Der alte Adam träumt von ewiger Jugend
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11. Juni 2010 | Von sechs+sechzig | Kategorie: Gesundheit & Ernährung
Der alte Adam gefällt sich heute nicht mehr. Als Gott ihn nach seinem Ebenbilde schuf, hatte er nur Augen für Eva. Selbstbespiegelung war ihm fremd. In unseren Tagen mehren sich indes die Anzeichen, dass sich Adam auch selbst gefallen will. Wenngleich manche weibliche Zungen behaupten, es umgebe den »Herrn der Schöpfung« ohnedies eine Aura der Selbstgefälligkeit.
Wie dem auch sei. Das Altern macht nicht nur Eva, sondern auch Adam zunehmend zu schaffen. Immer mehr seiner Artgenossen pflegen nicht mehr allein am Stammtisch ihren Bierbauch, sondern sehnen sich nach einem Bauch, für dessen Bezeichnung das alte, längst ausgemusterte Waschbrett herhalten muss. Deshalb tummelt sich der Mann von heute auf dem »Beauty-Markt«. Vergesslichkeit, schlaffe Haut, Schweißausbrüche, Gewichtszunahme bei gleichzeitigem Muskelschwund – das alles wird nicht mehr als gott- oder naturgegeben hingenommen. Wer immer mehr Jahre auf dem Buckel hat, will noch lange nicht alt aussehen und sich schon gar nicht alt fühlen.
Hormone, die sich mit zunehmendem Alter aus Haut und Hoden davongemacht haben, können Ärzte wie der Dermatologe
Dr. Dieter Neugebauer (59) von der EuromedClinic in Fürth dem alternden Adam über die Haut wieder zuführen. »Unsere über 60-jährigen Männer erhalten einen Fragebogen, der Aufschluss über ihren testosteronabhängigen Gesundheitszustand gibt«, erläutert Neugebauer. Die Mediziner erforschen vor Beginn einer Therapie die Altersgebrechen des Patienten, wie Verschlechterung des allgemeinen Wohlbefindens, Gelenk- und Muskelschmerzen, starkes Schwitzen, aber auch Reizbarkeit, Nervosität, Abnahme der Libido und Nachlassen der Potenz. 17 Fragen sind es, die der Mann ehrlich beantworten soll. Wer zwischen 27 und höchstens 50 Punkte einfährt, muss nicht verzagen: Denn dem Manne kann geholfen werden. Es könnte sein, dass sich seine Testosteron-Produktion auf Kurzarbeit eingestellt hat.
Jeder Fünfte von Neugebauers Senioren-Patienten unterzieht sich nach dem Test und einer Reihe von Untersuchungen einer Behandlung mit einem Hormongel, »das über die Bauchhaut direkt ins Blut geht«, wie Neugebauer erläutert. Der Arzt ist Mitglied der Gesellschaft für Mann und Gesundheit e.V. Nicht nur Männer im Berufsstress, sondern auch Pensionisten und Rentner freuen sich nach der Therapie über mentale Fitness und sportliches Aufblühen. Viele der Patienten klagten bereits bei »gerade noch normalen Testosteronspiegeln (3,4-4,0 ng/ml) über Libidoverlust und Antriebsschwäche«, sagt Neugebauer.
Männer, die auf medizinische Bio-Produkte schwören, bremsen ihr Dahin-Altern mit Progesteron. Der Stoff soll sich, je nach Bedarf, im Körper in Testosteron umwandeln. Es sorgt für den hormonellen Ausgleich, für die Balance zwischen Östrogen und Testosteron. Progesteron sei ein »absolutes Naturprodukt, also kein Medikament«, sagt der Dermatologe. Es wird aus der auf mexikanischen Plantagen angebauten Yamswurzel hergestellt.
Zu wenig Bewegung
Natürlich reden Mediziner wie Neugebauer dem alten Adam ins Gewissen, was seinen Lebensstil angeht. Den Kurztrip von der Wohnung zum Wirtshaus werten auch sie nicht als sportliche Betätigung. Und jeden Abend vier, fünf Halbe Bier oder eine Flasche Wein, dazu gewissermaßen als flankierende Maßnahme die eine oder andere Zigarette – bei solch einem Lebensstil hilft auch keine Progesteron- oder Testosteron-Therapie dem Mann auf die Sprünge. Bewegungsmangel, falsche Ernährung, zu viel Alkohol und Nikotin kann selbst die beste Hormonbehandlung nicht ausgleichen.
