Wie lange wollen
Sie noch fahren?

Artikel drucken Artikel drucken 28. Mai 2010 | Von | Kategorie: Computer & Technik

Mario (rechts) und Johanna Firmo lassen sich von einem Verkäufer die übersichtliche Bedienung in einem Neuwagen zeigen. Foto: Michael Matejka

Die erwachsenen Kinder ziehen die Augenbrauen hoch, die pubertären Enkel feixen; die auf der Beifahrerseite sitzende Ehefrau klammert sich stumm an den Türgriff. Doch sie macht auch diese Ausfahrt mit. Dankbarkeit dämpft die Angst, wenn sie der Ehemann zum Arzt fährt. Der alte Herr hat sich mal wieder hinter dem Steuer seines neuen Mittelklassewagens, der für ihn mit seiner modernen Elektronik ein unbegreifbares Wesen ist, ins Verkehrsleben gewagt. Gewagt – so sehen es zumindest die anderen. Er selbst ist von seinen Fahrfähigkeiten zutiefst überzeugt. Auch mit knapp 76 Jahren.

Unfallfrei seit über 40 Jahren gefahren: Darauf ist er stolz. Das ist auch sein Argument, wenn die Tochter vorsichtig fragt: »Hast du schon mal daran gedacht.«

Sensorgesteuerte Systeme sind heute in vielen Autos eingebaut. Gute Beratung ist wichtig. Foto: Michael Matejka

Vor allem in den vergangenen vier Jahren sind ihm da ein paar Sachen passiert, die es zuvor so nicht gab. Da hat er beim Rückwärtsfahren aus der Parklücke dem daneben stehenden Pkw ein paar Schrammen verpasst, ohne es zu bemerken; da hat er beim Linksabbiegen das entgegenkommende Auto zu spät gesehen – schließlich musste er auch noch auf die Radfahrer auf dem Radweg achten. Passiert ist nichts. Der andere Fahrer hatte scharf abgebremst. Passiert ist auch nichts, als er bei Rot über die Kreuzung fuhr. Er sei ja nicht schnell gefahren, sagt er. Heute schleicht er ganz langsam auf die Kreuzung zu und wartet einfach länger. Bis er sich ganz sicher ist. Die Warteschlange hinter ihm juckt ihn nicht.

Das Auto garantiert Unabhängigkeit

Die Alten und ihr Auto, das ist ein heikles Thema. Schließlich sind sie auf ihr Gefährt mehr denn je angewiesen, denn auch zu Fuß sind sie nicht mehr so gut. Wie zum Arzt kommen? Oder zum Supermarkt? Wie den Enkel vom Kindergarten abholen? Als man vor einem halben Jahrhundert ins Grüne zog, ins eigene Häuschen, dachte man noch nicht an altersbedingte Einschränkungen. Das Auto ist auch heute das einzige Verkehrsmittel, das ihnen Unabhängigkeit und Mobilität garantiert.

Noch nie waren ältere Männer und Frauen so beweglich und unabhängig wie in unseren Tagen. 75 Prozent aller 60- bis 64-jährigen Frauen und 93 Prozent der Männer dieses Alters haben heute einen Führerschein. Sie sind fraglos erfahrene Pkw-Benutzer. Dass das Leistungsvermögen im Laufe der Jahre immer mehr sinkt, stellen sie an sich selbst nur bedingt fest.

Nach einer Studie des Interdisziplinären Zentrums für Verkehrswissenschaften (IZVW) an der Uni Würzburg sind Unfälle von alten Fahrern nicht unser größtes Problem. Aber: Bei über 75-Jährigen ist das Risiko, einen Unfall zu verursachen, höher als bei Fahranfängern. Ab dem 55. Lebensjahr steigt danach das Unfallrisiko kontinuierlich an. Besonders riskant wird es an Kreuzungen: Da zeigt die statistische Risikokurve steil nach oben.

Vorsicht mit Medikamenten

Was tun? Bei der ersten Unsicherheit oder ein paar kleinen Unfällen gleich den Führerschein abgeben? Sich alle zwei oder fünf Jahre durch die Test-Mangel drehen lassen? Und wer testet nach welcher Methode? Es gibt keine gesicherten Belege, wie trainierbar alte Autofahrer und -fahrerinnen sind. »Sie brauchen ein anderes Training als Fahranfänger«, betont IZVW-Chef Professor Dr. Hans-Peter Krüger (Nürnberg). Und Mediziner sind für Verkehrsfragen nicht ausgebildet. Krüger: »Man scheut sich, konkrete Hinweise zu geben.«

Das gilt vor allem beim Verschreiben von Medikamenten. Ab 60 Jahren steigt die Einnahme von Schmerz- und Beruhigungsmitteln. Und: Über 40 Prozent der über 65-Jährigen leiden heute unter Schlafstörungen. Die Pillendose gehört fraglos zum Altersleben. Abends die Schlaftablette und am nächsten Morgen hinters Steuer. Eigentlich sollte so jemand erst mittags Kupplung und Gaspedal treten.

