Welche Farbe passt
zu meinem Typ?
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1. Juni 2010 | Von sechs+sechzig | Kategorie: Vermischtes

Der Scheichtest bringt es an den Tag: Wenn erst einmal das ganze Gesicht von einem Farbtuch eingerahmt ist, erkennt man schnell: Diese Farbe passt zu meinem Typ. Foto: Fengler
Hellblaue Petticoats, cognacfarbene Schnabelschuhe, Walle-Gewänder mit riesigen Blumen in Orange und Gelb: Was hat man modisch nicht schon alles mitgemacht, um später auf alten Fotos festzustellen: einfach grauenhaft! Kaum eine Mode-Torheit wurde ausgelassen. Wie soll man auch als junger Mensch schon seinen Stil gefunden haben? Doch weiß man jetzt, jenseits der 50, wirklich besser, was einem steht?
Brigitte Lemberger, 68 Jahre, und Christine Löhnert, 60 Jahre, unterziehen sich dem Test: Kann ihnen eine Farb- und Stilberaterin etwas erzählen, das sie nicht schon längst über sich selbst wissen? Beide stehen – wie sie allerdings erst im Nachhinein zugeben – dem Experiment sehr kritisch gegenüber.
Kein Schnickschnack
Brigitte Lemberger ist der schnörkellose Typ. Schrille Farben, Rüschen, Blümchenmuster kommen ihr nicht in den Kleiderschrank. Sie bevorzugt Schwarz, Rosa oder ein helles Türkis. Auch Christine Löhnert mag keinen überflüssigen Schnickschnack. Sie trägt gern mal ein Tuch um den Hals oder Modeschmuck, ansonsten locken sie warme, freundliche Farben wie Apricot oder Zimt.
Bevor Farb- und Stilberaterin Ines Zelno richtig loslegt, will sie zuerst von Brigitte einiges wissen: Wird sie rot, wenn sie Komplimente bekommt oder flunkert? Ist die Haarfarbe echt? Im Tageslicht wird die Augenfarbe bestimmt. Braun.
Dann beginnt der wesentliche Teil. Es gilt herauszufinden, ob Brigitte ein Sommer-, Winter-, Frühlings- oder Herbsttyp ist. »Jeder Typ hat etwa 28 Farben, die er tragen kann – der Sommer vier mehr, der Winter vier weniger«, sagt Ines Zelno. Bestimmt wird der Typ nach dem Basiston der Haut, der gelblich, gräulich oder bläulich sein kann.
Vor einem Spiegel und unter dem hellen Schein einer Tageslichtlampe legt die Beraterin Brigitte verschiedene Tücher um. »Manchmal – wie bei Brigitte – erkenne ich den Typ sofort. Bei Christine ist es viel schwieriger.« Auch wenn die Beraterin das Ergebnis schon kennt: Wichtig ist, dass die Kunden selbst sehen, was die Farben mit ihnen machen: eine lange Nase, mehr Falten oder traurige Augen? Oder lassen sie einen frisch aussehen, schmeicheln der Haut und bringen die Augen zum Leuchten? Mit Farben, die den Pigmentton der Haut treffen, lasse sich viel kaschieren. Stattdessen würden älteren Menschen im Bekleidungsgeschäft gern beige- oder camelfarbene Pullover oder Jacken angetragen, sagt Zelno.

Brigitte, der schnörkellose Typ, probiert verschiedene Farbtücher aus (oben). Das rosafarbene betont ihren Typ besonders gut und lässt sie jünger und frischer aussehen (unten). Fotos: Fengler
Brigitte Lemberger ist inzwischen im Farbenrausch. Rund 250 verschiedene Tücher stehen zur Verfügung, die jedoch selten alle zum Einsatz kommen. »Bei dem Petrolgrün«, meint Brigitte, »würde ich vielleicht schwach werden.« »Wenn ich braungebrannt bin«, ergänzt sie. Doch diesen Einwand lässt die Farbberaterin nicht gelten: »Ihre Farben stehen Ihnen immer, auch wenn sie blass sind.« Das Altrosa, befindet die 68-Jährige, mache sie alt. »Und wenn Sie zum Arzt wollen, wählen Sie etwas Lachsfarbenes«, rät ihr Zelno scherzhaft. »Das lässt Sie richtig krank aussehen.«
Christine, die die Wandlung von Brigitte aufmerksam verfolgt, sagt leise: »Das ist ja wirklich verblüffend.« Und tatsächlich: Kräftiges Pink belebt Brigittes Gesicht, ohne dabei selbst zu sehr in den Vordergrund zu treten. Nicht einmal beim »Scheichtest«, bei dem das Tuch um den Kopf geschlungen wird, bis es das Gesicht komplett einrahmt, lenkt die auffallende Farbe von Brigitte ab. »Das ist der ›Wow‹-Effekt. Wenn Sie eine Lederjacke in dieser Farbe finden – sofort kaufen«, rät die Stilexpertin. Zu weißen Jeans und weißem T-Shirt sehe das einfach umwerfend aus.
