In allen vier Ecken
soll Liebe drin stecken
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27. April 2010 | Von sechs+sechzig | Kategorie: Sport & Freizeit
»Wow, das war echt cool«, wird die 15-jährige Janine vielleicht eines Tages denken, wenn sie in ihrem Poesiealbum aus diesen Schultagen blättert. Vielleicht, mutmaßt sie heute, wird sie sich in 20 Jahren mit der einen oder anderen damaligen Freundin längst verkracht oder sie aus den Augen verloren haben. »Wenn ich dann die alten Verse läse, fiele mir alles wieder ein.«

Ingeborg Häfelein, Ingeborg Hey, Jutta Starke und Ingeborg Sterzinger (v. links) schmökern in den Alben ihrer Schulzeit. Foto: Michael Matejka
Keinen Moment hätten sie gedacht, dass ihnen die längst vergangenen Zeiten wieder so lebendig vor Augen stehen würden. »Da hat das Büchlein jahrzehntelang unbeachtet herumgelegen, und auf einmal liest man die Gedichte und es fallen einem die ganzen schönen oder traurigen Geschichten von damals wieder ein«, stimmen ihr Ingeborg Häfelein, 71, Inge Hey, 62, und Irmgard Sterzinger, 59, zu. »Backfische« hießen die Mädchen damals in den Kriegs- und Nachkriegsjahren, in denen man sie zu »wertvollen Menschen« zu erziehen versuchte. In der Schule wurden sie – noch anständig getrennt von den Jungen – zu weiblichen Tugenden ermuntert: »Blüh an deiner Eltern Seite/ fromm und tugendhaft heran/ und der Engel Gottes leite/ dich auf deiner Lebensbahn«, schrieben sich die Mädchen gegenseitig in die Poesiealben und ermahnten einander zu Gehorsam, Fleiß und Gottesfurcht.
Der »lieben Inge«, die ihr Poesiealbum Anfang der 50-er Jahre herumreichte, wurde die Empfehlung zuteil: »Sei deiner Eltern Lust und Freude/ mit Dank erkenne ihr Bemüh’n/ und tue ihnen nichts zuleide/ dann wird auf dir ihr Segen ruh’n«. Darüber runzelt Inge Hey noch heute die Stirn: »Ich hab’ das schon damals als Rüge empfunden«, erinnert sie sich, und Irmgard Sterzinger stimmt ihr temperamentvoll zu, dass ihr diese Art »Sprüch‘« ebenfalls auf den Wecker gingen.
Andere Verse lassen die Damenrunde eher schmunzeln. Die hehren Worte, die neben eingeklebten Glanzpapierbildchen oder kunstvollen Zeichnungen säuberlich zu Papier gebracht sind, zeugen vom Zeitgeist der späten 40-er und frühen 50-er Jahre, als man von jungen Mädchen hauptsächlich »Bravsein« erwartete. Der Inhalt dieser Gedichte, häufig den Poesiealben der Mütter und Großmütter entlehnt, wurde dennoch selten mit der schreibenden Person in Übereinstimmung gebracht. Eher galt es, Freundinnen, Freunde, Eltern, Großeltern und Lehrer zum Eintrag zu bewegen und das Büchlein uneingestanden als Trophäe der Beliebtheit zu werten.

Schülerinnen und Schüler der Insel Schütt amüsieren sich über die Einträge in ihren modernen Poesiealben. Foto: Michael Matejka
Es war aber die Welt, in der Jutta Starke heranwuchs, als sie 1939 von ihrer Großmutter ein Poesiealbum geschenkt bekam und es voller Freude in der Klasse herumreichte. Teilweise in schön geschwungener Sütterlin-Schrift ist darin so mancher Vers zu lesen, der von nationalem Überschwang zeugt. Ihre Mitschülerinnen mahnen Großes an wie: »Alles, was wir sind/ sind wir durch unser Volk/ Unsere Leistungen/ sind daher nichts anderes als die Danksagung/ an die Gemeinschaft/ dieses Volkes.« Und einer ihrer Lehrer lässt wissen, dass er »geboren ist, deutsch zu fühlen«. Auch ein heroischer Appell ist zu Papier gebracht: »Lass den Schwächling angstvoll zagen/ wer um Hohes kämpft, muss wagen/ Leben gilt es oder Tod«.
