Die Beatles-Generation
gerät ins Schwärmen
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7. Juni 2010 | Von sechs+sechzig | Kategorie: Reise & Kultur
Vor 50 Jahren taten sich in Liverpool vier junge Musiker zusammen, die Musikgeschichte schreiben sollten – die Beatles. Titel wie »Yesterday«, »She Loves You« oder »Yellow Submarine« kennt bis heute jedes Kind, und ihre Alben, etwa Sgt. Pepper’s Lonely Heart Club Band oder The White Album, gelten als Meilensteine der populären Musik. John Lennon, Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr wurden aber nicht nur wegen ihrer Musik weltberühmt, die sie bis zur Trennung der Gruppe 1970 mit George Martin produzierten. Vielmehr verkörperten die »Fab Four« das Lebensgefühl einer ganzen Generation, die in den 60er Jahren zu neuen Ufern aufbrach, die Konventionen der Elterngeneration abschüttelte und von Liebe und Frieden träumte. Wer damals jung war, wird die Musik der Beatles immer mit diesem Lebensgefühl verbinden. sechs+sechzig hat Menschen nach ihren Erinnerungen an die Zeit befragt, als die »Beatlemania« die Jugend erfasste.
Hans Meyer, 67, war von November 2005 bis Februar 2008 Trainer beim 1. FC Nürnberg, mit dem er im Jahr 2007 den DFB-Pokal gewann. Meyer war als Spieler in der DDR-Oberliga bei Carl-Zeiss-Jena aktiv, wo er 1971 auch seine Trainerlaufbahn begann. Er ist Mitglied der in Nürnberg gegründeten Akademie für Fußballkultur und Trainer der Deutschen Nationalmannschaft der Schriftsteller.
»Ich bin eigentlich nicht der große Musikkenner. Ich weiß mehr über Fußball, auch über Bücher. Aber bis heute habe ich Kassetten im Auto mit Titeln von den Beatles drauf, auch wenn ich sonst mehr klassische Musik höre, vor allem die Ohrwürmer. Wer einmal die Musik von den Beatles geliebt hat, wird sie immer wieder hören. Das hängt auch mit Nostalgie zusammen.
Die Beatles waren bei uns im Osten unglaublich populär. Wir waren natürlich immer informiert durch Fernsehen und Radio. Das konnte der Staat nicht abblocken. Wir haben als Kinder und Jugendliche hingeguckt, was da gerade aktuell war. Für die Staatsführung der DDR waren die langen Haare und Bärte der Inbegriff der westlichen Dekadenz. Dabei hätte das Regime eigentlich auf die Herkunft der Beatles stehen müssen, denn die vier stammten ja nicht gerade von Millionären ab.
Ich erinnere mich noch gut daran, dass mir meine Schwester, die im Westen lebte, später mal das weltberühmte Album ›Sgt. Pepper’s Lonely Heart Club Band‹ mitgebracht hat. Das habe ich gehütet wie meinen Augapfel.
So war ich damals mit Liverpool in zweifacher Weise verbunden: Wegen der Beatles auf der einen Seite und andererseits wegen Bill Shankly, der von 1959 bis 1974 als Trainer beim FC Liverpool Großes geleistet hat.«
Monika Schwab, 62, ist Rentnerin und war bis zu ihrem Ruhestand als pharmazeutisch-kaufmännische Assistentin tätig. Mit den Beatles kam sie zuletzt im Seniorenzentrum Bleiweiß in Nürnberg in Berührung. »Philipps Jukebox: Meet the Beatles« lautete der Titel einer Nachmittags-Veranstaltung, bei der sich rund 20 Teilnehmer auf eine musikalische Reise in die Vergangenheit begaben.
»Ich habe die Musik immer gerne gehört, ich bin aber nie zu einem Konzert der Beatles gegangen. Ich komme aus einfachen Verhältnissen, mein Vater war Arbeiter, und wir hatten zu Hause nur ein Radio. Da hat er bestimmt, was gehört wird. Meistens lief bei uns Volksmusik. Etwas anderes hat er gar nicht gelten lassen. Später habe ich ihm gesagt: ›Hör doch mal hin, da gibt es doch auch ganz ruhige Sachen.‹ Aber er hat immer nur gesagt ›Die sind total verrückt. Die spinnen ja.‹ Meine älteren Cousins habe ich damals immer beneidet. Die durften immer hören, was sie gerne wollten.
Weil ich kein eigenes Radio daheim hatte, habe ich am Anfang auch gar nicht mitbekommen, dass die Beatles aufkamen. Ich habe mit 20 geheiratet und mit meinem Mann habe ich dann die Musik gehört, die uns gefallen hat. Jetzt konnte uns ja niemand mehr reinreden. Es war wie eine Befreiung. Dieses Lebensgefühl damals, das hat mir sehr gut gefallen. Wir mochten die Beatles, vor allem aber Elvis, und je mehr ich gehört habe, desto besser gefiel es mir. Ich höre das noch immer gerne, aber die Hysterie um die Beatles habe ich nie verstanden. Ich vermisse es, dass heute im Radio die Beatles so selten gespielt werden.«
Ingrid Mielenz, 64, gebürtige Berlinerin, studierte in der Zeit der Studentenbewegung von 1968 Soziologie und Volkswirtschaft an der Freien Universität Berlin. Sie trat 1972 in die SPD ein und war zunächst beim Senat für Jugend und -Familie in Berlin beschäftigt. Mielenz war von 1986 bis 2004 Nürnberger Sozialreferentin und ist Schirmfrau des Magazins sechs+sechzig.
