Wie war das noch mal:
die erste eigene Wohnung?

Artikel drucken Artikel drucken 3. März 2010 | Von sechs+sechzig | Kategorie: Wohnen & Heime

VON ANNIKA PEISSKER

Irgendwann war er da: Der Punkt im Leben, an dem man von zu Hause auszog und sich die erste eigene Wohnung nahm. Manche genossen die elterliche Fürsorge möglichst lange. Andere konnten es gar nicht erwarten, endlich frei zu sein. Und bei manchen diktierten auch die äußeren Umstände – etwa eine Schwangerschaft –, wann es Zeit war, auf eigenen Beinen zu stehen. Doch eines verbindet alle: Die ersten eigenen vier Wände waren etwas Aufregendes, etwas Besonderes, etwas Unvergessliches. Deshalb haben wir einige Nürnberger über 60 Jahre darum gebeten, an ihre erste Wohnung zurückzudenken. Die folgenden fünf Geschichten erzählen von Freiheit, schrägen Nachbarn, Lieblingsmöbeln und so manchen Gefühlskapriolen.

Ein kleiner tisch vor einem großen Atelierfenster – das war der Essbereich von Max und Ilse Söllner. Die Stehlampe (links im Bild) hatte sich das junge Paar vom Sperrmüll geholt.

Ein kleiner tisch vor einem großen Atelierfenster – das war der Essbereich von Max und Ilse Söllner. Die Stehlampe (links im Bild) hatte sich das junge Paar vom Sperrmüll geholt.

1957 war für Ilse Söllner ein besonderes Jahr: Die junge Frau zog von München nach Nürnberg und heiratete den damals noch unbekannten Nürnberger Künstler Max Söllner. Wohnungen waren Mangelware; über Freunde kam das junge Ehepaar an ein Atelier in der Burgkmairstraße 13, gleich neben dem Nordbahnhof. Fortan war das Atelier der Lebensmittelpunkt: Zwei Drittel wurden als Künstlerwerkstatt genutzt, ein Drittel als Wohnraum – getrennt nur durch eine dünne Rigipswand. »Wenn Max an seinen Bildern kratzte, habe ich das genau gehört«, erinnert sich Ilse Söllner. Abgesehen von einer separaten Toilette bestand die Wohnung aus einem einzigen Raum. Der war Bibliothek, Küche, Bad, Schlaf-, Ess- und Wohnzimmer zugleich. Die Küche bestand aus zwei Elektrokochplatten und einem schmalen Regal. »Kochen bedeutete Jonglieren; da habe ich wirklich Sparen gelernt«, sagt die 80-jährige Witwe heute rückblickend.

Zum Waschen blieb den Söllners ein Guss, den sie notdürftig mit einem Paravent abgetrennt hatten. So entstand wenigstens ein kleines bisschen Intimsphäre. Zum Baden ging das Paar aber sowieso lieber in die öffentlichen Badeanstalten in der Stadt. »Dort gab es heißes Wasser und Seife, und man konnte über eine halbe Stunde in der Wanne bleiben«, erzählt Ilse Söllner.

Die Möbel, mit denen das junge Paar seine Atelier-Wohnung ausstattete, waren aus verschiedenen Quellen zusammengeklaubt. Den Blickfang bildeten ein »lustig bemaltes, breites Bauernbett« und ein großer Bauernschrank. Den hatte Max’ Vater, ein Malermeister, auf dem Boden von Kunden entdeckt, ihn mitgenommen und abgebeizt. In dem geräumigen Möbel mit dunkelgrü-nem Muster und rötlichen Ornamenten brachte Ilse Söllner ihren halben Hausstand unter. Noch heute steht der rustikale Schrank mit den breiten, ausladenden Türen und der Zierkante in Ilse Söllners Wohnzimmer. Manch andere Möbel kamen sogar vom Sperrmüll, wie etwa die Stehlampe, um deren Ständer sich feine Blätter rankten. Der Ehemann lackierte das Stück weiß, dazu besorgte man einen schlichten Lampenschirm. Auch Bilderrahmen fanden regelmäßig den Weg vom Sperrmüll ins Söllner’sche Atelier. »Rahmen waren teuer, die konnten wir immer gut gebrauchen«, erzählt die Künstlergattin. Fünf Jahre, bis 1962, genossen die Söllners ihr Leben im Atelier. Noch heute blickt Ilse voller Erfüllung zurück: »Das war echte Bohème – wir haben sie gelebt!«

