Wie schreibt man
einen Bestseller?
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16. März 2010 | Von sechs+sechzig | Kategorie: Reise & Kultur
Das eigene Buch in Händen zu halten, davon träumen viele, die in ihrer Freizeit an ihrer Biografie oder heimlich am großen Roman schreiben. Doch der Traum, als Autor einmal richtig groß rauszukommen, endet meistens in Frust und herben Enttäuschungen – und manchmal mit horrend hohen Kosten.
Als Mutter aller Hobbyautoren, die mit ihren Lebenserinnerungen einen riesigen Erfolg landete, gilt immer noch Anna Wimschneider: Die im Jahr 1919 geborene Bäuerin, die in »Herbstmilch« vom harten Leben in ihrer niederbayerischen Heimat schrieb. Als das einfach erzählte Buch vor 23 Jahren auf den Markt kam, wurde es sogleich zum Bestseller. Heute ist bereits die 57. Auflage auf dem Markt, und der Piper Verlag in München hat bislang zwei Millionen Exemplare des Buches verkauft.

Anna Wimschneider hat mit ihrem Buch »Herbstmilch« anderen Mut gemacht, ihre Biografie aufzuschreiben. Foto: Archiv
Noch immer berufen sich Autoren auf Anna Wimschneider, wenn sie das Manuskript ihres Erstlings einreichen, berichtet Cornelia Mechler, Lektoratsassistentin bei Piper. Die Texte landen auf dem großen Stapel der unverlangt eingesandten Manuskripte, die allesamt angelesen werden, aber in aller Regel zu einer Absage führen. Die Enttäuschung, nach vier Monaten mit einem Standardbrief abgespeist zu werden, ist bei den Autoren groß, weiß Mechler. Schließlich »offenbaren manche ihr ganzes Leben. Doch wir sind stark auf Umsatz angewiesen«, da müsse die Geschichte schon etwas ganz Besonderes sein, sagt die Verlagsmitarbeiterin. Dem wird der weit überwiegende Teil der Autoren nicht gerecht, »obwohl die meisten erstaunlicherweise gar nicht schlecht schreiben.« Wie häufig es vorkommt, dass ein Nobody einen Überraschungserfolg landet, kann Mechler nur schätzen. »Vielleicht aus drei unter tausend unverlangten Manuskripten« mache der Verlag ein Buch daraus – und selbst dann ist ungewiss, ob sich das Werk auf einem Markt mit 60.000 Neuerscheinungen pro Jahr durchsetzt.
Im Prinzip gibt es zwei Möglichkeiten, zum eigenen Buch zu kommen: Entweder findet man einen Verlag, der bereit ist, das unternehmerische Risiko zu tragen. Oder der Autor legt Geld auf den Tisch und bezahlt die Veröffentlichung mehr oder weniger selbst. Die großen Publikumsverlage wie Piper, dtv oder Rowohlt verlangen zwar grundsätzlich keine solche »Risikobeteiligung«, dafür ist die Chance, dass das Skript dort angenommen wird, nahe Null. »Wir müssen Menschen dazu bringen, 20 Euro für ein Buch auszugeben«, beschreibt Jens Dehning, Lektor bei Rowohlt in Berlin, die Perspektive der Verlage. Die Geschichte muss deshalb nicht nur originell und gut geschrieben sein, es muss auch einen Markt dafür geben. Bei den Lebenserinnerungen von Holocaust-Opfern habe er gezögert, seine Absage abzuschicken, »aus Respekt vor dem Autor und seinen Erlebnissen«. Aber der Markt für derartige Bücher sei einfach gesättigt. Auch in der Flut von Kriegs- und Vertriebenenerinnerungen findet sich nur »sehr, sehr selten« ein Text, von dem ein Lektor sagen würde, er hätte eine solche Geschichte nicht schon besser von einem bekannten Literaten gelesen.
