Lange Leben mit
einer fremden Niere

Artikel drucken Artikel drucken 30. August 2010 | Von | Kategorie: Gesundheit & Ernährung

Günter Krähner fühlt sich auch nach einem Vierteljahrhundert mit einem Spenderorgan fit für Freizeitvergnügen wie Rad fahren. Foto: Michael Matejka

Es sollte ein lustiger Kindergeburtstag werden. Familie Krähner hatte ein paar Freunde ihres Sohnes eingeladen. Robert war gerade zwölf geworden. Doch dann kam alles ganz anders. Ein Anruf aus der Klinik: Es ist so weit, man wolle noch an diesem Tag operieren. Die Geburtstagsfeier wurde abgeblasen. Am 3. April 1981 wird dem damals 43-jährigen Nürnberger Günter Krähner in der urologischen Abteilung der Uni-Klinik in Erlangen eine fremde Niere transplantiert. Sie hat bis heute gehalten und erfüllt ihre Funktion.

Ein Vierteljahrhundert mit einer fremden Niere leben: Damit gehört der heute 68-Jährige zu den großen Ausnahmen unter Transplantierten seines Alters, obwohl bereits 1963 in Deutschland die erste Niere transplantiert wurde und die Übertragung des Organs seit Anfang der 70er Jahre als klinische Behandlungsmethode anerkannt ist. Rund 52 000 Patienten haben sich seither bundesweit einer solchen Operation unterzogen. »Ich habe viele Mitbetroffene in dieser Zeit verloren«, sagt Krähner. Man kennt sich, begegnet sich in der Klinik.

Gerade zwanzig Jahre alt ist er, als sich die Anzeichen mehren, dass in seinem Körper manches in Unordnung geraten ist. Immer wieder überfallen ihn Nierenkoliken. Schließlich wird ihm die linke Niere entfernt. Man kann mit einer Niere durchaus ein lebenswertes Leben führen. Indes, der Mittzwanziger kämpft immer wieder mit Komplikationen. Bei einer erneuten Operation kommt es zu einer Infektion. Die Folge: die zweite, noch verbliebene Niere stellt nach und nach ihren Dienst ein. Nichts geht mehr. Dieser junge Mann, beruflich erfolgreich, verheiratet, zwei Kinder – ein vierjähriger Sohn und eine sieben Jahre alte Tochter – erleidet keinen Schicksalsschlag. Dafür war der Krankheitsprozess zu schleichend. Aber einen dieser Lebenseinbrüche, die nicht nur sein eigenes, sondern auch das seiner Familie total verändern. »Ohne meine Familie«, sagt er heute, »hätte ich das alles gar nicht durchgestanden«.

Günter Krähner ist 35, als er das erste Mal zur Blutwäsche muss. Anfangs hängt er drei Mal je 12 Stunden in der Woche an der Maschine. Später sind es nur noch dreimal wöchentlich sechs Stunden. »Das war damals für mich ein großer Erfolg«, meint er heute. Nur wenige wissen von seiner Krankheit. Und er ist weiterhin berufstätig als selbständiger Handelsvertreter. Kein einfaches Unterfangen.

Acht Jahre Dialyse bedeuten für Günter Krähner nicht nur Blutwäsche. Er darf in dieser Zeit kaum Flüssigkeit zu sich nehmen. Kein kühles Bier, kein Mineralwasser an heißen Sommertagen. »Im Prinzip durfte ich überhaupt nichts trinken«, berichtet er. Denn die abgelagerte Flüssigkeit musste die Dialysemaschine wieder mühsam aus dem Körper holen. »Fingerhutweise trank ich mal einen Wermut, wenn wir eingeladen waren oder mal ausgingen.« Den Gang zur Toilette konnte er sich sparen. Nichts lief mehr. Ein Leben, das nur aus Einschränkungen bestand, für ihn und die Familie. Ehefrau Carolin war immer für ihn da. Sie stand ihm bei der Heimdialyse zur Seite, schloss ihn an. Selbst heute können etwa nur zehn Prozent der Patienten zu Hause dialysieren, weil es an der kompetenten Assistenz von Angehörigen fehlt.

Die Kinder waren verständnis- und rücksichtsvoll, wenn der Vater zu Hause dialysiert und danach erschöpft der Ruhe bedurfte. »Trotzdem.« Dieses »trotzdem« hat Günter Krähner getragen. Kraft schöpfte und schöpft er auch aus seinem christlichen Glauben. Freunde schildern ihn als einen heiteren, lebensbejahenden, niemals klagenden Zeitgenossen.

Sohn malte für den Vater

Nicht ohne innere Bewegung erzählt Krähner heute, wie sein fünfjähriger Sohn für ihn damals ein Bild gemalt hat: Eine Hand und darauf eine Art Schachtel. »Wenn ich mal Arzt bin«, versprach der Kleine, »dann erfinde ich für dich eine Maschine, die dir hilft.« Sohn Robert ist heute Facharzt für Kardiologie und Innere Medizin. Am 3. April 2006, dem Tag des 25-jährigen »Transplantationsjubiläums« seines Vaters, hat Robert sein 37. Lebensjahr vollendet.

