In Würde vertrotteln!

Artikel drucken Artikel drucken 11. Juni 2010 | Von | Kategorie: Sport & Freizeit

Nix tun und eine Tasse Kaffee dazu - was gibt es Schöneres?Manchmal, wenn ich so gegen neun, halb zehn in meinem kuscheligen rosa Morgenmantel die Tageszeitung aus dem Briefkasten hole, treffe ich meine Nachbarin. Entweder kommt sie vom Joggen oder aus dem Fitnessstudio. »Ich liiiebe das frühe Aufstehen«, flötet sie und verrät sofort und ungefragt, dass sie nur schnell duschen werde, weil sie gleich wieder los muss. Sie ist siebzig, so wie ich, aber, wie sie selbst von sich sagt, »fit wie ein Turnschuh«. Kein Wunder: Ihr Sportprogramm ist enorm, und weil sie sich – mens sana in corpore sano – auch um ihre »mentale Gesundheit« kümmert, singt sie im Kirchenchor, verwirklicht sich als Hobbymalerin und engagiert sich für ihre Mitmenschen in zwei oder drei Ehrenämtern. Früher, als sie noch berufstätig war, haben wir uns öfter spontan verabredet, auf einen Schwatz, einen Kaffee oder einen Bummel durch die Stadt. Seit wir Rentnerinnen sind, hat das aufgehört.
»Warte, ich schau schnell mal in meinen Kalender, wann es geht«, heißt es heute auf Anfrage, und dann wird der Termin fest vereinbart und eingetragen.
Wenn ich mich so umhöre unter meinen Altersgenossinnen, komme ich mir vor wie ein in die Jahre gekommenes Faultier. Alle haben dauernd irgendetwas vor. »Mein Gott, was machst du denn mit deiner Zeit«, erkundigte sich besorgt eine Freundin, als ich mich von einem freiwillig übernommenen Amt verabschiedete, weil ich meinte, nun sei es genug.
»Ach, erst mal nix« habe ich ehrlich geantwortet und mir einen skeptischen Blick eingehandelt. Aber genau so und nicht anders war es gemeint. Himmel noch mal, davon haben wir doch schließlich alle geträumt, als wir noch im Beruf standen, als die Familie ihren Tribut forderte und Hektik unser tägliches Leben bestimmte!

Endlich einmal Zeit zu haben im Überfluss, frei zu sein vom dauernden »du sollst« und »du musst«, schien uns der paradiesischste Zustand auf Erden zu sein. Ausschlafen, rumgammeln und Gott einen guten Mann sein lassen ohne schlechtes Gewissen, das war unser Vorhaben für die ersehnte Zeit danach. Und jetzt? Jetzt sind wir »aktive Senioren«, »best ager« und beweisen pausenlos, was an Power noch in uns steckt.
Fast anrüchig ein Rentnerdasein ohne Ehrenamt und Vereinsarbeit, ohne Kurse und Seminare zur späten Selbstverwirklichung. Und wehe, wir kümmern uns nicht um unsere Gesundheit! Fitness, Wellness, Sport und Yoga – das Abstrampeln im Dienste eines immerwährenden körperlichen Super-Wohlbefindens ist allein schon ein Fulltime-Job.
Betrübt zockele ich in meinem rosa Morgenrock zurück in die warme Wohnung und denke an all die »best ager« um mich herum, die sich jetzt in schönster Weise für die Gesellschaft oder ihr Ego engagieren. Was habe ich denn heute vor? Dasselbe wie gestern: Mich gemächlich durch den Tag treiben lassen und tun, was mir gefällt. Nichts, was der Menschheit dient. Nichts, was mir das ewige Leben oder mindestens ein unerschütterlich gesundes Dasein bis weit über hundert Lebensjahre garantiert. Stattdessen werde ich gemütlich und in Frieden vertrotteln und höchstens mal im Internet unter dem Stichwort Faulheit herumgoogeln. Und was finde ich da? Einen Satz von Friedrich Schlegel:
»Oh Müßiggang, du bist die Lebensluft der Unschuld und Begeisterung, dich atmen die Seligen, und selig ist, wer dich hat und hegt, du heiliges Kleinod, einziges Fragment der Gottähnlichkeit, das uns noch aus dem Paradiese blieb.«
Der Mann hat Recht!

Brigitte Lemberger
Cartoon: Sebastian Haug

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