Natürlich hat Ingeborg Schott auch schöne Erinnerungen an ihre erste Wohnung. An das moderne Schlafzimmer mit dem sechstürigen Kleiderschrank, dem Spiegelschrank und den zwei Bettkästchen, alles in weißem, hochglänzendem Schleiflack. An die schicke Schrankwand im Wohnzimmer mit den Besteckfächern, der Bar zum Aufklappen und dem Bücherfach, das bei Leseratte Ingeborg Schott immer überquoll. Sogar an die fast 80-jährige Besitzerin des Mehrfamilienhauses, die gern mal versuchte, einen neugierigen Blick in die Wohnung ihrer Mieter zu erhaschen und die der jungen Ingeborg riet, das Badewasser in Eimern aufzufangen, um damit die Toilette zu spülen.
Ja, Ingeborg Schott lächelt durchaus, wenn sie von der Zwei-Zimmer-Wohnung erzählt, die sie und ihr Mann 1968 kurz nach der Hochzeit in Oberasbach bezogen. Doch immer ist auch ein ungutes, beklemmendes Gefühl dabei. Schuld daran ist die Schwiegermutter, die im Nebenhaus wohnte und das junge Paar regelrecht überwachte. Die Schwiegermutter, eine große, kräftige Frau, ließ kein gutes Haar an der erst 22 Jahre alten Gattin ihres Sohnes. Es passte ihr nicht, dass Ingeborg so dünn war. Und wie sie ihren Haushalt führte. »Die Schwiegermutter hatte einen Schlüssel zu unserer Wohnung und räumte ständig bei uns um, wenn wir auf Arbeit waren: Dann lag das Besteck in anderen Schubladen, das Geschirr hatte einen neuen Platz, und die Blumentöpfe waren fast jede Woche verstellt«, berichtet die 63-Jährige. Auch ein bisschen Vergnügen oder ein bisschen Luxus gönnte die verwitwete Dame dem Paar nicht. Den echten Buchara-Läufer, den Ingeborg und ihr Mann sich leisteten, quittierte sie mit der Aussage: »Für euch reicht doch auch ein Webteppich.« Und wollten die beiden jungen Leute abends ausgehen, hieß es: »Unter der Woche geht man nicht ins Kino.«

Irgendwann brachte die Schwiegermutter das Fass zum Überlaufen. Am Sonntagmorgen stand sie plötzlich im Schlafzimmer, während Sohn und Schwiegertochter noch im Bett lagen. »Wir waren total perplex«, erzählt Ingeborg Schott heute noch ungläubig. »Daraufhin haben wir ihr unseren Wohnungsschlüssel abgenommen.« Doch wohler fühlte sich das Ehepaar dadurch auch nicht. Nach nur einem knappen Jahr ließ es die Wohnung in Oberasbach hinter sich und zog nach Nürnberg – in den vierten Stock eines Hauses ohne Fahrstuhl. Mit Absicht, wie Ingeborg erzählt: »Dadurch kam die Schwiegermutter nicht mehr so oft zu uns – denn Treppensteigen mochte sie gar nicht.«

Nach der Hochzeit trug Heinrich Mosler seine Frau christl über die Schwelle ihrer ersten Wohnung. Heute leben sie in einem komfortablen Haus.

Nach der Hochzeit trug Heinrich Mosler seine Frau christl über die Schwelle ihrer ersten Wohnung. Heute leben sie in einem komfortablen Haus.

Wenn Christl und Heinrich Mosler an ihre erste Wohnung 1971 zurückdenken, kommen sie ins Schwärmen. »Gigantisch, ein Traum und eigentlich zu groß für uns zwei«, sagen sie über die 100 Quadratmeter große 4-Zimmer-Wohnung in Nürnberg-Zerzabelshof. Christls Kollegin hatte dem jungen Paar von der frei gewordenen Luxuswohnung mit zwei WCs erzählt. Doch Hein-rich und Christl Mosler waren noch nicht verheiratet – und hätten so nie einen Mietvertrag bekommen. Kurzerhand wurde der Hochzeitstermin vorverlegt. »In unserem Vertrag stand sogar ›Nur gültig bei Vorlage des Trauscheins‹«, erzählt der 62-Jährige, der Dachdeckermeister und seit 1997 Präsident der Handwerkskammer für Mittelfranken ist. Bis zur Heirat renovierten Heinrich und Christl Mosler die Wohnung eigenhändig. »Im Schlafzimmer hatten wir eine auffällige, orangefarbene Tapete mit großen Ornamenten«, schmunzelt die 63-Jährige. Dazu einen moosgrünen Teppichboden, weiße Möbel und eine kräftig orangefarbene Tagesdecke. Auch für das Wohnzimmer gönnte sich das junge Paar ein besonderes Schmuckstück: einen vier Meter langen Schiebeschrank, aus weißem und dunkelbraunem Holz, mit Bar-Teil. Passend dazu kauften sie ein Sofa mit dunkelbraunem Korpus und weiß-braun-karierten Kissen. »Es sah toll aus!« Um die Haushaltsutensilien mussten sich die beiden gebürtigen Nürnberger keine Gedanken mehr machen. Christls Eltern hatten sie dazu angehalten, sich während ihrer Ausbildung jeden Monat für 100 Mark Aussteuer zu kaufen. Was das Paar darüber hinaus noch brauchte – Töpfe, Besteck, Geschirr –, bekam es zur Hochzeit geschenkt. Am 24. April 1971 war es so weit: Nach der Hochzeitsfeier übernachtete das frischgebackene Ehepaar erstmals in den eigenen vier Wänden. »Ich habe Christl sogar über die Schwelle getragen«, erzählt Heinrich Mosler. Es sei ein tolles Gefühl gewesen, in die hergerichtete, ausgestattete Wohnung zu kommen.
Vier Jahre wohnten die Moslers in ihrer »Luxuswohnung«, auch wenn sie oft nur zum Schlafen und am Sonntag zu Hause wa-ren. Heinrich hatte sich gerade als Dachdecker selbstständig gemacht, Christl half ihm im Büro. »Aber am Sonntag, da haben wir unsere Ruhe in der Wohnung genossen.«

