Das unterschätzte Hilfsangebot

Artikel drucken Artikel drucken 22. Juni 2010 | Von | Kategorie: Wohnen & Heime

In der Tagespflege wird viel Wert auf eine Wohlfühlamtmosphäre gelegt. Foto: R. FenglerAch ja, die Talsohle, die berühmte. Gertraud Barth lächelt und nickt. »Man muss wohl erst an seine Grenzen stoßen, bis man Hilfe in Anspruch nimmt«, sagt die 50-Jährige aus Rohr bei Schwabach. Vor neun Jahren hat sie angefangen, ihren Vater zu pflegen, gemeinsam mit ihrer Mutter und anderen Familienangehörigen. »Die Last war also schon auf mehreren Schultern verteilt«, erinnert sie sich. Trotzdem kam der Punkt, an dem alle nicht mehr konnten – die Talsohle. Die zunehmende Demenz des Vaters, das ständige Rund-um-die-Uhr-da-sein-müssen, dazu die eigene Familie versorgen, arbeiten gehen – diese Dauerbelastung zermürbte die Familie. »Aber erst da haben wir uns nach Hilfe erkundigt«, gibt Barth zu.
David Kletke kennt solche Situationen in allen Varianten. Der Stationsleiter der Awo-Tagespflege in Schwabach nimmt kein Blatt vor den Mund: »Machen wir uns nichts vor, es ist ein grausiger Prozess, seinen Lebenspartner oder die Eltern zu beobachten, wie sie in die Demenz abgleiten, und dann auch noch das Gefühl zu haben: Ich bin überfordert und muss ihn oder sie jetzt in wildfremde Hände geben.« Er beschönigt nichts, und dass die Entscheidung für einen solchen Schritt immer schwer fällt, weiß Kletke auch. Dennoch hält der 43-Jährige die Tagespflege für eine ideale Unterstützung, gerade für Angehörige, die einen Partner oder ein Elternteil mit beginnender oder leichter Demenz zu Hause versorgen.

Dass der Rückgriff auf professionelle Hilfe keineswegs im Drama enden muss, zeigt der Besuch im Schwabacher Haus der Arbeiterwohlfahrt. In der Küche der Tagespflege sitzen die Gäste beieinander, es wird aus der Zeitung vorgelesen, geredet und gemeinsam Gemüse für eine Kartoffelsuppe geschnippelt. Im Flur steht ein Kicker, die Wände sind mit Karikaturen der Tagesgäste beklebt, die Kletke selbst zeichnet. »Damit haben wir gute Erfahrungen«, sagt der Stationsleiter. »Selbst Demente, die sich auf Fotos nicht mehr erkennen, finden sich in den Karikaturen oft wieder.« Dann werde gelacht, die anderen an der Wand gesucht und auch mal geschimpft, dass man so doch gar nicht aussehe – das Ziel, die Gäste aus der Reserve zu locken, ist in solchen Momenten erreicht. Im Wohnzimmer gegenüber stehen eine dunkle hölzerne Schrankwand, altbackene Sofas und ein Plattenspieler. »Wir haben das so eingerichtet, wie es viele unserer Gäste von früher oder zu Hause kennen«, sagt Kletke. Das Wichtigste für die Tagespflege ist für ihn ganz klar: »Wir wollen eine Wohlfühlatmosphäre schaffen.« Für den Gast müsse der Aufenthalt dabei gar nicht unbedingt jeden Tag bereichernd sein, findet Kletke. »Auf alle Fälle ist es aber eine Erleichterung für die Angehörigen, die dann auch die häusliche Pflege besser leisten können.« Ambulante Dienste einspannen, eine Tages- oder Kurzzeitpflege buchen, um selbst wieder Kraft zu tanken, davor scheuen zu viele Betroffene zurück. Aber spätestens, wenn es zu Aggressionsgefühlen gegenüber dem zu Pflegenden kommt, sei es höchste Zeit für Hilfe, sagt Stationsleiter Kletke. Mit dem Abschiebe-Gedanken hadern dabei fast alle Angehörigen, und nur die wenigsten machen sich klar, dass eine zu lange Leidenszeit sogar schaden kann.
Auch Indira Schmude bestätigt, dass pflegende Familienmitglieder meist viel zu lange warten, bis sie einen Teil der Last abgeben. Schmude leitet die Kurzzeitpflege im Diakoniezentrum Nürnberg-Mögeldorf und sie weiß, dass das Thema Pflege in allen Facetten noch viel zu oft ein Tabu ist.
»Da wurschteln Ehepaare jahrelang vor sich hin, viele sind noch ohne Pflegestufe, dabei hätten sie diese längst beantragen können.« »Der Betroffene hat nichts davon, wenn die pflegenden Angehörigen zusammenbrechen, dann gibt es nämlich keine Alternative mehr zum Heim«, gibt Schmude zu bedenken. Ihre Pflegegäste verbringen zwischen einer Woche und zwei Monaten im Jahr in der Kurzzeitpflege – dann, wenn die Angehörigen selbst im Urlaub oder auf Kur sind oder aus Krankheitsgründen ausfallen. Skepsis bei den Pflegebedürftigen, die zum ersten Mal kommen und oft nur körperlich eingeschränkt sind, erlebt sie natürlich auch. Manch einer glaubt gar, nie mehr abgeholt zu werden. »Doch am Ende sagen nur wenige: Nie wieder. Viele finden auch, das war okay, das war auch so eine Art Urlaub«, erzählt sie. Sie rät dringend, das Thema rechtzeitig zu Hause anzusprechen und die vielen Zwischenstufen zwischen rein häuslicher Pflege und stationärem Pflegeheim in Anspruch zu nehmen. »Pflege ist schließlich eine Knochenarbeit, die geht an die Substanz. Und wir haben hier drei Schichten und freie Tage, daheim ist man 24 Stunden eingespannt.«

Die Entscheidung für häusliche Pflege kann natürlich trotz aller Belastungen auch gut ausgehen, wie der Fall von Gertraud Barth und ihrem Vater zeigt. Ihre Familie entschied sich damals, als der Leidensdruck zu groß wurde, für die Tagespflege. Mehrere Tage in der Woche verbrachte ihr Vater im Haus der Awo, am Nachmittag ging es wieder zurück in die eigene Wohnung und in die Obhut der Familie. Die hatte endlich wieder Zeit zum Durchschnaufen, auch die Versorgung daheim lief wieder besser. »Wir haben hier eine wahnsinnige Entlastung gefunden«, erinnert sich Barth dankbar. »Und auch für den Vater ist die Tagespflege Teil seines Lebens geworden, sie hat seinen Tag strukturiert.«
Mittlerweile ist der heute 81-Jährige in die vollstationäre Pflege zwei Stockwerke tiefer gewechselt. Gertraud Barth ist dennoch oft in der Tagespflege zu Gast, manchmal nimmt sie dorthin auch ihren Vater mit. Sie hat eine Angehörigengruppe gegründet und ist Heimfürsprecherin. Die Tagespflege ist für sie zu einer Herzenssache geworden. »Wir konnten damit lange Jahre die Vollzeitpflege hinauszögern«, sagt sie. Sie ist sicher: Gerade die Entscheidung, tagsüber sein Zuhause zu verlassen, hat es ihrem Vater am Ende ermöglicht, länger zu Hause zu bleiben.

Christine Thurner

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