»Mich verbinden mit den Beatles schönste Musik und ereignisreiche Jugenderinnerungen. Nach Dixie und Sciffle kamen die Beatles. So lag es nahe, dass sich meine Freundin, die gerade 18 geworden war, und ich in einem alten Käfer Mitte der 60er Jahre von Berlin nach Hamburg aufmachten, um die Beatles im Konzert zu erleben. Nach einer ziemlich langen Fahrt (für die damalige Zeit nichts Besonderes) haben wir in Hamburg ewig gebraucht, um die Große Freiheit zu finden (wir hatten kein Navi!). Wir sind die Reeperbahn rauf und runter gefahren, haben gefragt, sind mehrfach ›eingeladen‹ worden – und haben sie nicht gefunden – nicht die Beatles und nicht den Club, in dem sie auftreten sollten. So haben wir die Nacht mit einer anderen Band (laut und hölzern) in einem grässlichen Club verbracht, bis wir am frühen Morgen wieder gänzlich frustriert nach Berlin zurückfuhren – ohne Radio im Auto, also auch ohne Kassetten oder CDs, die uns mit Beatlesweisen hätten trösten können.
Später wurde das mit den Beatles so eine kreischende Angelegenheit. Da habe ich nie dazugehört. Ich habe auch nie für einen der vier geschwärmt, und Poster aufzuhängen, fand ich doof.
Meine alten Schallplatten tue ich nicht weg. Aber mein Faible ist heute Beethoven. Den konnte ich irgendwann mal nicht mehr hören, aber jetzt ist er für mich der Größte.«
Andreas Büeler, 61, war Mitglied der legendären Band »Bentox« und »Wind« und stand als Gelegenheitsschauspieler auf der Bühne des Theaters Erlangen. Seit mehr als 20 Jahren betreibt der gebürtige Schweizer die Erlanger Kleinkunstbühne »fifty fifty«. Hier gibt er insbesondere jungen Künstlern Auftrittsmöglichkeiten, die später durch Funk und Fernsehen weithin populär werden.
»Zu meiner Konfirmation habe ich ein Radio geschenkt bekommen, das habe ich auf Radio England programmiert, und da habe ich zum ersten Mal ›I Wanna Hold Your Hand‹ gehört. Das war total spannend, phänomenal, die haben die ganze Harmonielehre revolutioniert. Das war ein Befreiungsschlag, fast wie die Mondlandung. Dazu kam noch die tolle Musik von Jimi Hendrix, Queen und den Stones, auch den Kinks. Da begann der gesellschaftliche Umbruch. Ich habe damals Schlaghosen und schwarze Westen gekauft. Wir hatten das Gefühl, es verändert sich was.
Ich habe in den 60er Jahren eine Lehre bei Siemens in Erlangen gemacht. Wir sollten damals einen Ausflug ins Deutsche Museum in München machen. Genau an diesem Tag kamen die Beatles zu einem Konzert nach München. Wir sind ausgebüchst und haben uns die Nasen platt gedrückt, um die Beatles irgendwo zu sehen. Wir sind dann auch gar nicht mehr nach Hause gefahren, sondern haben die Nacht im Englischen Garten verbracht und uns ein paar Joints reingezogen. Ich habe danach von meinen Eltern ziemlich Dresche bekommen, aber das war es mir wert. Uns ging es darum, dass wir über uns selbst bestimmen – und die Konsequenzen haben wir dann auch getragen.«
Konrad »Conny« Wagner, 64, ist Musiker, Bandleader und studierter Betriebswirt. Er entdeckte früh die Liebe zu Trompete und Klavier und entwickelte sich zunächst zum begeisterten Jazzer. Wagner betreibt in Nürnberg eine Künstleragentur, produziert Sendungen für den Rundfunk und ist vielbeschäftigter Musiker. Einem breiten Publikum wurde er vor allem durch seine »Conny Wagner Show Band« ein Begriff.
»Als ich jung war und die Beatles aufkamen, war ich noch ein überzeugter Jazzer. Aber als Musiker kommt man um die Beatles ja gar nicht herum. Es gab immer die zwei Richtungen: Beatles oder Rolling Stones. Bei den Stones gibt es drei Harmonien und ein bisschen Show, an die wird sich in 100 Jahren vielleicht der ein oder andere noch erinnern. Aber die Beatles, das ist Musik, und das war immer eher meine Richtung. Wir haben damals relativ früh für den Bayerischen Rundfunk ein paar Beatles-Nummern eingespielt. ›With a Little Help From My Friends‹ und ›We Can Work It Out‹ haben wir als reine Instrumentalstücke aufgenommen. Wir hatten damals den Ehrgeiz, die Sachen nicht nur nachzuspielen, sondern komplett neu zu arrangieren.
Mit der Conny-Wagner-Band machen wir bis heute unsere ›Sgt. Pepper Show‹. Da bringen wir in einer halben Stunde ein Medley von allen Titeln des Albums; das kommt immer noch gut an. Vor sieben Jahren habe ich mal eine fünfstündige Radiosendung über die Beatles produziert. Vielleicht mache ich das zum 50. Jubiläum noch einmal.«
Georg Klietz














