Pfiffige Bewerbungen für 50plus
Artikel drucken
20. Mai 2010 | Von sechs+sechzig | Kategorie: Jobs & Ehrenamt
Dringend gesucht: Arbeitnehmer mit 25-jähriger Berufserfahrung, Hochschulabschluss mit diversen Zusatzqualifikationen, drei Fremdsprachen fließend sprechend, drei weitere sicher beherrschend, perfekten PC-Kenntnissen und mit einem hohen Maß an sozialer Kompetenz ausgestattet, Alter: plus/minus 30 Jahre.« Sicher, eine derartige Stellenanzeige ist nie erschienen. Doch durchforstet man Inserate, lässt sich leicht der Eindruck gewinnen, der ideale Mitarbeiter müsse genau so sein. Sicher ist auch, dass nicht nur das an Schulen und Universitäten erworbene Wissen eine immer größere Rolle spielt. Auch das, was nur das Leben lehren kann, wissen zunehmend mehr Firmen zu schätzen: die so genannten Soft Skills.
Ulf Uebel kennt diese »weichen Faktoren«. Oft genug hat er erlebt, wie Mitarbeiter jenseits der 50 souverän eingreifen, wo jüngere sich schon mal überfordert fühlen. Der Coach und Inhaber einer Personalberatung hat sich darauf spezialisiert, Menschen ab 50 Jahren wieder in Lohn und Brot zu bringen und ihnen mitunter auch ihr Selbstbewusstsein zurückzugeben. Dabei unterstützt er das Vorhaben der Einrichtung Customer Quality Network (CQN), Menschen in ihrer Lebensmitte – die sich verändern wollen oder Zugang zum Arbeitsmarkt suchen – in Kommunikationscenter zu vermitteln. Denn auf diesem Gebiet könnten ältere Arbeitnehmer besonders mit ihrer Lebenserfahrung punkten, vor allem im zwischenmenschlichen Bereich, findet Uebel. »Das sind oft Kleinigkeiten«, doch genau die führten zum gewünschten Ergebnis. »Wenn die Mitarbeiterin im Callcenter sagt: >Ach, ich sehe, Sie heißen Erika – genau wie ich<, dann ist schon mal eine Verbindung hergestellt.« Und nicht nur die kommunikativen Fähigkeiten Älterer sind ausgeprägter: »Mitarbeiter jenseits der 50 haben auch eine hohe Frustrationstoleranz.«
Aus diesem Grund und dem über Jahrzehnte angesammelten Fachwissen suchten viele Firmen verstärkt oder sogar explizit nach älteren Beschäftigten. Ein Umstand, der vor allem der demographischen Entwicklung geschuldet ist. »Wir werden den Mangel an Nachwuchs besonders innerhalb der kommenden zehn Jahre zu spüren bekommen«, sagt Uebel. Nur Unternehmen, die auch Arbeitsplätze für Mitarbeiter jenseits der 50 bieten, hätten demnach eine Zukunft.
Eine Firma, die sich darauf eingestellt hat, ist die ING-DiBa. Für ihr Nürnberger Callcenter hat die Direktbank im Frühjahr drei »Azubis« aus dem Programm JOBaktiv 50+ eingestellt, die zum 1. Dezember 2006 auch übernommen werden. Gisela Ruppert ist eine von ihnen. Wie lange sie ohne Arbeit dastand, weiß sie genau: »Drei Jahre und zwei Monate«, sagt sie. Die gelernte Industriekauffrau, Personalfachkauffrau und Industriefachwirtin war vielen Unternehmen zu qualifiziert und damit zu teuer. »Dabei will man nicht einmal unbedingt mit dem Gehalt wieder einsteigen, dass man zuletzt bekommen hat.« Bevor die 50-Jährige die Stelle bei der ING-DiBa bekam, hatte sie 367 Bewerbungen geschrieben. Vorstellungsgespräche: zehn.
Eine derart frustrierende Erfahrung blieb Evelyn Fink erspart. Die 51-Jährige hatte jahrelang ein eigenes Geschäft nahe der Nürnberger Burg, dass sich finanziell irgendwann nicht mehr trug. Sie schrieb 15 Bewerbungen und wurde auch meistens zu Vorstellungsgesprächen eingeladen. Genommen wurden dann Jüngere. Doch jetzt hat es geklappt.