Die Entscheidung, ob eine Story zum Buch wird, fällt schnell. Nach fünf bis zehn Seiten sieht ein professioneller Lektor, ob die Qualität stimmt, die Geschichte originell und so gut geschrieben ist, dass ein Handlungsfaden erkennbar ist. »Viele Leute überschätzen sich«, hat Dehning beobachtet. Kaum ein unverlangt eingesandter Text genügt seiner Erfahrung nach professionellen Ansprüchen. Um das Buch dennoch zu veröffentlichen, greifen viele Hobby-Schriftsteller zur Geldbörse – um diese Klientel der »Autoren auf eigene Kosten« werben viele Verlage. Oft wird den Schreibern der Mund wässrig gemacht: Goethe habe schließlich auch bezahlt, damit sein »Götz von Berlichingen« den Weg zum Leser finden konnte, heißt es etwa in einer Informationsbroschüre des einschlägigen Frieling-Verlags in Berlin. Der finanzielle Beitrag diene dazu, »sämtliche Arbeitsgänge der Herausgabe und Vermarktung eines Buches, inklusive Pressearbeit, sorgfältig zu erledigen, und ermöglicht gleichzeitig einen günstigen Verkaufspreis.« Die Chance, dass ein Buch wie »Ein erfülltes Leben mit kleinen Webfehlern – Erinnerungen eines umtriebigen Berliners« oder »Ein Glückskind meistert alle Hürden – Lebenserinnerungen einer starken Frau« je im Feuilleton einer Zeitung besprochen wird, ist freilich äußerst gering.
Der sehnliche Wunsch nach dem eigenen Buch treibt manchen Autoren in die Hände unseriöser Anbieter. Ein Insider erklärt, wie das dann läuft: Zunächst wird ein auf den ersten Blick günstiger Festpreis angeboten, beispielsweise zehn Euro pro Exemplar bei einer geplanten Auflage von 200 Stück. Dann reicht der Autor sein Manuskript ein, das selten annähernd druckreif ist. Der Verlag fragt nach, ob der Text lektoriert und Fehler korrigiert werden sollen. Auch hier werden optisch günstige Preise angeführt, etwa vier Euro pro Seite für das Lektorieren und 25 Cent für jede Fehlerkorrektur. Bei einem Werk von 150 oder 200 Seiten kommt dann schnell eine Summe zustande, die noch einmal so hoch ist wie der anfänglich veranschlagte Festpreis. Die Zusatzpreise würden manchmal in den Vertragsbedingungen versteckt. »Unerfahrene Leute werden über den Tisch gezogen«, sagt der Insider, der selbst seit Jahrzehnten im Verlagsgewerbe tätig ist.
Wer an seine Geschichte glaubt, wird sich von solchen Rückschlägen kaum irritieren lassen. Lambert Herrmann, Chef des Fahner Verlags in Lauf an der Pegnitz, macht daher Autoren, die mit Lebenserinnerungen oder anderen Manuskripten bei ihm anklopfen, zuerst einmal klar: »Sie werden das nicht verkaufen können.« Doch die meisten halten an ihrer Geschichte fest, zumal sie sich oft von Urteilen aus Familie und Bekanntenkreis bestätigt fühlen: »Die Leute meinen wirklich, sie hätten ein tolles Buch geschrieben.«
Auch bei Fahner kann man sein Manuskript gegen Geld zum Buch machen lassen. Allerdings betont Verleger Herrmann, dies sei eigentlich kein Geschäftsmodell. Das Laufer Unternehmen hat überwiegend regionale Literatur im Programm. Doch wer seine Erinnerungen für Freunde oder Geschäftspartner in gedruckter Form verteilen möchte, kann bei ihm diese Dienstleistung für ein paar Tausend Euro kaufen, auch wenn nicht jedes Buch ins Fahner-Verlagsprogramm aufgenommen wird. Aber eine ISBN – eine Internationale Standard Buchnummer, mit der das Werk weltweit gelistet und damit bestellt werden kann – ist auf jeden Fall dabei. Häufig würden Autoren darauf großen Wert legen, sagt Herrmann, denn erst diese Nummer mache das bedruckte Papier eigentlich zum Buch. Andernfalls könne man seine Texte auch im Copyshop vervielfältigen.
