„Sterbende Menschen muss man ernst nehmen“

Artikel drucken Artikel drucken 13. April 2010 | Von | Kategorie: Pflege & Betreuung

Abschied tut immer weh. Foto: epd

Abschied tut immer weh. Foto: epd

Abschiede erlebt sie beinahe jeden Tag: Heidi Lauermann ist eine sogenannte „Care-Schwester“ in der Palliativmedizin. Unheilbar Kranke und deren Angehörige begleitet sie seit über 15 Jahren in einem Nürnberger Hospiz-Team. Magazin66-Mitarbeiterin Ute Fürböter sprach mit der 53-Jährigen über das Abschiednehmen und ihren schwierigen Beruf.

sechs+sechzig: Unwiederbringlich Abschied nehmen zu müssen, bringt Leid und Schmerz mit sich. Das übersteigt die Kräfte mancher Menschen. Selbst so absurde Sätze wie „Das wird schon wieder“ kommen Angehörigen dann über die Lippen. Ein Fehler?
Heidi Lauermann: In solchen Floskeln spiegeln sich Ängste und Hilflosigkeit wieder. Aber ich warne davor, einander auf diese Weise zu begegnen. Denn es bedeutet, den sterbenden Menschen nicht ernst zu nehmen. Ich denke: Man muss nicht alles sagen. Aber das, was man sagt, muss wahr sein. Außerdem – es kommt nicht darauf an, viel zu reden. Wichtiger ist, dass man den anderen spürt. Was möchte er mir zwischen den Zeilen sagen?

Falls der Patient dazu überhaupt noch in der Lage ist, angesichts übermächtiger Schmerzen!
Lauermann: Es ist unendlich wichtig, körperliches Leid so erträglich wie möglich zu machen. Wenn es heißt, Abschied zu nehmen, dürfen Schmerzen nicht im Vordergrund stehen. Der Vergleich hinkt zwar gewaltig, doch denken wir nur daran, wie wir sind, wenn wir unter starken Kopfschmerzen leiden. Da können wir kaum noch denken, geschweige denn etwas klären. Und die Menschen, die zu uns kommen, haben oft ein wahres Martyrium durch Kliniken und Arztpraxen samt der Diagnosen hinter sich. Die Palliativstation ist für die Betroffenen, aber auch für ihre Angehörigen, die bei ihnen bleiben können, ein Segen. Zwei, drei Tage reichen mitunter, um zur Überzeugung zu gelangen, alles noch Menschenmögliche ist getan worden. Das schafft eine friedliche Situation – ohne sie funktioniert Abschiednehmen nicht.

Heidi Lauermann begleitet unheilbar kranke Menschen und deren Angehörige. »Lebenshilfe« nennt sie ihren Einsatz schlicht. Foto: Mile Cindric

Heidi Lauermann begleitet unheilbar kranke Menschen und deren Angehörige. »Lebenshilfe« nennt sie ihren Einsatz schlicht. Foto: Mile Cindric

Wie kann man als Angehöriger noch reden, wenn einem buchstäblich das Herz bricht?
Lauermann: Das verlangt Mut, gewiss. Doch man sollte die Chance nutzen. Sie kommt nicht wieder, und hinterher ist es zu spät. Was bleibt, ist das Gefühl, schuldig zu sein. Man kann seine Betroffenheit doch zeigen und ruhig weinen, sich eingestehen, dass man nicht weiß, wie man mit dem drohenden Verlust umgehen soll und Angst davor hat. Wer echt ist, wird dankbar akzeptiert. Ich selbst habe das immer wieder erlebt. Denn der Abstand, den ich professionell wahren muss, schützt mich nicht davor, auch betroffen zu sein – genauso wenig wie vor Tränen.

Das Sterben verläuft in Phasen. Abschied nehmen auch?
Lauermann: Ja, aber es gibt keine erste, zweite oder dritte Phase. Vielmehr ähnelt der Abschied einem Auf und Ab oder einer Spirale. Mal sieht es so aus, als sei alles geklärt. Dann wieder ist der Todkranke zornig und wütend. In so einer Phase beginne ich natürlich kein klärendes Gespräch, in dem ich frage: Worum machst Du dir Sorgen? Was muss vielleicht noch geregelt werden – zum Beispiel, wenn Kinder da sind. Oder: Darf ich wieder heiraten, wenn Du nicht mehr bist? Nein, es würde keinen Sinn machen, all das in solch einer Situation anzusprechen. Stattdessen sollte man zu verstehen geben, dass der Sterbende zornig und wütend sein darf. Man muss eben genau schauen: Was braucht er gerade? Wo steht er? Was erfährt er? Diesen Weg muss man miteinander gehen. Doch ein generelles Rezept – das kann ich nicht geben und das möchte ich auch nicht. Jeder ist anders! Vielleicht aber so viel: Wie jemand gelebt hat, so stirbt er auch.