Ein Problem im Verkehr ist der so genannte Sekundenschlaf, das plötzliche Einnicken am Steuer. »Aber selbst dadurch ausgelöste Unfälle führen nur bedingt dazu, mit dem Fahren aufzuhören«, heißt es in der IZVW-Studie. Doch welcher Arzt gibt solche Ratschläge? Daher ist der Rat des Auto- und Reiseclubs Deutschland (ARCD) in Bad Windsheim, ältere Menschen sollten regelmäßig den Arzt ihres Vertrauens aufsuchen und sich nach seinen Befunden richten, zwar gut gemeint, zielt aber offensichtlich an der Wirklichkeit vorbei.

sechs+sechzig-Leser Walter Hecker würde sich schon mal testen lassen, um mit seinen 72 Jahren den Stand seiner Fahrtauglichkeit zu erfahren. »Aber anonym«, meint er. »Nicht dass nach dem Test, der vielleicht nicht in allen Bereichen optimal verlaufen ist, schon die Polizei auftaucht und den Führerschein kassiert.« Auch Dieter Bauer hat gegen einen Test nichts einzuwenden. »Aber erst ab 75«, meint der 67-jährige Rentner aus Nürnberg. Dann allerdings würde er Hören, Sehen und Reaktionsfähigkeit prüfen lassen.

Ältere befürworten selbst Tests

Eine ADAC-Erhebung unter über 60-jährigen Mitgliedern besagt, dass 85 Prozent von ihnen Tests befürworten. »Von den Ansprüchen der Senioren an brauchbare Technik und guten Service ist der deutsche Markt noch weit entfernt«, heißt es beim ADAC. Dabei müssten die Automobilhersteller an dieser Käufergruppe durchaus interessiert sein. Immerhin sind 28 Prozent der Käufer von Neuwagen über 60 Jahre alt.

Beim ARCD hält man nichts von starren Tauglichkeitstests für Ältere. Allerdings fordert auch dieser Club, bei der Entwicklung neuer Fahrzeugmodelle Wert auf das seniorengerechte, einfach zu bedienende Auto zu legen. Was nicht ausschließe, dass die Verkehrspolitik geeignete Konzepte vorlegt, »die über die Frage hinausgehen, ab welchem Alter wir uns künftig einer Fahreignungsprüfung oder einem Gesundheitscheck unterziehen müssen.« Neuerdings bietet der ADAC Nordbayern Sicherheitstrainings speziell für die reiferen Jahrgänge an.

Manche Städte in Deutschland locken Menschen, die ihren Führerschein nur noch als Nostalgie-Lappen behalten wollen und ihr Auto verkaufen, mit kostenlosem »Schnupperfahren« in Straßen- sowie U-Bahn und Bus. Bei der VAG Nürnberg gibt es zumindest derzeit kein solches Angebot.

Was Alten, aber auch Jungen das Fahren eines Pkw erleichtert, sind die so genannten »Fahrerassistenzen«, sensorgesteuerte Systeme. Manche stecken noch in der Entwicklung: Zum Beispiel das Auto, das stoppen soll, wenn der Fahrer beim Linksabbiegen ein entgegenkommendes Auto übersieht. Andere sind längst verfügbar, der intelligente Tempomat etwa, der verhindert, dass man zu nahe auf das vorausfahrende Auto auffährt. Der Spurwechsel-Assistent wiederum verhindert das Wechseln der Spur, wenn ein Fahrzeug im toten Winkel ist. IZVW-Chef Hans-Peter Krüger vermutet, dass dieser Assistent wohl in zwei Jahren auf den Markt kommt.

Die »Fahrerassistenzen« sind freilich nur unterstützende Systeme; sie ersetzen nicht das eigene Sehen, Hören und Reagieren. Verkehrspsychologe Krüger zieht deshalb das Fazit: »Vertrauen ist gut, Hilfe ist besser, aber Kontrolle muss sein.«

Günter Dehn

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