Sie fürchten weder
Tod noch Teufel!
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18. Juni 2010 | Von sechs+sechzig | Kategorie: Reise & Kultur
Ab dem 8. Juli läuft bundesweit “Herbstgold” in den deutschen Kinos. Es ist ein Film, der sich mit älteren Menschen befasst. Das allein ist schon eine seltene Sache. Dass es sich um einen Dokumentarfilm über Seniorensport handelt und so einer bei Filmfestivals gewinnt, macht die Premiere ungeheuer spannend.
Frei nach dem Motto „Kopfstand statt Ruhestand“ wollen Ilse, Alfred, Jirí, Herbert und Gabre auch über 80-jährig noch hoch hinaus. Alfred, der 100-jährige Diskuswerfer aus Wien, Jirí, der 82-jährige Hochspringer aus Tschechien, Ilse, die 85-jährige Kugelstoßerin aus Kiel, Herbert (93) aus Stockholm und Gabre aus Italien – als Lebensmittelpunkt verbindet sie alle der Sport. Beim Hochsprung, Diskuswerfen und Kugelstoßen laufen sie zur Hochform auf und fürchten weder Tod noch Teufel bei dem Versuch, das Siegertreppchen zu erklimmen!
Der Dokumentarfilm „Herbstgold“ erzählt von der Erfüllung eines Traums. Regisseur Jan Tenhaven zeigt den etwas trotzigen, ehrgeizigen, manchmal aber auch sehr humorvollen Wettlauf der Senioren gegen die Zeit. Das Alter mit all seinen Widersprüchen ist für den Film nicht nur Anlass zu Sorge, pessimistischen Zukunftsaussichten und Statistiken, sondern auch Gelegenheit, sich zentralen Tabus auf witzige und selbstironische Art zu nähern. „Herbstgold“ ist eine Hommage an das Leben, nicht glatt und faltenfrei, aber voller Humor und Willenskraft.
„Herbstgold“ erzählt die Geschichten von vier Menschen zwischen 77 und 99 Jahren, die sich auf die Leichtathletik-WM der Senioren im finnischen Lahti vorbereiten. Die Senioren kommen aus Deutschland, Österreich, Italien und Schweden, ihre Geschichten verwebt Regisseur Jan Tenhaven kontrastreich und spannend. Ob als Sprinter, Läufer, Hochspringer, Kugelstoßer oder Hürdenläufer – die agilen Senioren werden mit all ihren Stärken, Gebrechen und Ängsten portraitiert. Jan Tenhaven gelang ein Film über die Erfüllung eines Traums, über persönliche Ziele, über Rückschläge und Triumphe.
Eine zittrige Hand greift zu einem dunkelblauen Tuschestift und beginnt, auf einem kleinen Papierbogen kurze, abgehackte Striche zu zeichnen. Alfred Proksch, 99 Jahre alt, zeichnet hochkonzentriert die groben Umrisse seines Modells auf das Papier. Die Zeichentechnik mit den vielen kurzen Strichen ist aus der Not heraus entstanden, weil seine Hand so unruhig geworden ist; früher hat er als Webegrafiker gearbeitet. Schöne Frauen haben ihn schon immer fasziniert, auch heute noch glänzen seine Augen, wenn er von ihnen erzählt; bis vor fünf Jahren hat er eine Freundin gehabt. Eine Glasvitrine im Nebenzimmer enthält unzählige Medaillen und Abzeichen, die beim leisen Öffnen der Vitrine nach draußen drängen. Eine graue Anstecknadel erinnert an die Auszeichnung als Stabhochspringer bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin.
Ein Altenheim in Stockholm, Architektur der 80er Jahre, das Gebäude ist schon etwas in die Jahre gekommen. Hier lebt Herbert Liedtke, 92 Jahre, ein kleiner Mann mit verschmitzten Gesichtszügen. In seiner gemütlichen Wohnung sieht nichts nach Anstalt aus, es ist eine eigene kleine Welt, sehr liebevoll eingerichtet. Herbert Liedtkes Frau Eva ist vor kurzem gestorben. Über 60 Jahre war das Paar verheiratet, dann erwischte Eva Liedtke die tückische ALS-Krankheit. Bis zuletzt pflegte Herbert Liedtke seine Frau. Jetzt konzentriert er sich auf den Sport: Hochsprung. Herbert Liedtke will die psychologisch wichtige Marke von 1,72 m unbedingt schaffen. Doch bei dem Versuch, während des Kopfstands Mundharmonika zu spielen, wird mehr als klar: Herbert Liedtke ist nicht mehr in Form. Durch die ganzen Ereignisse rund um Evas Tod ist er aus der Übung gekommen. Er wird wieder trainieren, erst den 100-Meter-Lauf, dann Gymnastik, dann die Sprünge, zwischen Wäscheständer und Medaillen-Vitrine legt Herbert Liedkte in seiner Wohnung noch ein paar Klimmzüge nach.