Ernst Schultz hat eigens für sechs+sechzig eine Zeichnung seiner ersten Wohnung angefertigt, die sich in einem ehemaligen Milchladen befand. Der große Schrank links bot ge - nügend Stauraum für die neuesten Schallplatten, und die Gitarre stand immer griffbereit.

Ernst Schultz hat eigens für sechs+sechzig eine Zeichnung seiner ersten Wohnung angefertigt, die sich in einem ehemaligen Milchladen befand. Der große Schrank links bot ge - nügend Stauraum für die neuesten Schallplatten, und die Gitarre stand immer griffbereit.

Dass er später einmal als Deutsch-Rocker berühmt werden würde, wusste Ernst Schultz noch nicht, als er 1962 seine erste Junggesellenwohnung in Nürnberg-Gleißhammer fand. In der Gottfriedstraße bezog er einen ehemaligen Milchladen, in dem noch ein riesiger Schrank mit unzähligen Schubkästen und Regalfächern stand. Im Wohnzimmer ging nach vorn ein Schaufenster auf die Straße, nach hinten reichte der Blick über die Gleise auf das Zeltner Schlösschen mitten im See. Ernst Schultz war gerade 19 Jahre alt und studierte seit einem Jahr an der Höheren Fachschule für Angewandte Grafik. Doch die Musik war schon damals das A und O in seinem Leben. Nächtelang saß er mit seinen Freunden und damaligen Band-Kollegen von »Jonah & The Whales« zusammen, um Musik zu machen und zu hören.

Zwei Dinge prägen Ernst Schultz’ Erinnerung an die erste Wohnung: ein Schäferhund und die Kneipe nebenan. »Der Schäferhund hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, den lieben langen Tag einen Ziegelstein mit seiner Schnauze die Straße rauf- und runterzuschieben. Irre!«, erzählt der heute 66-Jährige. Und die Kneipe nebenan, »Der Loosgarten«, war eine der verrufensten in ganz Nürnberg, mit ihrem extrem rechtslastigen Wirt »Pfiffer“. Der lieferte sich regelmäßig Schussgefechte mit den Türken im Haus gegenüber, hatte ganze Jahrgänge des rassistischen Hetz-blattes »Der Stürmer« unter seinen Sitzbänken liegen und veranstaltete schon mal Schießübungen in der Kneipe. »Damit das nicht auffiel, ließ er auf Kommando seine Partnerin, eine ehemalige Prostituierte aus Amsterdam, ein leeres Alufass auf die Fliesen im Kühlraum knallen. Im selben Moment drückte er den Trigger seiner Winchester«, hat Ernst Schultz noch gut in Erinnerung. Kein Wunder, dass »Pfiffer« regelmäßig Besuch von der Polizei bekam. Zur Sommerzeit passierte es auch des Öfteren, dass der Wirt ans Schaufenster seines jungen Nachbarn klopfte und rief: »Hopp, Schultz, komm raus, wir karteln!« Dann wurden Tisch und Stühle auf die Straße geschleppt und die »Rote Sau« (Herz-Ass) ausge-kartelt. Wer sie zum Schluss hatte, musste eine Maß zahlen. Noch heute schüttelt Ernst Schultz den Kopf, wenn er an den Wirt zurückdenkt: »Das wirklich Merkwürdige war, dass dieser Typ einer der hilfsbereitesten war, die ich je getroffen habe, und dass er mich trotz meiner politisch linken Einstellung total respektierte.« So kam es, dass der junge Musiker am Ende sogar einmal mit seiner Band im »Loosgarten« spielte.

