise ist sie seit 1984 tätig und zeigt noch immer eine ungebremste Begeisterung für ihren Beruf. »Eine Reise ist doch eine großartige Chance, mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen«, meint sie. »Man sieht dauernd etwas Neues, tauscht sich mit seinen Mitreisenden aus und sammelt unvergessliche Eindrücke.« Schon oft hat sie erlebt, wie schnell sich die Skepsis oder Zurückhaltung Einzelreisender auflöste und am Ende der Fahrt das Fazit hieß: »Gut, dass ich mitgefahren bin.«
Dass man auch bei einer Gruppenreise als Einzelner isoliert sein kann, will sie nicht so recht akzeptieren. Das Angebot, sich in der Gruppe zu integrieren, sei immer vorhanden, meint sie. Sie setzt auf die Kraft der Liebenswürdigkeit. »Ein Lächeln zum Nachbarn, schon kommt ein Lächeln zurück. Auf eine Frage erfolgt eine Antwort, und schon ergibt sich ein Gespräch im gemütlichen Bus, wo man viel Zeit hat für eine Unterhaltung. Und dass man am Abend am selben Tisch zum Essen Platz nimmt, ergibt sich fast von selbst.«
Dass dem Reiseleiter die Aufgabe zukommt, selbst ein Auge auf seine Gäste zu haben und allzu Zaghafte in die kleine Gemeinschaft auf Zeit einzubeziehen, hält Ingeborg Hagen-Remshard für selbstverständlich. »Wer das Signal aussendet, dass er gern seine Ruhe haben möchte, bleibt natürlich unbehelligt und kann sich absondern. Doch fast immer freuen sich Alleinreisende über Kontakt, und der lässt sich herstellen.«
Oder auch nicht. Es mag sein, dass Ingeborg Hagen-Remshard und einige ihrer Kolleginnen und Kollegen besonders engagierte Reiseleiter sind, denen das Wohlgefühl ihrer Gäste am Herzen liegt, aber die Regel ist es nicht unbedingt.
Eine Reihe von Menschen, die solo unterwegs waren, haben bereits erlebt, dass sie keinerlei Anschluss fanden, obwohl sie offen auf Mitreisende zugehen wollten. Wenn viele Ehepaare dabei sind, kommen sie sich oft vor wie das fünfte Rad am Wagen. Heikel wird es besonders, wenn es zu Tisch geht. »Hier sitzt aber schon mein Mann«, wurde Erika de Boer von einer Mitreisenden spitz belehrt, als sie auf einen noch nicht ganz besetzten Tisch zusteuerte. Mit einer solchen Zurückweisung kommt die sensible 75-Jährige nur schwer zurecht. Ähnlich empfindet es Renate Kühn, 76, die schließlich ganz auf das gemeinsame Essen mit ihrer Gruppe verzichtete, weil sie sich unter lauter Paaren unerwünscht vorkam. Es war nicht die erste Erfahrung dieser Art, die die lebhafte und fröhliche Erlangerin bei Gruppenreisen machte. »Mit meinem verstorbenen Mann war ich viel unterwegs, daran habe ich nur schöne Erinnerungen«, sagt sie. »Aber jetzt vergeht mir langsam die Lust am Reisen, die Zurückweisung tut zu weh.« Sie gibt zu, dass sie überaus feine Antennen entwickelt hat und sofort zu spüren meint, wenn sie in einem Kreis nicht willkommen ist. So haben sowohl Renate Kühn als auch Erika de Boer ihre Konsequenzen gezogen: Bei Fahrten mit ihrer Gemeinde oder kirchlichen Gruppen fühlt sich Erika de Boer gut aufgehoben. Renate Kühn wird sich eine unkomplizierte Begleiterin aus ihrem Bekanntenkreis suchen und wieder zu Zweit die Welt erkunden. Edith Christ, 69, hingegen, ebenfalls allein lebend, hat sowohl mit Gruppen- als auch mit Solo-Reisen gute Erfahrungen gemacht. Seit Jahren reist sie quer durch die Kontinente und an die entlegensten Orte. Ihre Fernreisen bucht sie bei einem Reiseveranstalter, der seine alleinreisenden Gäste (»zu 80 Prozent Frauen«) besonders gut betreut. Sie plant und bucht auf eigene Faust, fliegt meist allein zum Zielort und trifft dort auf ihre Reisegruppe. Fast immer, sagt sie, habe sie Glück mit ihren Mitreisenden, die ihr offen und freundlich begegneten. Das ist es, was ihr gefällt. »Ich bin so ein emotionaler Knopf«, beschreibt sie sich selbst. »Ich brauche Menschen, denen ich meine Freude, mein Staunen mitteilen kann.«Manchmal ergeben sich Kontakte, die über die Reise hinaus andauern, hin und wieder eine Freundschaft. Ganz ohne eigenes Bemühen kommen diese erfreulichen Reiseerlebnisse jedoch nicht zustande:»Man muss auch zuhören können und sich für seine Mitreisenden interessieren.« Gelernt hat sie auch, ihre Ansprüche als Alleinreisende durchzusetzen: »Ich habe relativ früh eingeübt, meine Rechte einzufordern und lasse es nicht zu, dass man mich als Frau herablassend behandelt.« So weist sie schon einmal ein unzumutbares Zimmer zurück oder beschwert sich, wenn es sein muss, über den Service. Auf manche Situationen kann sie inzwischen mit Heiterkeit reagieren: »Manche Ehefrauen scheinen zu glauben, dass es jede Einzelreisende auf ihren Mann abgesehen hat und signalisieren dauernd ›Der gehört mir‹. Da hilft nur Distanz.«
Mit dem eigenen Auto fährt Edith Christ gern durch Deutschland, Österreich und die Schweiz und ist dabei ganz mit sich im Reinen. Dass es Augenblicke gibt, in denen sie sich einsam fühlt, gesteht sie sich ein, doch insgesamt schmälert nichts ihre Lust am Reisen.
Diese Lust zu bewahren – darauf kommt es sicherlich an, egal, wo, wie und mit wem man unterwegs ist. Denn wo kann man besser Glücksmomente sammeln als unterwegs?

















Hallo liebe Redaktion
Meine Mutter ist von Edith Christ in diesem Artikel gleich voll begeistert gewesen. Sie meinte, daß das eine Reisefreundin für sie wäre. Meine Mutter ist 69 Jahre jung, sehr unternehmungslustig und würde gerne auch öfters mal verreisen, traut sich aber alleine nicht. Die einzige Freundin von ihr, die mit verreist ist, ist vor 2 Jahren an Krebs gestorben.
Es wäre eine große Freude für sie, wenn ein Kontakt zu Edith Christ hergestellt werden könnte.
Ich würde mich sehr freuen, wenn sie uns einen Kontakt vermitteln könnten.
lieben Gruß
Sonja Seeling aus Fürth