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»Das würde ich nie wagen«, sagt Brigitte Lemberger. »Man will sich ja als ›Alte‹ nicht zu sehr aufbrezeln – das wird schnell peinlich.« Das sieht Ines Zelno anders: »Je älter man ist, desto wichtiger ist Farbe bei der Kleidung, denn die kann einen frischer und jünger aussehen lassen.« Auch spare man viel Geld, weil man gezielt das kaufe, was einem steht. Alle Farben aus dem Farbkreis ließen sich außerdem miteinander kombinieren.
Frühling oder Herbst?
Brigitte, ergibt die Farbberatung, ist der Wintertyp. Diesem stehen Farben, die kaum merklich einen Grauton enthalten: Ochsenblut, Eisrosa, Königsblau – oder auch Petrolgrün. Der »Winter« ist zudem der einzige Typ, der Schwarz und ein reines Weiß tragen kann. Bei Männern wird das oft zum Problem, weil den wenigsten die Kombination aus dunklem Anzug und weißem Hemd wirklich steht. Jeder fünfte Kunde, der zu Ines Zelno zur Farbberatung kommt, ist männlich.
»Bin ich der Frühling oder der Herbst?«, will Christine Löhnert wissen, die zwischenzeitlich schon einmal die Farbkreise inspiziert hat. Sie ist brünett und hat blaue Augen. Doch allein daraus lassen sich keine Schlüsse ziehen. »Jeder kann alles sein«, sagt Ines Zelno. Eine Dunkelhaarige könne genauso ein Frühlingstyp sein, wie eine (echte) Blondine ein Wintertyp sein kann. Und: »Jeder kann Grün tragen – wenn es nur der richtige Ton ist.«
»Damit war ich bisher sehr sehr vorsichtig«, sagt Christine, als sie eine Reihe von grünen Tüchern umgelegt bekommt. »Hilfe, das tut ja richtig weh«, meint die 60-Jährige, als sie sich in einem leuchtenden Kiwi sieht.
Ob ihr eine Farbe steht, lässt sich bei Christine – im wahrsten Wortsinn – an den Augen ablesen, die beim richtigen Ton mit einem Leuchten antworten. »Nicht ungewöhnlich«, sagt Ines Zelno, »blaue und grüne Augen reagieren schneller auf Farben als braune«. In einem warmen Apricot will sich Christine gefallen, muss aber, nach mehrmaligem Hin und Her schließlich einräumen, dass sie im kühlen Altrosa (im Gegensatz zu Brigitte) wesentlich besser zur Geltung kommt.
Christine Löhnert ist – zu ihrer eigenen Überraschung – ein Sommertyp. Diesem steht unter anderem eine ganze Palette Beerentöne zur Verfügung. »An diese Farben hätte ich mich von allein nie herangewagt. Aber es sieht toll aus«, sagt sie. Die Farbexpertin hat noch mehr in petto: »Frauen dieses Typs sind klassische Dirndlträger.« Auf keinen Fall könnten sie jedoch ein reines Weiß tragen. Bei ihnen muss es Ecru oder Wollweiß sein.
Experimente mit Rot
Ines Zelno rät Christine zudem zu einer anderen Haarfarbe.« Diese sei, hat die Beraterin ausgemacht, bei den wenigsten Frauen richtig gewählt. Sobald das Haar ergraut, würde oft und gern mit Rottönen experimentiert. Stattdessen sollte man sich lieber an seiner originären Haarfarbe orientieren und diese etwas heller wählen. »Dann findet man nämlich auch bei seiner Kleidung leichter zur richtigen Farbe.«
Viereinhalb Stunden später und um einige Erkenntnisse reicher verlassen die beiden Frauen das Studio von Ines Zelno. 180 Euro kostet die fünfstündige Prozedur, Typbestimmung, Make-up und Farbpass, der als künftige Orientierungshilfe dient, inklusive.
Christine Löhnert will alles erst einmal sich setzen lassen. »Es kann bis zu einem Jahr dauern, bis man sich in neue Farben eingesehen hat«, weiß die Beraterin. »Ich hätte nicht gedacht, dass dies eine so ernsthafte und eingehende Angelegenheit ist – Sie haben mich überzeugt«, verabschiedet sich Brigitte Lemberger. Vom Ergebnis sei sie nicht überrascht, sie fühlt sich eher bestätigt. »Aber Sie haben mich bei vielem sehr ermutigt, auch wenn ich jetzt nicht – wie ich es als junges Mädchen wohl getan hätte – gleich loslaufe und mir neue Kleider kaufe.«
Anja Kummerow