Auch die Freunde, die bei Ernst Schultz ein und aus gingen, akzeptierte der Wirt: Es waren diverse Musiker, schwarze und weiße GIs aus den Ami-Clubs, in denen »Jonah & The Whales« spielten, Mädchen und andere Fans. Oft stiegen sie – der Einfachheit halber oder, um nachts kein »Gwerch« zu machen – direkt von der Straße aus durchs Wohnzimmerfenster in Schultz’ Wohnung. Dort saß man dann auf dem Maisstrohteppich und widmete sich Bob Dylan, Reinhard May oder den eigenen Kompositionen. Für seine Junggesellenbude hatte Ernst Schultz nur zwei wirklich große Anschaffungen getätigt: schwere dunkelrote Vorhänge und eine leistungsstarke Stereoanlage der Schweizer Firma Thorens. »Ich war einer der ersten Musiker in Nürnberg, der diese Anlage vom Allerfeinsten besaß, und deshalb war die Bude bei mir ständig voll!«, erinnert sich Schultz. Die Gage, die er damals als Musi-ker bekam, setzte er meist in die neuesten Schallplatten um. Nächtelang saß man, um diese zu diskutieren. Und irgendwann ent-stand in diesem Zimmer, zusammen mit Schultz’ altem Freund Sonny Hennig, die Idee für die erste deutsch singende Rockband: Ihre Kinder.

wohnen-gutscheEigentlich hatte sich Rainer Gutsche seine erste Wohnung ganz anders vorgestellt. Der junge Mann studierte 1967 Betriebswirt-schaftslehre in Frankfurt am Main und wollte frei sein. Doch dann kündigte sich bei seiner Freundin Elisabeth Nachwuchs an – eine gemeinsame Wohnung musste her. Da war das junge Paar froh, dass die Schwiegermutter ihnen den ersten Stock ihres Hauses anbot. Drei Zimmer, Küche, Bad, alles mietfrei, das kam wie gerufen. »Aber weg von den Eltern, hin zur Schwiegermutter – ich war schon wieder abhängig«, sagt der Diplom-Kaufmann, der sich als »waschechten 68er« bezeichnet. Dennoch lebte das junge Paar gut bei der Schwiegermutter in Linz am Rhein. Die Wohnung war im Prinzip fertig möbliert; nur einen Wohnzimmerschrank gönnte man sich noch. »Das war ein Wahnsinns-Schnäppchen«, erinnert sich der heute 68-Jährige. Seine Frau hatte das Prachtstück aus rustikaler Eiche mit Messingbeschlägen bei einer Einkaufstour mit ihrer Schwester in einem Antiquitätenladen gesehen. »2000 Mark hat es gekostet, dazu bekamen wir fünf Teller und eine Schale geschenkt«, erinnert sich Elisabeth Gutsche. Den Vitrinenschrank kombinierten die Gutsches mit einer massiven Eichentruhe und schlichten, weißen Bücherregalen. Noch heute schmücken Truhe und Schrank das Wohnzimmer in ihrem Haus im Nürnberger Norden. 1970 beendete Rainer Gutsche sein Studium, erhielt eine Anstellung bei Unilever, und so ging die junge Familie mit Sohn Achim nach Kleve am Niederrhein. Die erste wirklich eigene Wohnung stand an. Man zog in ein neu gebautes Vier-Familien-Haus im Vorort, das der Diplom-Kaufmann als etwas »ganz, ganz Besonderes« in Erinnerung hat. Der Vermieter hatte sich bewusst vier junge Ehepaare mit kleinen Kindern als Mieter gesucht. Und so bildeten die vier Familien eine wunderbare Hausgemeinschaft. Man ging beieinander ein und aus, passte gegenseitig auf die Kinder auf, ließ sogar die Schlüssel von außen an den Wohnungstüren stecken, damit die anderen immer hereinkommen konnten. Von einem Nachbarn lernte Rainer Gutsche das Gitarrespielen, mit anderen fuhr er mehrmals zum Segeln ans Ijsselmeer. Und man feierte zusammen. »Eine der größten Feten war wohl die nach der Geburt unseres zweiten Sohnes Norbert«, meint Rainer Gutsche. Die Hausgemeinschaft grillte, machte die Nacht durch – und am nächsten Tag waren alle total platt, als sie zu Elisa-beth ins Krankenhaus kamen. »Es war eine super Zeit«, schwärmen die Gutsches noch heute von diesem Mehrfamilienhaus. Mit Bedauern zogen sie 1972 fort nach Hamburg, Rainers Karriere wegen. Die führte sie letztlich auch nach Nürnberg, wo Rainer Gutsche zuletzt als Marketingmanager für Quelle arbeitete.

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