Die virtuelle Welt ist im Altenheim der Renner

Artikel drucken Artikel drucken 28. Mai 2010 | Von | Kategorie: Wohnen & Heime

Herr Heckler gibt alles.

Herr Heckler erhebt sich mühsam von seinem Stuhl. In kleinen Schritten tippelt er die wenigen Meter bis zur Spielkonsole und greift sich den Controller. Im St. Alfonsheim in Giesing haben sich die Senioren wie jeden zweiten Mittwoch zum Wii-Spielen versammelt. Die Aula im fünften Stock wird in regelmäßigen Abständen zum Wettkampfschauplatz: Gut Holz an der Wii. „A drücken und hinten loslassen“, hallt es durch das sonnengeflutete Dachgeschoss mit dem weit reichenden Ausblick über die Landeshauptstadt München. Max Möhring, der hier ein Freiwilliges Soziales Jahr absolviert, hat alles vorbereitet. Die Partie ist in vollem Gange.

Die Gesellschaft lebt länger und die Verhaltensweisen von Jung und Alt nähern sich kontinuierlich an. Hierbei ist die virtuelle Welt des Internets von großer Bedeutung: Gegenwärtig noch das Medium der jungen Generation, wagen immer mehr alte Menschen den Sprung in die Zukunft. E-Mail, Chat und Communities haben keine Altersbeschränkung.

Jeden zweiten Mittwoch: Die Senioren vom Altenheim St. Alfons spielen „Computer Bowling“.

Herr Heckler ist ein Neuling an der Spielkonsole und noch nicht firm mit den Tastenkombinationen. „Daumen runter!“ Nach einigen Fehlversuchen schafft er es, die virtuelle Kugel gen Pins zu befördern. „Sehr gut haben Sie das gemacht, Herr Heckler“, lobt ihn die Sitznachbarin, während er seine Rückreise in den Stuhlkreis antritt. Die Senioren sprechen sich stets mit ihren Nachnamen an. Die Stimmung ist gut, der Umgang höflich. Nur Herr Heckler wirkt resigniert, er seufzt: „Dafür bin ich zu alt!“ Diese Meinung scheint allerdings nur auf ihn zuzutreffen. Die anderen Senioren fühlen sich wohl beim modernen Zeitvertreib. Man sitzt zusammen, unterhält sich und genießt die angenehme Gesellschaft in entspannter Atmosphäre. Ein Nintendo kann auch Älteren große Freude bereiten. Zumeist alleine in den vier Wänden, fehlt oftmals die Abwechslung im Alltag.

Die Wii-Bowling-Gruppe wird immer größer.

Frau Filous denkt zurück. Ihre Augen suchen einen Punkt an der Decke, als stünde dort, was sie erzählen möchte. „Damals“, sagt sie, „damals waren wir noch unbedarft.“ Beginnen die Älter(e)n eine Geschichte mit dem Wort damals, dann denken wir automatisch an lange zurückliegende Zeiten. An Zeiten, in denen es noch keinen Farbfernseher gab und erst recht kein Internet. Doch Frau Filous spricht von einer Zeit, die noch nicht lange vergangen ist und in der sie von Spielkonsolen noch nichts wusste: „Vor ein paar Monaten haben wir mit dem Wii-Spielen angefangen. Da ging es gleich um die Meisterschaft. Wir waren noch unbedarft und haben deswegen den zweiten Platz erreicht.“ Damals waren sie zu acht. Inzwischen ist die Wii-spielende Seniorengemeinde gewachsen: Rund 20 Bewohner des Heims sind mittlerweile vom virtuellen Bowling begeistert. Die Aula mit dem schwarzen Klavier, der kleinen hölzernen Bühne und der Leinwand ist für die Senioren der Ort, um Spaß zu haben.

Sehr erfolgreich: 2009 belegte man den zweiten Rang bei den bundesweiten Meisterschaften.

Mit sieben umgestoßenen von zehn möglichen Pins kehrt Frau Filous wieder an ihren Platz zurück. Sie ist unzufrieden. Im gleichen Atemzug betont sie aber wieder, dass es in erster Linie Spaß machen soll – und das tut es auch. Bis das Spiel zu Ende ist. Nun freuen sich die Bewohner wieder auf den Mittwoch in 14 Tagen, wenn Max „wiieder“ für Abwechslung sorgt.

Matthias Faidt und Robert Simbeck

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