Christa Louis wehrt sich gegen »das Stigma, dass ältere Arbeitnehmer nicht mehr gut genug sind«. Für die ebenfalls 51-Jährige ist die Ausbildung zur »Servicefachkraft für Dialogmarketing« die erste Berufsausbildung ihres Lebens. Die dreifache Großmutter ist viel gereist, hat in den USA gelebt. Erst vergangenes Jahr kehrte sie nach fünf Jahren aus Neuseeland zurück. »Ich habe heute mehr Ruhe, mehr Reife als früher«, sagt sie. »Und meine Motivation ist größer als die vieler jüngerer Menschen, weil ich weiß, was es bedeutet, arbeiten zu können.«
Dass jetzt das Wissen jener Menschen gefragt ist, die vor ein paar Jahren noch aufs Altenteil abgeschoben wurden, will Uebel so allerdings nicht stehen lassen. »In den 80er Jahren hat sich in vielen Unternehmen viel verändert«, beschreibt der Personalberater, der bis vor wenigen Jahren als Personalleiter in großen Konzernen tätig war. Als dort beispielsweise von Mechanik auf Mikroelektronik umgestellt wurde, »mussten wir dafür zum Teil Fachkräfte aus England holen.« Die deutschen Ingenieure wurden vorzeitig in den Ruhestand geschickt - nicht selten mit immensen Abfindungen. »Damals hieß es: Bist du schon im Ruhestand oder bist du so blöd, mit 55 noch zu arbeiten?«, erinnert sich Uebel an seine Zeit als »Personaler« bei der Firma Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB).
Wer aber heute jenseits der 50 noch arbeiten möchte oder muss, hat zunehmend wieder Chancen, Beschäftigung zu finden. In einer Untersuchung fanden die Forscher des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) heraus: Bei fast der Hälfte aller Stellen, für die sich ältere Arbeitnehmer bewarben, haben die über 50-Jährigen den Zuschlag auch bekommen. Die in den Jahren 2004 und 2005 durchgeführte Studie bei rund 16.000 Betrieben zeigt, »dass die gefühlte Chancenlosigkeit Älterer so gar nicht stimmt«.
Die Ergebnisse decken sich mit den Erfahrungen Uebels. Die Chancen Älterer wären seiner Ansicht nach sogar noch wesentlich größer, würden sie sich bei ihren Bewerbungen und in Vorstellungsgesprächen besser verkaufen. Richtige Bewerbungs-Sünden kennt Uebel, der zu diesem Thema ein Buch unter dem Titel »Stellen Sie sich vor« verfasst hat. »Wenn ich die Menschen frage: >Was macht Sie besonders?<, bekomme ich oft zur Antwort: >Eigentlich nix.<«
Für viele Leute fange das Besondere erst an, wenn sich jemand Oberbürgermeister nennen kann, bedauert er. Dabei seien gerade die Lebensläufe älterer Frauen und Männer randvoll mit den interessantesten Aspekten: »Wer glaubt, ein glattes Profil von sich abgeben zu müssen, gibt genau das auf, was ihn ausmacht.« So lässt die Frage nach Hobbys manchen verzweifeln: »Dafür hatte ich in den letzten Jahren keine Zeit - ich musste meine Mutter pflegen«, lautet nicht selten die Antwort.
»Aber genau das ist doch besonders - sich neben dem Beruf noch aufopferungsvoll um einen anderen Menschen gekümmert zu haben«, sagt Uebel. Selbst große Verluste dürfen in der Vita durchaus Erwähnung finden. »Die Fähigkeit, einen Schicksalsschlag verarbeiten zu können, wieder nach vorne zu schauen - das allein zählt.«
Schlimm seien hingegen Formulierungen in Bewerbungen wie: »Ich bin alt, aber immer noch gut.« Noch schlimmer: »Ich bin alt, aber trotzdem noch gut.«
Entscheidend für Firmen sei, ob der Bewerber »relevantes Wissen schnell erfassen und umsetzen kann« - auch wenn ein 60-Jähriger Informationen nur noch halb so schnell aufnimmt wie ein 20-Jähriger: »Ich glaube«, sagt Uebel, »dass ein Älterer Situationen objektiv schneller in vorhandenes Wissen einpassen kann.« Dies seien so genannte »Meta-Qualifikationen«, die - wie die berühmt-berüchtigte Pisa-Studie ergab - bei Schülern unterentwickelt sind. Jedes andere Wissen ließe sich aneignen, so man das will.
»Eine Bewerbung«, sagt der Personalberater, »muss sich lesen wie ein Krimi. Der Personalchef muss nachts nicht mehr schlafen können, bis er Sie endlich kennengelernt hat.« Ein Satz aus der Bewerbung einer 54-jährigen Frau bringt für Uebel auf den Punkt, was ältere Arbeitnehmer ausmacht: Lebensklugheit, Selbstbewusstsein und Humor. Der Satz lautete: »Meine Fehler hat bereits Ihre Konkurrenz bezahlt.«
Anja Kummerow
——————————————
Uebel Consulting Von Hirschberg-Str. 4,
91301 Forchheim
Telefon 09191 / 97 90 71
info@ulfuebel.de
www.ulfuebel.de














