Lesetipps zur
Kindheit im Krieg

Artikel drucken Artikel drucken 14. Juli 2010 | Von | Kategorie: Reise & Kultur

Die in Köln lebende freie Journalistin Sabine Bode hat über ein Tabu geschrieben, das über ein halbes Jahrhundert auf seine Aufarbeitung wartete: Die Leiden und Wunden der Kriegskinder. Sie haben den Bombenkrieg miterlebt oder die Vertreibung, ihre Väter waren im Feld, in Gefangenschaft oder sind gefallen. Doch diese Erinnerungen haben die Kriegskinder in sich verschlossen gehalten. Stattdessen haben sie nach vorn geblickt, Deutschland wiederaufgebaut, eine Familie gegründet. Heute sind sie in Rente, die Kinder längst aus dem Haus, und zum ersten Mal im Leben schauen sie zurück. Sie fangen an zu begreifen, dass vieles in ihrem Leben auf ihre Kriegserlebnisse zurückzuführen ist. In 14 Kapiteln schildert Sabine Bode die Traumata der Kriegskinder: Sie macht zu Recht deutlich, dass das unverarbeitete Leid der ehemaligen Kriegskinder noch heute eine große gesellschaftliche Aufgabe darstellt.
Sabine Bode, »Die vergessene Generation. Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen.« Piper-Verlag München. Ungekürzte Taschenbuchausgabe 2005. 8.95 Euro.

Hartmut Radebold, Jahrgang 1935, gilt als »Nestor der der deutschsprachigen Psychotherapie Älterer«. Radebold stellt Fragen, die viele Menschen betreffen. Wie reagierte die Gesellschaft nach dem Krieg? Kann es Spätfolgen bei über 60-Jährigen geben? Und muss man dann über die alten Geschichten sprechen? Das Buch ist klar geschrieben, bezieht Studien mit ein und gibt damit einen Überblick über viele Varianten von Störungen. Nimmt Radebold in der ersten Hälfte seines Buches den Leser mit in die Welt, die die Kriegskinder erlebten, so wendet er sich in der zweiten Hälfte mehr an Menschen, die als Berater, Pfleger, Ärzte oder Psychotherapeuten mit alten Menschen zu tun haben. Hier wird das Sachbuch zu einem allgemein verständlichen Fachbuch, von dem auch die profitieren können, von denen es handelt: die alten Menschen. Der Autor ist der Auffassung, dass »wir auf jeden Fall bei der zweiten Generation (den heute über 60-Jährigen) und auch bei der dritten Generation (den 30-bis 50-Jährigen) zeitgeschichtlich denken müssen«.
Hartmut Radebold, »Die dunklen Schatten unserer Vergangenheit«. Verlag Klett-Cotta, 2009. 19.90 Euro

Die Generation der zwischen 1960 und 1975 Geborenen wirft mehr Fragen auf als Antworten: Wieso haben viele das Gefühl, nicht genau zu wissen, wer man ist und wohin man will? Wo liegen die Ursachen für diese diffuse Angst vor der Zukunft? Weshalb bleiben so viele von ihnen kinderlos? Darüber möglichst anschaulich zu schreiben, fiel der Autorin Sabine Bode weit schwerer als die Arbeit an ihrem Buch über das Leid der Kriegskinder. Ihre Aufgabe bestand darin, etwas völlig Unspektakuläres darzustellen, etwas Unsichtbares – ein Vakuum. In den meisten Familien hatten keine Dramen stattgefunden. Stattdessen war die Rede von »Nebel« und »Unlebendigkeit«. Ein 45-Jähriger bezeichnete das Klima in seinem Elternhaus als eine »stillstehende graue Sauce«. In 14 Kapiteln geht Sabine Bode den Spuren der Kriegsvergangenheit nach, bis in die dritte Generation. Sie verdeutlicht anschaulich die weitreichenden, die Generationen übergreifenden Auswirkungen auf ihre Erziehung und Entwicklung und sogar auf ihre gegenwärtigen Beziehungen. Vieles ist beunruhigend, die Sprachlosigkeit zwischen den Generationen besteht weiter. Dennoch ein Buch, das den »Kriegsenkeln« hilft, sich selbst besser zu verstehen.
Sabine Bode, »Kriegsenkel. Die Erben der vergessenen Generation«. Verlag Klett-Cotta, 2009. Gebundene Ausgabe, 21.90 Euro

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