Neugebauers Kompagnon Robert Birk, ebenfalls Dermatologe, setzt mehr auf ästhetische Chirurgie – fraglos ein Wachstumsmarkt. Schönheitsoperationen sind nicht mehr eine alleinige Domäne der Frauen; Männer holen auf. Waren früher noch 85 Prozent des »starken Geschlechts« mit ihrem Aussehen zufrieden, sind es im 21. Jahrhundert nur noch 57 Prozent. Das ergab eine Umfrage des Magazins Focus.
Nach einer Erhebung der Bodenseeklinik in Lindau stieg in den vergangenen 20 Jahren der Anteil der männlichen Patienten bei Schönheits-Operation von knapp fünf Prozent auf fast 20 Prozent. Überwiegend entscheiden sich zwar Jüngere für solche Eingriffe. »Auch die Zahl der über 60-Jährigen, die eine ästhetische Korrektur vornehmen lassen, ist im Steigen begriffen; sie ist prozentual betrachtet jedoch ziemlich gering«, sagt der 42-jährige Euromed-Mediziner Birk. Die Senioren wünschen vor allem eine Augenlidstraffung, gelegentlich auch eine Fettabsaugung. Wenn sich ältere Männer für eine Verbesserung ihres Erscheinungsbildes entscheiden, steckt nur in seltenen Fällen eine jüngere Partnerin dahinter. Vielmehr, sagt Birk, sei es so, dass »heutzutage Männer äußerlich schneller altern als innerlich«. Deshalb wollen immer mehr diese Diskrepanz durch eine Operation auflösen.
Wer indes meint, die plastische oder ästhetische Chirurgie sei eine Erfindung der Neuzeit, täuscht sich. Nach Angaben des Verbandes der Plastischen Chirurgie (VDPC) machten in Indien bereits im 6. Jahrhundert »plastische Chirurgen« durch eine Nasenersatzplastik von sich reden. Offenbar aus medizinischen Gründen. Deshalb legt der Verband auch Wert auf die Tatsache, dass die Kunst plastischer Chirurgen nicht nur die Ambitionen ihrer Klientel nach jugendlichem Aussehen befriedigt. In der »Rekonstruktiven Chirurgie« werden angeborene Fehlbildungen, Entstellungen nach Unfällen oder Tumoroperationen, vor allem aber auch nach Verbrennungen operativ beseitigt. Ein Bereich ist auch die Handchirurgie, in dem die Methoden der Plastischen Chirurgie besonders komplex und differenziert angewandt werden, etwa bei der Replantation abgetrennter Finger oder einer Hand.
Hatte noch vor zehn Jahren in der »Hitliste« der Schönheitswünsche bei Männern die Nasenkorrektur – um im Bild zu bleiben – die Nase vorn, ist es heute die Faltenbehandlung. Vor allem sind es die Halsfalten, die dem Manne Vergänglichkeit und körperliches Altsein signalisieren. Durch Facelifting kann der Mann sein neues Selbstwertgefühl »entfalten«. Was Senioren zudem Verdruss bereitet, ist genau das, was viele bei Frauen so lieben. Es ist die Vergrößerung der Brust, die sogenannte Gynäkomastie, eine Fetteinlagerung, und deshalb auch umgangssprachlich »Specktitte« genannt. Vor einer Operation ist jedoch auch beim Mann eine Mammographie fällig.
Dem ästhetischen Chirurgen bietet der alternde Mann ein reiches Betätigungsfeld. Das Anlegen von abstehenden Ohren gehört ebenso dazu wie die Beseitigung von Tränensäcken. Eine, zugegeben etwas delikate Angelegenheit ist die Hodensackstraffung. Sie wird in besonders krassen Fällen auch von den Kassen bezahlt.
Die neue Schönheit hat allerdings ihren Preis – und das nicht nur in Euro und Cent. Seriöse unter den Kliniken und Ärzten versäumen es nicht, auch auf eventuelle Schäden wie Narben, Taubheit, Verzerrungen und Durchblutungsstörungen hinzuweisen. Man sichert sich ab. »Allerdings«, sagt Robert Birk, „haben die Risiken dank enormer Fortschritte in der Ästhetischen Medizin deutlich abgenommen.«
Ein älterer Herr berichtet im Internet über seine Erfahrungen bei einer Haartransplantation, die er in den USA vornehmen ließ: »Das Ergebnis ist ernüchternd«, schreibt er. »Ich muss die Narbe der Skalp-Entnahme am Hinterkopf mit Kosmetik kaschieren.« Dauer der Operation: elf Stunden. Jetzt trägt der Mann die Haare ganz kurz und kommt zu dem Schluss: »Ich hätte mir besser ein neues Fahrrad kaufen sollen.«
Günter Dehn
Abbildung: »Die Erschaffung Adams“ von Michelangelo, ein Ausschnitt des Deckengemäldes in der Sixtinischen Kapelle im Vatikan.