Jiri Soukup ist Hochspringer. Mit seiner Frau lebt er in einer tschechischen Kleinstadt. Das Treppenhaus seines Wohnblocks ist für ihn die Trainingshalle – wenn er es bis aufs Dach geschafft hat, genießt er völlig außer Atem den Weitblick auf die Stadt. Hier leben die Menschen, für deren Ehre er in Finnland antreten will, auch wenn die Gesellschaft die Leistungen ihrer greisen Sportler nicht gerade mit Argusaugen verfolgt. Seine Frau hat es schon vor langer Zeit aufgegeben, Jiri vor allzu kühnen Sprüngen zu warnen. Sie weiß, dass er springen muss. 1,09 m muss Jiri schaffen, will er in Lahti einen Weltrekord schaffen.
Eine leere, großzügige Wohnung in Duisburg. Ilse Pleuger, 84 Jahre alt, wirft eine letzten Blick auf ihr altes Zuhause, bevor sie sich die nächsten Kisten greift. Ilse Pleuger zieht nach Kiel um, in ihre Geburtsstadt. Ihr Enkel fährt den kleinen Lieferwagen. In der neuen, deutlich kleineren Wohnung heißt es zunächst: Chaos bewältigen, Kisten sortieren, Einsamkeit wegräumen und vor allem: die Medaillen verstauen. Der Weltrekord im Kugelstoßen für die 85er-Klasse steht bei 5,89 m. Ilse Pleuger nimmt sich für die nächste WM vor, die 6,0 m Marke zu durchbrechen. Während Spaziergänger den Park bevölkern, nimmt Ilse Pleuger das Training wieder auf.
Gabre Gabric verrät niemandem ihr Alter. Was ist das schon, eine „alte“ Frau? Auch Gabre will in Lahti antreten. Sie ist Diskuswerferin. Bei ihrem ersten internationalen Wettbewerb 1936 schaffte sie 37,35 Meter. Heute kämpft sie, um die 13,00 m in Lahti zu schaffen.
Ein Jahr vor der großen Meisterschaft haben sich die Protagonisten zur Weltmeisterschaft angemeldet, nun läuft der Countdown. Das ist für manche eine Zeit des quälenden Trainings, andere nehmen die Vorbereitung gelassen. Alle Senioren sind auf ihre Weise hin- und her gerissen zwischen Entschlossenheit und Zweifel: Im Kampf gegen den alternden Körper, der mit jedem Lebensjahr weniger Leistung bringen will, gegen das Unverständnis von Familie und Freunden, gegen Selbstzweifel, Versagensängste und Einsamkeit.
Sie haben Kriege überlebt und schwere Krankheiten besiegt. Sie haben Kaiser, Despoten und Präsidenten kommen und gehen gesehen. Sie haben ein Leben lang gearbeitet, Kinder großgezogen und sind schon vor vielen Jahren Groß- oder Urgroßeltern geworden. Manche von ihnen sind längst verwitwet. Und bald geht auch ihr eigenes Leben dem Ende entgegen. Eigentlich wäre es Zeit, die Füße hochzulegen und in Ruhe auf das Erreichte zurückzuschauen.
Doch da gibt es noch das eine große Ziel. Noch einmal auf dem Treppchen stehen. Noch einmal eine Medaille gewinnen. Oder einfach nur dabei sein. Bei der Weltmeisterschaft der Alten 2009 in Finnland. Falls der Mut sie nicht verlässt. Falls sie das Geld für die Reise zusammen bekommen. Falls die Beine sie noch tragen. Falls sie nicht vorher sterben.
Anders als die meisten Jungen blicken die Alten auf ein ereignisreiches Leben mit vielen Höhen und Tiefen zurück. Ihre Motivation für den Leistungssport hat eine große persönliche Tiefe und ist bei jedem Sportler eine andere. Anders als die jungen Profisportler müssen unsere Athleten jederzeit mit den Widrigkeiten des Alters rechnen. Jede noch so kleine Verletzung, jeder Schnupfen oder jede Überanstrengung können das Aus für die Weltmeisterschaft bedeuten.
„Herbstgold“ ist eine Geschichte vom Verlieren und Gewinnen, von Rückschlägen und kleinen Triumphen sowie ein ermutigender Beitrag dazu, dass man bis ins hohe Alter gesund, vital und sogar sportlich aktiv sein kann. Beim renommierten HotDocs Festival in Toronto gewann der Film Anfang Mai den Filmmakers Award: Eingeladene Regisseure, deren Filme in der offiziellen Auswahl des Festival liefen, kürten „Herbstgold“ zum besten Film. Zudem belegte er in der Zuschauerwahl Platz 4 von mehr als 170 gezeigten Filmen. Mehr über den Film unter www.herbstgold-derfilm.de.