Vor dreißig Jahren, als er den Buchverlag gestartet habe, sei er selbst auf die Suche nach verborgenen Schätzen gegangen, berichtet Herrmann. »Ich bin in Kneipen von Tisch zu Tisch gegangen und habe die Leute gefragt, ob sie zu Hause ein unveröffentlichte Manuskript in der Schreibtischschublade liegen haben.« In einem Fall, bei einem Italiener in Lauf, bekam er auf diese Weise sogar zwei Texte auf einmal in die Hände. Der große Wurf war freilich nicht dabei. Der bleibt die Ausnahme – die aber gelegentlich vorkommt.

Unter dem Pseudonym Ines Schäfer hat Ingeborg Seltmann ihre Krimis veröffentlicht. Darin begibt sich eine alte Dame auf Verbrecherjagd. Foto: Mile Cindric
Ingeborg Seltmann ist so eine Ausnahme. Sie hatte schon vor mehr als zehn Jahren mit ihrem ersten Roman begonnen. Ihre Hauptfigur ist eine herzkranke Frau Ende 70, die in einem Erlanger Wohnstift lebt und auf Verbrecherjagd geht. Für ihren Krimi fand die heute 55-Jährige zunächst keinen Verlag, auch weil sie unter Pseudonym veröffentlichen und keinesfalls bei öffentlichen Lesungen in Erscheinung treten wollte. Die Historikerin, die sich als Autorin von Schulbüchern einen Namen gemacht hatte und im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg als Museumspädagogin beschäftigt ist, fürchtete, als Wissenschaftlerin nicht mehr ernst genommen zu werden, wenn sie sich plötzlich im Unterhaltungsfach bewegte.
Bei Fahner brachte die Autorin unter dem Namen Ines Schäfer ihren Erstling unter. »Der steinerne Markgraf« mit der Ermittlerin Lotte Askoleit wurde nach seinem Erscheinen im Jahr 1999 so schnell ein Erfolg, dass Ingeborg Seltmann ihr Inkognito bald aufgab. »Meine Sorge war unbegründet«, sagt die Krimiautorin; ihre Reputation als Wissenschaftlerin habe nicht gelitten. Inzwischen sind schon vier Bände auf dem Markt, insgesamt 34.000 Exemplare sind verkauft, ein von ihr selbst gesprochenes Hörbuch vom ersten Band ist derzeit in Arbeit – und Ingeborg Seltmann rührt inzwischen auch bei öffentlichen Lesungen gerne die Werbetrommel in eigener Sache.
Georg Klietz
Wer seine Lebenserinnerungen nur einem kleinen Kreis, etwa den eigenen Kindern oder ganz engen Freunden, in Form eines Buches zugänglich machen möchte, für den bietet das Internet eine einfache und unter Umständen preiswerte Alternative:
Unter www.lulu.com oder www.bod.de kann man sich sein Buch sogar fast umsonst herstellen lassen, sofern es nur darum geht, sich sein Manuskript gebunden drucken zu lassen. Wie auch bei den realen Verlagen, so kostet bei der virtuellen Konkurrenz jede Leistung extra. Bei Bod (Abkürzung für »Books on demand«, zu deutsch: Bücher auf Verlangen) kann man sich für null Euro das Buch erstellen lassen, bezahlt wird erst, wenn jemand das Buch bestellt und es gedruckt werden muss. Ab 40 Euro gibt es immerhin schon eine ISBN dazu. Allerdings liest niemand den Text Korrektur, und kein Lektor kontrolliert, ob das Werk in sich schlüssig und gut lesbar ist. Wer auf diese Dienste nicht verzichten möchte, ist dann schon wieder mit mindestens 2000 Euro dabei.















