Erfahrungsbericht eines Neurentners:
»Ich bin draußen!«
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29. April 2010 | Von sechs+sechzig | Kategorie: Jobs & Ehrenamt

Unser alter Kollege Horst Mayer hat seine Erfahrungen zum Berufsabschied zu Papier gebracht - und jetzt bringen wir ihn auch zu Gehör. Foto: Michael Matejka
Damit kein falscher Eindruck entsteht: Ich habe mich freiwillig verabschiedet. Nie zuvor bekam ich so viel Aufmerksamkeit geschenkt wie in den letzten Wochen vor meinem Wechsel vom Journalistenleben ins Rentnerdasein. Manche Kollegen schlichen mir nach, sprachen mich von der Seite an, wollten wissen, ob ich die Tage bis zum Ausscheiden zähle wie bei der Bundeswehr? Ich hätte eine größere Pressekonferenz geben müssen, um die vielen Fragen zu beantworten, auf die ich zu diesem Zeitpunkt selbst noch keine Antwort wusste: Wie geht es dir? Verspürst du Wehmut? Bist du glücklich? Was wirst du den ganzen Tag machen?
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Ich dachte immer, eine Zeitung müsste eine bunt gewürfelte Mischung aus jungen Wilden und alten Hasen sein, stets neugierig auf der Jagd nach Geschichten. Doch nicht nur in Banken, Bekleidungshäusern und Fabriken bekämpfen sich die Generationen, sondern auch in den Zeitungshäusern. Junge »drängen« Ältere hinaus, um einen sicheren Arbeitsplatz zu ergattern. Zwei Mitarbeiter zwischen 30 und 40 Jahren kamen auf mich zu und meinten unverhohlen, sie hätten kürzlich wieder mal mein Bild im Sonntagsblitz gesehen. Dabei sei ihnen aufgefallen, dass ich… Dann stockten sie, drucksten herum. War es ihnen peinlich? Vermutlich wollten sie sagen, ich sähe alt genug aus, um in Pension zu gehen. Bevor sie das aber aussprachen, kam ich ihnen zuvor mit der Mitteilung, ich sei ohnedies bald »draußen«. Das schien sie irgendwie zu beruhigen.
Manche Ältere, die selbst kurz vor der Ruhestands-Entscheidung stehen, reagierten nervös, als sie von meiner Pensionierung erfuhren. »Was, Sie gehen schon, gefällt es Ihnen hier nicht mehr?«, fragte mich ein Kollege, der noch einige Jahre bleiben möchte. Ein 62-jähriger Redakteur, der sich offenbar für unersetzlich hält, kommentierte mein Ausscheiden mit der Bemerkung: »Komischer Vogel«. Manche sprechen mich heute überhaupt nicht mehr an, wenn sie mich in der Stadt sehen, sondern nicken mir nur leicht geistesabwesend zu und gehen sofort weiter.
Wie reagierte mein persönliches Umfeld? In Pension zu gehen sei irgendwie blöd, vermeldeten meine Kinder. Ach, winkten vorausgeeilte Rentner und Rentnerinnen aus meinem Bekanntenkreis ab, das wird kein Problem für dich, du kannst jetzt länger schlafen. »Sie sind doch ein lebhafter Mensch«, sagte mein Zahnarzt. »Sie schaffen das schon.« Er selbst trägt sich zwar auch mit dem Gedanken, bald die Ruhestandsphase anzutreten (die Praxis übernimmt sein Sohn), möchte aber mindestens noch einen Tag in der Woche arbeiten, damit ihm der Übergang nicht so schwer fällt.
Mein Therapeut wiegte bedenklich mit dem Kopf, als ich ihm erzähle, dass auch meine Frau jetzt »draußen« ist. Werden wir uns auf den Wecker gehen?
Damit wir uns wegen der Tageszeitung nicht in die Wolle kriegen, stehe ich nun zuerst auf und lese mich durch das Blatt. »Man braucht eine Struktur«, rieten mir Mitstreiter vom Rentnerstammtisch, »sonst verblödet man«. Fürs erste habe ich folgenden Wochenplan aufgestellt: Montags hole ich meinen Enkel und seine zwei Schulfreunde (sie wohnen bei uns um die Ecke) vom Unterricht ab. Die Zehnjährigen unterhalten mich während der Heimfahrt mit Blondinenwitzen, da kann ich beim besten Willen nicht (mehr) mithalten. Dienstags bin ich beim Computerkurs, Mittwoch früh gehe ich ins Fitness-Center, abends atme ich »Meeresluft«, wenn ich im Nürnberger Seemannschor mitsinge. Donnerstags trage ich als ehrenamtlicher »Lese-Opa« Geschichten im Kinderhort vor, freitags male ich. Samstags sitzt mein »inneres Kind« in einer Veranstaltungsreihe des Bildungszentrums. Zweimal pro Woche bin ich bei der Theaterprobe.
Wie muss man aussehen, um als Rentner akzeptiert zu werden? Auf Krücken gehend, halb verwirrt, ohne Zähne? Da fällt mir spontan der Vorzeige-Typ auf dem Reklameschild eines Bankinstituts in der Nürnberger U-Bahn ein: Ein Weißhaariger, der sich mit der rechten Hand auf den Spazierstock stützt, macht mit beiden Beinen einen beachtlichen Luftsprung. Ein toller Hecht!
Ich werde zwar keine Luftsprünge mehr schaffen, dafür künftig mehr tun, um meine zuletzt etwas verkümmerten Sinne wiederzubeleben. Ich werde wieder Vögel beobachten, mit Kindern reden, Freunde besuchen, Feste vorbereiten, Liebe machen, im Garten arbeiten, auf der Straße Ball spielen, Musik hören, lesen, schreiben, spazieren gehen oder einfach mal stillsitzen und nichts tun. Einfach nichts.
Horst Mayer














