Was uns ein Kater über das Leben und Sterben lehrt

Artikel drucken Artikel drucken 16. Juni 2010 | Von | Kategorie: Wohnen & Heime

Das ist Oscar.

Oscar, schwarz-weißgefleckter Hauskater mit Halsband und Glöckchen, führt meistens ein ganz normales Katerleben. Das heißt, er liebt seine Rundumversorgung, angenehme Ruheplätze und menschliche Zuwendung – falls ihm gerade danach ist. Mit seinem Zuhause ist er zufrieden. Er lebt in einem Pflegeheim für Demenzkranke im fortgeschrittenen Stadium in Providence, im US-Staat Rhode Island. Zum Konzept dieses Hauses gehört es, dass einige Tiere – vorwiegend Katzen – den Alltag der rund 40 Patienten teilen. Dass Oscar eine Sonderstellung einnimmt und sozusagen zum aktiven Pflegeteam gehört, hängt mit seiner höchst seltsamen »Begabung« zusammen: Oscar merkt, wann die letzten Stunden eines Patienten gekommen sind und reagiert darauf mit immer dem gleichen Verhalten: Er springt auf das Bett des Sterbenden, rollt sich zusammen und bleibt leise schnurrend so lange bei ihm liegen, bis das Ende gekommen ist.

Hier sieht man Oscar mit David.

Was so unglaublich schien, überzeugte zunächst das Pflegepersonal. Ihr Chef, Doktor David Dosa, Facharzt für Geriatrie, reagierte skeptisch. An übersinnliche Fähigkeiten des Katers mochte er nicht glauben. Also kam Oscar unter genaue Beobachtung – und siehe da: Auf den kleinen, unaufdringlichen Sterbebegleiter war stets Verlass. Wenn er ins Zimmer schlüpfte und auf der Bettdecke des Patienten Platz nahm, war der Moment gekommen, die Angehörigen zu verständigen, damit sie sich von ihrem Verwandten verabschieden konnten. So akzeptierte auch Mediziner David Dosa das seltsame Phänomen, über das er nun Mutmaßungen anstellte. Chemische Prozesse im Körper eines Sterbenden – so erklärt sich der Naturwissenschaftler den Vorgang – können vermutlich von einem Tier mit besonderen Sensoren wahrgenommen werden und eine entsprechende Reaktion auslösen. Der Arzt war fasziniert und veröffentlichte schließlich einen Fachbeitrag im »New England Journal of Medicine« (2007). Dann kam ihm der Gedanke, auch einer breiten Öffentlichkeit von Oscar zu erzählen. So entstand das Buch »Oscar – Was uns ein Kater über das Leben und Sterben lehrt« (Originaltitel »Making Rounds with Oscar –The Extraordinary Gift of an Ordinary Cat«).

Auch wenn der inzwischen berühmte Oscar die Hauptperson dieses flüssig und anschaulich geschriebenen Berichts ist, so beschränkt sich sein »Dokumentar« Doktor Dosa nicht allein auf ihn und sein wundersames Talent. Vielmehr lässt er seine Leser teilhaben am täglichen Leben in einem Hospiz, das seinen unheilbar kranken Bewohnern Schutz und freundliche Zuwendung gibt. So endlich dieses Dasein auch ist, hat es doch immer Momente der Zufriedenheit und manchmal auch der Heiterkeit.

Brigitte Lemberger

Man kann Oscar übrigens auch in einem Video sehen:

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