Die Grande Dame der Lebküchnerei

Artikel drucken Artikel drucken 9. Juni 2010 | Von | Kategorie: Jobs & Ehrenamt

Henriette Schmidt-Burkhardt arbeitet noch im hohen Alter in der Firma.

Henriette Schmidt-Burkhardt arbeitet noch im hohen Alter.

Ich kann nicht mehr so rennen wie früher«, bedauert die Nürnberger Unternehmerin Henriette Schmidt-Burkhardt. Ansonsten scheint die Dame von ihrem Leben wenig zu bedauern, ganz wie Edith Piaf im Chanson »Je ne regrette rien.« Schon gar nicht neigt die 81-Jährige zum Jammern. Mit aufrechtem Gang, dezentem Make-up und tadelloser Frisur geleitet Madame den Besucher zum Aufzug. Dabei erklärt sie ihre Pläne: Zum Beispiel, wie das eben erworbene N-ergie-Gelände mit dem Umspannwerk nebenan an der Zollhausstraße zum Firmenparkplatz umfunktioniert werden soll. Die Chefin zeigt auf den jetzigen Parkplatz, der nicht ausreiche. Und sagt beim Blick aus dem Fenster: »Schau mal an, der fährt aber einen flotten Flitzer. Was sich meine Mitarbeiter so leisten können. . .« Sie selbst fährt ihr Auto schon seit 13 Jahren, und so lange es rollt, denkt sie nicht daran, sich ein neues anzuschaffen. Ihren gläsernen Schreibtisch im Privatbüro benutzt sie seit 25 Jahren. Niemand soll ihr nachsagen, sie gebe das Geld mit vollen Händen aus.

Henriette Schmidt-Burkhardt ist ein Nürnberger Original – so wie die Produkte, die ihr Unternehmen seit 80 Jahren herstellt. Nach den Fusionsorgien der vergangenen Jahre in der Süßwarenbranche ist Schmidt Lebkuchen neben Schumann einer der beiden letzten eigenständigen Industriebetriebe, die »Nürnberger Lebkuchen« produzieren. Über den Verlagerungsdrang vieler deutscher Erzeuger zuckt sie nur die Achseln: »Ich dürfte mit der Firma ja nicht einmal nach Fürth«, andernfalls würden die Produkte das Prädikat »Nürnberger Lebkuchen« verlieren. Damit geht es ihr nicht anders als den vielen handwerklichen Lebküchnereien in der Frankenmetropole. Der Unterschied: »Beim Schmidt«, wie man hier sagt, sind Hunderte beschäftigt. Die genaue Zahl schwankt je nach Saison. Im Frühjahr und Sommer arbeiten 250 Menschen in der Fabrik, doch ab September steigt ihre Zahl mit den Saisonkräften auf gut 800 Mitarbeiter. Wenn dann das Geschäft Ende Oktober so richtig brummt, stellen sie im Drei-Schicht-Betrieb jeden Tag drei Millionen Lebkuchen her.

Lehrerberuf an den Nagel gehängt
Der frühe Tod ihres Ehemanns Rudolf mit nur 55 Jahren, Sohn des Gründers E. Otto Schmidt, stürzte Henriette 1983, damals seit 17 Jahren Grundschullehrerin, in ein neues Leben. Sie hängte notgedrungen die Lehrerkarriere an den Nagel und krempelte im Betrieb die Ärmel hoch. »Mir ist ja nichts anderes übrig geblieben. Und die Firma in fremde Hände zu geben, daran habe ich nicht mal gedacht. Aber mein großes Glück waren die Mitarbeiter. Sie haben so gearbeitet, als wäre es ihre eigene Firma«, sagt sie mit Nachdruck.

Für Henriette Schmidt-Burkhardt ist die Firmenstory eng verknüpft mit dem Schicksal »unserer Hilde«. Hilde Michel wohnte im Vorderhaus, interessierte sich für die Arbeit in der Backstube und heuerte mit 14 Jahren bei E. Otto Schmidt an. Sie blieb dabei, für sagenhafte 60 Berufsjahre. »Die Firma war für Hilde ihre Familie«, erzählt die Chefin lebhaft. Selbst als Hilde immer schlechter sehen konnte, war ans Aufhören gar nicht zu denken. Noch im hohen Alter steuerte sie jeden Tag ihren Wagen von ihrem späteren Wohnort Roßtal in die Nürnberger Südstadt. Erst ein Schlaganfall riss die Mitarbeiterin mit 74 Jahren aus dem Berufsleben. Wenig später starb sie. »Meinen Sie, da redet heute noch einer von ihr?«, sinniert die Unternehmerin. So sei das Leben eben. Niemand solle sich einbilden, er sei unersetzlich. »Ich fühle mich auch nicht unentbehrlich. Wer meint: >Ohne mich geht’s nicht<, hat die Verantwortung im Unternehmen falsch verteilt. Und macht sich obendrein lächerlich.«

Das Traditionsunternehmen gehört zu den stillen. »Das ist uns auch lieber so«, sagt die Chefin. Den Rummel liebt sie nicht. Die Marke Wicklein hatte Burkhardt 1988 dazugekauft, »weil ich ein zweites Standbein suchte«. Denn die Schmidt-Produkte sind ausschließlich für den Versand gedacht, abgesehen von den eigenen Läden. Die Akquisition machte den Weg frei, auch den Handel zu beliefern.

