Im Alter zählt jeder Zahn
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27. Mai 2010 | Von sechs+sechzig | Kategorie: Vermischtes
Ein bisschen verlegen lächelt Therese Mergner mit geschlossenen Lippen ihrem Besuch entgegen und versucht es mit einem kleinen Witzchen: »Meine Zähne haben gerade Ferien!« Die nämlich liegen seit einiger Zeit in der Schublade ihres Nachtkästchens im Altenheim, in dem sie lebt. Die Vollprothese schmerzt bei der alten Dame, aber einen Besuch beim Zahnarzt lehnt sie entschieden ab. Lieber arrangiert sie sich mit dem Essen, das nun vorwiegend aus Brei besteht. Sie verzichtet sogar auf ihren geliebten täglichen Apfel.
Dass man in einem solchen Fall mit vernünftigen Argumenten nicht weiter kommt, ist ambulanten und stationären Pflegekräften wohlbekannt. »Viele alte Menschen haben Scheu, sich in den Mund schauen zu lassen oder sich einer Behandlung zu unterziehen«, ist die übereinstimmende Aussage. Deshalb ist man in Seniorenstiften, Alters- oder Pflegeheimen bemüht, es möglichst nicht zu gravierenden Zahnschäden bei den Bewohnern kommen zu lassen. Mundhygiene gehört zur Grundpflege, die jede examinierte Fachkraft beherrschen muss. Schließlich ist wohlbekannt, dass Entzündungen und Zahnverlust, unter dem rund 80 Prozent aller Senioren in Deutschland leiden, ein hohes Risiko für zahlreiche Krankheiten bergen. Diesem Schicksal ist nicht automatisch ausgeliefert, wer als rüstige Person die tägliche Zahnpflege gewissenhaft und gründlich in die eigene Hand nimmt oder bei Bedarf eine Arztpraxis aufsucht. Problematisch wird die Sache allerdings im Pflegefall.
Pflegekräfte haben drei Minuten
Sehr entschieden äußert sich dazu Dr. Martin Zschiesche, Vorsitzender des Zahnärztlichen Bezirksverbands Mittelfranken (ZBV), der die zahnärztliche Versorgung alter Menschen für ein Grundproblem innerhalb unseres Gesundheitswesens hält. »Der Gesetzgeber«, sagt der Fachmann, »hält die Gesunderhaltung der Zähne von Senioren offenbar für entbehrlich. Das zeigt sich schon daran, wie wenig Zeit den Pflegekräften für die Zahnpflege der betreuten Menschen zugemessen wird.« Das ist in der Tat äußerst bescheiden. Peter Meusch, Leiter des Senioren- und Pflegeheims Stift St. Martin in Nürnberg, kennt die Zeitvorgabe genau: »Einmal täglich drei Minuten für Zahn-und Prothesenpflege bei Teilübernahme, bei Erschwernisfaktor acht Minuten.« Dass bei dieser olympiareifen Geschwindigkeit oft nur das Notwendigste getan werden kann – und das auch nur bei ausreichender Kooperation des betroffenen Menschen – liegt auf der Hand. Doch hier, wie in vielen anderen Einrichtungen, versucht man sein Bestes. Abgesehen von einer ausgewogenen Ernährung und dem Verzicht auf stark gezuckerte Getränke setzt man in St. Martin auf Engagement und Können des »Paten-Zahnarztes«, der sich regelmäßig der Bewohner annimmt.