Und das bedeutet?
Lauermann: Manche Menschen sind es gewohnt, alles allein mit sich abzumachen. Sie brauchen das als Schutz. Das muss man akzeptieren. Auch in der letzten Lebensphase. Zum Reden zwingen kann man niemanden.

Aber wie sollen die Angehörigen dann jemals loslassen können?
Lauermann: Man kann bei Ritualen Zuflucht suchen. Vielleicht eine Kerze anzünden, einen Text lesen – und dann die Kerze ausblasen.

Ist es ratsam, Kinder in das Sterben einzubeziehen?
Lauermann: Vorweg: So lange der Mensch noch da ist, steht er immer noch im Leben. Wir reden deshalb auch nicht von Sterbehilfe – wir sprechen von Lebenshilfe. Und: Kinder gehen ehrlicher als wir Erwachsenen mit Gefühlen um. Etwas ist gut, etwas böse. Sie sind froh oder aber traurig. Sie verstehen, wenn man traurig ist. Man muss es nur zeigen! Außerdem: Sterbende geben sehr viel zurück, vor allem Dankbarkeit. Wäre es anders, könnte ich meine Arbeit wohl nicht machen.

Die Normalität so lange wie möglich aufrecht zu erhalten – erleichtert das den Beteiligten den Abschied?
Lauermann: Andernfalls besteht die Gefahr, dass sich der Betroffene abgeschoben fühlt. Wir sprechen auch vom sozialen Tod. So erzählte mir beispielsweise eine schwerkranke junge Frau, dass Leute, die sie gut kannte, bei einer Begegnung plötzlich auf die andere Straßenseite wechselten. »Worüber sollen wir reden? Über die Krankheit doch bestimmt nicht«, mögen ihre Bekannten gedacht haben. Das war sicherlich gut gemeint, aber noch lange nicht gut. Oder: Im Krankenzimmer einer Oma tobten die Enkel herum. »Seid still, Oma geht es nicht gut«, wurden sie ermahnt. »Wie war es zu Hause?«, habe ich die Tochter der Frau gefragt. »Da war immer Trubel«, hat sie geantwortet. »Dann«, habe ich gesagt, »lassen sie es hier auch so«.

Musik, Kerzen und Blumen können eine angenehme Atmosphäre schaffen, in der Sterbende und ihre Angehörigen miteinander reden können. Foto: Mile Cindric

Musik, Kerzen und Blumen können eine angenehme Atmosphäre schaffen, in der Sterbende und ihre Angehörigen miteinander reden können. Foto: Mile Cindric

Manchmal gerät das Abschiednehmen zum Wettlauf mit der Zeit. Und dann?
Lauermann: Dann rate ich, sich ans Bett zu setzen. Nehmen Sie die Hand des Sterbenden und halten sie sie. Erfrischen Sie sein Gesicht, feuchten Sie manchmal seine Lippen an. Solche kleinen Handreichungen sind unendlich wertvoll für den Betroffenen. Sie tun ihm gut, und den Angehörigen auch. Untätig daneben zu sitzen, ist kaum auszuhalten.

Besonders bitter ist es, wenn man definitiv zu spät kommt!
Lauermann: Ja, viele werden vom Geschehen überrollt. Wir vom Hospiz-Team erleben das auch, wenn wir in die Häuser kommen. Nicht anders ist es auf der Palliativstation. Wir sagen dann: Jetzt haben wir alle Zeit der Welt! Ich vertraue darauf, dass uns der Verstorbene noch lange hören kann. Deshalb bitte ich die Angehörigen: Reden Sie mit ihm! Wir versuchen, die entsprechende Atmosphäre zu schaffen. Je nachdem, wie der Mensch gelebt hat – durch Musik, durch Kerzen, wir machen auch den Raum schön. Wenn Streit in der Familie auf der Tagesordnung stand, ist diese Phase besonders wichtig. Man sollte sie nutzen, um einen Schlussstrich ziehen zu können.

Wie, wenn man doch keine Antwort mehr auf seine Fragen erhält?
Lauermann: Eine Antwort kriegt jeder. Ich erzähle dazu ein Beispiel: Eine Mutter ließ ihre Tochter nicht ans Bett des todkranken Vaters, mit dem das Mädchen große Probleme hatte. Als der Vater verstorben war, habe ich zu dem Mädchen gesagt: Aber jetzt ist die Möglichkeit, das zu klären, was du klären wolltest. Genauso hat sie es dann gemacht. Und ich bin sicher, das Mädchen hat seine Antwort gefunden. Jedenfalls hat sie für sich Frieden schließen können – und das war für ihr weiteres Leben ganz wichtig.

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