Die Zeitung von hinten aufschlagen

Artikel drucken Artikel drucken 18. Juni 2010 | Von | Kategorie: Reise & Kultur

Foto: Wolfgang Lehmann/ZDF

Es gibt sehr viele Leser, die schlagen ihre Zeitung von hinten auf. Warum? Weil sie als erstes lesen wollen, wer gestorben ist, und diese Nachrichten bringen die Gazetten nun mal ganz hinten. Im Internet indes geht das anders: Der Tod von Heidi Kabel zum Beispiel wurde schon kurz nach ihrem Ableben in einem eigenen Register der Toten auf Wikipedia aufgeführt.

Unter http://de.wikipedia.org/wiki/Nekrolog_2010 lässt sich jederzeit aktuell “die Zeitung von hinten aufschlagen”. Die Verblichenen sind hier chronologisch geordnet – wer will, kann Jahre zurückblättern. Es werden nur prominente Persönlichkeiten aufgeführt, aber das sind ganz schön viele: Zwischen Sigmar Polke, der in der letzten Woche starb, und Heidi Kabel sind sage und schreibe 15 Menschen aufgelistet. Namen wie Marcel Schwander oder Leonid Kisim sind wohl nur einer kleineren Öffentlichkeit bekannt. Umso interessanter ist es, ihre Lebensläufe nachzulesen, immer in dem Bewusstsein, dass dieses Leben nun endültig vorüber ist und die Wikipedia-Akte hier in den meisten Fällen geschlossen ist.

Genau das ist wohl auch das Geheimnis, warum vor allem ältere Menschen so gern Nachrufe lesen: Man spürt hier wie sonst selten die Zusammenfassbarkeit des Lebens, die für jeden Menschen ja auch Konsequenzen hat. Anders ausgedrückt: Was bleibt wohl im Andenken anderer Menschen von mir?

Im Wikipedia-Register finden sich am Ende jeder Zeile auch Links zu den Nachrichten, die den Tod belegen. Das allerdings sind keine Nachrufe. Wer Nachrufe etwa auf Heidi Kabel lesen möchte, gibt besser bei www.google.de/news in Anführungszeichen “Heidi Kabel gestorben” ein – dann landet man hier http://www.google.de/news/story?pz=1&cf=all&cf=all&ncl=daMJdrTVFlmKWyMVVVRHgMXL2gotM.

Anlässlich des Todes von Heidi Kabel ändert der ZDFtheaterkanal übrigens sein Juni-Programm. Am Montag, 28. Juni, ab 16.40 Uhr, sowie am Sonntag, 20. Juni 2010, 11.40 Uhr, zeigt der ZDF-Sender das Volksstück “Die Kartenlegerin” mit Heidi Kabel in einer Aufzeichnung aus dem St. Pauli-Theater in Hamburg. In dem Stück spielt Heidi Kabel eine Straßenkehrerwitwe, die mit geschicktem Kartenlegen ihre kärgliche Rente aufbessert. Auch im wahren Leben musste die gebürtige Hamburgerin zu Beginn ihrer Karriere ihre schmale Gage aufbessern, allerdings durch Auftritte mit dem Schifferklavier. Später erhielt sie größeren Einfluss auf ihre Rollen, und als abgearbeitete Hausfrau, klatschsüchtige Treppenhausnachbarin oder großherzige Mutter begeisterte sie das Publikum. Bundesweit bekannt wurde Heide Kabel durch die Übertragungen aus dem Ohnsorg-Theater. Aber auch als Darstellerin in zahlreichen Fernsehfilmen und -serien sammelte sie Erfolge.

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