»Paten-Zahnärzte stehen in Mittelfranken allen Alten- und Pflegeheimen zur Verfügung«, so Dr. Martin Zschiesche vom ZBV. »Es handelt sich um Kollegen, die sich freiwillig für diese Aufgabe melden und >ihre< jeweilige Einrichtung entweder regelmäßig oder von Fall zu Fall besuchen. Sie haben einen Notfallkoffer für einfache Behandlungen dabei oder bestellen die Bewohner, wenn nötig, in ihre Praxis ein. Die alten Menschen werden dann von einem Hilfsdienst gebracht und wieder abgeholt. Abgerechnet werden die Leistungen ganz normal über die Krankenkasse.«
Das klappt ganz gut, auch in St. Martin, wo man sich vor rund einem Jahr erfolgreich um einen Paten-Zahnarzt bemühte. Um zu klären, ob dieser Service jedem Bewohner und jeder Bewohnerin willkommen war, wurde von jedem Einzelnen das Einverständnis eingeholt. Wer seinem gewohnten Zahnarzt die Treue halten wollte und diesen regelmäßig konsultieren konnte, musste natürlich nicht wechseln. Die Vorschriften machen dabei allerdings den Transport zum behandelnden Zahnarzt und zurück zum Problem: Bescheinigungen von Hausarzt und Krankenkasse sind zuvor herbeizuschaffen.Das Bemühen um gesunde Zähne oder guten Zahnersatz lohnt sich aber: Ältere Menschen erhalten sich so ein großes Stück Lebensqualität – oder erhalten es zurück. Oft stellt sich sogar der Appetit wieder ein, an dem es zuvor mangelte. Zschiesche: »Wenn ein alter Mensch vor Schmerzen nicht mehr kauen mag, kann man geradezu sehen, wie er abmagert. Das muss doch nicht sein!«
Brigitte Lemberger
Tipps zur Zahngesundheit
Was tun, um die Zähne im Alter gesund zu erhalten?
Schon bei der Wahl der Zahnbürste scheiden sich die Geister. Mancher Zahnarzt plädiert für »mittelhart«, ein anderer für »weich« bis »extraweich«. »Hart« scheidet grundsätzlich aus, denn nichts ist so schädlich wie heftiges Schrubben. Der Bürstenkopf soll klein und gerade sein, damit auch der hinterste Teil der Mundhöhle erreicht wird. Geputzt wird, wie man das schon als Kind gelernt hat, »von rot nach weiß«. Es empfiehlt sich, jedem einzelnen Zahn seine volle Aufmerksamkeit zuzuwenden und etwa drei Minuten für den gesamten Vorgang einzuplanen. Geputzt wird zweimal täglich mit einer schonenden, evtl. medizinischen Zahnpasta. Weil die schmalen und breiteren Zahnzwischenräume beim Einsatz der Zahnbürste zu kurz kommen, folgt zusätzlich der Griff zur Zahnseide. Mit dieser fährt man an den enger beieinander stehenden Zahnseiten entlang. Mit Spezialseide (Superfloss) rückt man dem Belag an den weiter voneinander entfernten Zähnen zu Leibe. Wer die Pflege perfektionieren will, setzt dann noch einen drauf: mit dem Zwischenraumzahnbürstchen, auch »Interdentalbürstchen« genannt. Am Ende spült man den Mund natürlich gründlich aus – und hat das wunderbare Gefühl, für heute alles für seine Kauwerkzeuge getan zu haben.Wie reinigt man den Zahnersatz am besten?
Es ist ein Irrglaube, Reinigungstabletten im Wasserglas reichten komplett aus für Teil- oder Vollprothesen! Vielmehr sind für diese Pflege spezielle Prothesenbürsten angeraten, mit denen man den Belag von der Prothesenunterseite entfernt. Da diese Fläche direkt der Mundschleimhaut anliegt, kann es sonst Probleme geben. Ganz pragmatisch rät ein Fachmann, das Waschbecken mit einem Handtuch auszupolstern, bevor man seine »Dritten« pflegt. Sie könnten einem ja einmal aus der Hand fallen.
Beim Säubern von Einzelkronen muss der Übergang vom Kronenrand zum Zahn besonders gründlich geputzt und zwischen den Zähnen mit Zahnseide sorgfältig gearbeitet werden. Intensiv müssen auch die natürlichen und überkronten Zähne gereinigt werden, die zur Verankerung der Prothese dienen. Bei übermäßiger Belagbildung würden diese sonst ihre Verankerungsfunktion verlieren.Und wie reinigt man die Zunge?
Im Mund tummeln sich täglich viele Milliarden Bakterien. Zusammen mit Speiseresten, abgestorbenen Schleimhautzellen und Speichel bilden sie den typischen pelzig-weißen Belag, der wiederum die Ursache für unangenehmen Mundgeruch ist. Der Zunge mit der Zahnbürste zu Leibe zu rücken, ist nicht ratsam, denn dadurch kann das sensible Organ beschädigt werden. Mit einem Zungenreiniger lässt sich der Belag lockern und zur Zungenspitze hin abschaben.