Nach Kriegsende war es auch in Jutta Starkes Poesiealbum vorbei mit der »glorreichen« Zeit. 1945/46 bat sie ihre Tanzstundenfreunde und -freundinnen um einen Eintrag in dasselbe Büchlein. Nun klangen die Verse ganz anders: »Warum nach Idealen streben?/ Im Leben gilt die Wahrheit doch!/ Denn Wirklichkeit bringt nur das Leben/ Und Ideale, gibt’s die noch?« Ein anderer Schreiber stellt pragmatisch fest: »Glücklich ist/ wer vergisst/ was nicht mehr zu ändern ist.« Gern genommen wurde auch der Satz: »In allen vier Ecken/ soll Liebe drin stecken.«
Ewiges Thema: Freundschaft und Liebe
So viel realistische Weltsicht könnte sich sogar in den Poesiealben der Jugendlichen von 2005 behaupten. Hat auch die vorzugsweise in Reime gegossene Gefühlswelt von Marina, Jelena, Tanja, Michelle oder Jessica wie in früheren Jahrzehnten mit ewiger Freundschaft und Liebe zu tun, so widmen sie einander doch vorwiegend nachdenkliche, heitere und sogar witzige Sätze fürs Leben. »Wenn man glücklich ist/ sollte man nicht noch glücklicher werden wollen«, rät eine Schülerin. Eine andere beschwert sich über die Schule, »das Grab der Jugend«, und schwört Zuneigung beim Haupte ihres Plüschbären: »Zwei Dinge sind mir wichtig/ der Teddy und du/ der Teddy für die Nacht/ und du für immer.« Marko, der sich trotz Zugehörigkeit zum starken Geschlecht als Poesiealbenschreiber outet, dichtet seine Botschaft an die Mitmenschen gelegentlich selbst. Nur ausgewählte Personen seines Freundeskreises werden seiner Poesie teilhaftig, die er ihnen nicht nur auf Hochglanzpapier, sondern auch per SMS zukommen lässt.
Als oberste Regel gilt – und darin ist sich die ganze Schüler-Runde einig: Jede Botschaft muss aufrichtig gemeint und genau auf die Person abgestimmt sein, an die sie gerichtet ist. Nichts sagende, platte Sprüche würde Marko aus seinem eigenen (stark zerfledderten) Album herausreißen, sagt er energisch und schickt solche Sachen wie »Marmor, Stein und Eisen bricht« glatt ins Aus.
Auch bei Marina, 16, und Liliane, 15, zwei Gymnasiastinnen vom Willstädter Gymnasium in Nürnberg, hätten Banalitäten dieser Art keine Chance. Die Gedichte und Texte in ihren Poesiealben sind beinahe Porträts der schreibenden Personen. Tiefernste bis traurige Gedanken werden ebenso niedergeschrieben wie lyrische Empfindungen. Zeichnungen und Fotos ergänzen die Einträge und lassen ein echtes »Erinnerungsbuch« entstehen. »Die abgeklapperten alten Verse,« sagen sie, »bedeuten uns nichts. Wir lassen auch nicht unsere Eltern oder Lehrer reinschreiben, sondern nur unsere Freunde, die ihre ganz persönlichen Gedanken äußern.«Keine beliebigen Verse
Ihre Namensvetterin Marina aus Russland, 17, kann den Wert eines liebevoll geführten Poesiealbums selbst ermessen. Die erste Hälfte ihres eigenen Albums ist mit langen Texten in ihrer Muttersprache und schönen Zeichnungen gefüllt: Eintragungen von Klassenkameradinnen aus der damaligen Heimat. Das hilft ihr beim Erinnern. In der neuen Heimat führt Marina den lieb gewordenen Brauch fort und sammelt Poesie und Prosa aus ihrem deutschen Freundeskreis. Beliebige Verse kann auch sie nicht leiden. Wird sie selbst um einen Eintrag gebeten, forstet sie die deutsche Lyrik nach Passendem durch.
Auch die 18-jährige Hatice, die bis vor vier Jahren in der Türkei lebte, führte schon dort ein Poesiealbum. Ein besonders kostbarer Schatz ist für sie die Widmung ihres inzwischen verstorbenen Cousins. »Er hat von Herzen geschrieben«, sagt sie. »Das macht man bei uns so, keine Verse, sondern persönliche Worte.« Seit sie in Deutschland ist, pflegt sie zwei Poesiealben: eines für die türkischen, ein anderes für die deutschen Freunde. Auch die schreiben für sie »vom Herzen« und kleben Glanzbilder ein oder zeichnen kleine Kunstwerke wie in der »guten alten Zeit«.
Was das Poesiealbum betrifft, so dauert dieser Brauch schon ziemlich lange an. Die Tradition reicht zurück bis zu den Geschlechterbüchern im 16. Jahrhundert und war und blieb stets ein Spiegel der Menschen mit ihren zeittypischen Wertmaßstäben und Empfindungen. Ob ihnen stets die simplen Reime oder die hehren Worte flüssig in die Feder flossen, ist nicht überliefert. Vermutlich aber ging es hin und wieder so manchem Verfasser wie einer von Tanjas Freundinnen, die bekennt: »Ich sitz mit deinem Album hier/ und kau am Füller voller Gier/ Trotzdem fällt mir gar nichts ein/ was passen könnte hier hinein«. Am Ende klappte es dann doch.
Brigitte Lemberger