Vielleicht ist es die Spezialisierung auf das Versandgeschäft, die das konzernunabängige Überleben sicherte. Der Versandhandel geht auf einen kuriosen Zufall zurück: 1927 nahm der Bruder des Gründers E. Otto Schmidt in Thüringen drei Eisenbahnwaggons voll Lebkuchen von einem Kunden in Zahlung und schickte diese zur Vermarktung an seinen Bruder nach Nürnberg. Vor die Aufgabe gestellt, diesen Waggon voller Lebkuchen nun zu verkaufen, kam E. Otto Schmidt auf eine damals neue Idee: Er stellte die Lebkuchen zu Sortimenten zusammen, um diese mittels Inseraten direkt an Privatleute zu veräußern. Damit war der Lebkuchenversand-Gedanke geboren. Ermutigt vom Erfolg, stellte E. Otto Schmidt in einer kleinen Hinterhof-Backstube in der Voltastraße in Nürnberg-Steinbühl dann mit drei Leuten die ersten Lebkuchen selbst her und verkaufte sie weiterhin ausschließlich an private Abnehmer. »Er hat die Pakete mit dem Wägele zur Post gefahren«, berichtet die Unternehmerin.

Die Luft ist dünn geworden für konzernunabhängige Hersteller in der Branche. »Schuhmann und wir sind die letzten industriellen Familienbetriebe in der Stadt.« Schöller ist herausgefallen, seitdem das Unternehmen die Lebkuchen-Sparte verkauft hat und sich danach vor allem auf Speiseeis konzentrierte. Wie groß ist das Risiko, dass Schmidt ebenfalls das Objekt einer - freundlichen oder feindlichen - Übernahme wird?

Es kommt viel Wärme zurück
»Ein Verkauf kommt gar nicht in Frage«, sagt Schmidt-Burkhardt. Auch nicht, wenn der Aachener Süßwarenhersteller Lambertz ihr auf den Pelz rücken sollte: »Ich bin im Kontakt und im guten Einvernehmen mit Lambertz.« Im vergangenen Jahr hatte sich Unruhe breit gemacht im Betrieb, hörte man aus der Nürnberger Belegschaft. Dann, im November, verschwanden Knall auf Fall der Geschäftsführer und sein Marketingchef, die vorher beide denselben Arbeitgeber gehabt hatten. Verschwörungstheorien entspannen sich aus dem plötzlichen Weggang der beiden. Doch die Gesellschafterin wiegelt ab. »Sie waren zu zweit hier, und sie sind zu weit gegangen. Mit ihrem Konzerndenken passten sie nicht zu uns.« Nun hat der Produktionschef die Geschäfte kommissarisch in der Hand. Die Dinge gingen weiter ihren geordneten Gang, meint die Patriarchin. Kein Grund zur Sorge also für »meine Guten«, wie sie die Beschäftigten nennt. In der Firma sollen sich »meine Leute geborgen fühlen« und keine Angst vor Entlassung haben. »Ich mag meine Leute und freue mich, dass mir so viel Wärme entgegenkommt.«

Über das Leben und den Tod redet die 81-jährige bekannte Mäzenin unverkrampft. »Wenn ich sterbe«, sagt sie ohne Pathos, »tritt der Stiftungsbeirat voll für mich ein.« An ihrer statt werde dann ein drittes Mitglied gewählt. Zu ihrem 80. Geburtstag hatte die Jubilarin das Vermögen in die »Rudolf und Henriette Schmidt-Burkhardt-Stiftung« überführt. »Leben Sie nur recht lang!«, wünschen ihr immer wieder Mitarbeiterinnen. Direkt heraus und herzerfrischend originell, nennen sie ihren unprätentiösen Stil. Jeden Tag kommt sie in die Firma, wenn auch nicht von früh bis spät.

Auf die Frage, ob sie gern reist, sagt sie: »Eigentlich nicht.« Privat hat es sie noch nie in die weite Welt gezogen. Zu Lebzeiten ihres Mannes wanderte das kinderlose Paar gern. Nach dessen Tod zu Beginn der 80er Jahre pflegte die Witwe ihre Leidenschaft für Opernreisen in ihre Lieblingsstadt Wien. Und zu ihrem Lieblingsmaler Gustav Klimt. Man sieht es im Büro: Hier eine Schale, dort eine Dose und ein Bild von Klimt - Geschenke von der Belegschaft, die sich richtig Gedanken über die Vorlieben der Chefin macht. Zu denen gehören auch Schäferhunde, wie ein Porzellanhund auf ihrem Schreibtisch beweist. Die Liebe zu dieser Hunderasse teilte sie einst mit ihrem Ehemann.

Noch immer leitet sie das Unternehmen selbst - im nächsten Jahr wird es seit 25 Jahren unter ihrer Regie stehen.

Angela Giese

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