Inzwischen haben Transplantationsmedizin und Dialysetechnik gewaltige Fortschritte erzielt. Gleichwohl ist eine Blutwäsche immer noch die totale Beeinträchtigung des Lebens. »Die Dialyse bestimmt das Leben, heute wie damals«, sagt Krähner. Deshalb ist eine Nierentransplantation die Hoffnung auf ein einigermaßen normales Leben.

Nach seiner Operation kämpfte der dann 43-Jährige im Jahr 1981 von April bis in den Herbst hinein mit Abstoßungserscheinungen. Klinikaufenthalte wechselten mit »normalen« Tagen zu Hause. Im November entfernte man seine verbliebene eigene Niere. Sie hatte offenbar das fremde Organ nicht akzeptiert. Günter Krähner deutet das so: »Sie hat gegen das Transplantat gearbeitet.« Jedenfalls geht es nach diesem Eingriff bergauf. Und dann ein Vierteljahrhundert ziemlich normal weiter. An die Einnahme bestimmter Medikamente, die beispielsweise eine Abstoßung verhindern sollen, hat er sich inzwischen gewöhnt und kommt damit zurecht. So lebt der 68-jährige Ruheständler mit einer einzigen transplantierten Niere recht gut.

Er unternimmt ausgedehnte Wanderungen mit Freunden, ist für seine vier Enkelkinder ein begehrter und geliebter Großvater. Er, der in Nürnberg-Herpersdorf wohnt, singt regelmäßig mit seinem wahrlich voluminösen Bass in der nahen Kirche in Worzeldorf im Chor. Selbstverständlich ist es für ihn, sich in der Interessengemeinschaft der Dialysepatienten und Nierentransplantierten zu engagieren. In Bayern gibt es etwa 20 Gruppen mit rund 2700 Mitgliedern. Wenn er als Betroffener in Schulen über Dialyse und Transplantation informiert, ist ihm die Aufmerksamkeit der Schülerinnen und Schüler gewiss. Natürlich freut es ihn, wenn junge Menschen einer Organspende aufgeschlossen gegenüber stehen und einen Organspendeausweis verlangen.

Denn nach wie vor fehlt es an Spendernieren. Und das, obwohl nur ein Drittel der Dialysepatienten für eine Transplantation geeignet ist. Von rund 50 000 Patienten in Deutschland könnten etwa 15 000 transplantiert werden. Doch nur knapp 10 000 kommen auf die Warteliste. Im Schnitt zwischen fünf und sechs Jahren vergehen bis zu einem Operationstermin. Denn pro Jahr stehen nur 2200 Nieren für eine Übertragung zur Verfügung.

Als Günter Krähner vor 25 Jahren operiert wurde, galt als obere Altersgrenze für eine Nierentransplantation das 60. Lebensjahr. Heute gibt es keine Altersbegrenzung mehr. Der Bamberger Klaus Eckert von der Interessengemeinschaft der Dialysepatienten und Nierentransplantierten erläutert: »Man richtet sich heute nach dem biologischen Alter des Patienten.« Seit knapp zwei Jahren existiert das Programm »Old for Old«, womit die Transplantation von Organen bei Senioren gefördert werden soll. Über 65-Jährigen kann heute die Niere eines älteren Verstorbenen transplantiert werden.

Günter Krähner hat den Arzt nie kennen gelernt, der ihm vor 25 Jahren die Niere implantierte. Ein Grieche war es, der nach dieser, seiner letzten Operation in Erlangen, wieder zurück ging in seine Heimat, um dort zu praktizieren. Krähner hätte ihm gerne dafür gedankt, dass er essen kann, wonach es ihn gelüstet; dass er wieder trinken kann, wenn ihn dürstet; dass er wieder Wasser lassen kann. Er beschreibt es mit zwei Wörtern: »Einfach leben.«

Günter Dehn

Information

Interessengemeinschaft für Dialysepatienten und Nierentransplantierte
Ansprechpartnerin für die Region Mittelfranken:
Karin Jones
Am Klosterbach 9, 90455 Nürnberg
Telefon 0911/88 39 37, Fax 88 81 34
k.jones@nexgo.de

Westmittelfranken:
Gerlinde Hassold
Burggrafenstr. 12, 97215 Uffenheim
Telefon 09842 / 85 62, Fax 95 38 07
GerlindeHassold@aol.com

Universität Erlangen-Nürnberg
Transplantationszentrum Erlangen/Nürnberg
Telefon 09131 / 853 91 96
Die leitende Ärztin: Dr. Barbara Nonnast-Daniel
Dialyse-RG-Mittelfranken@t-online.de

Tags: , , , , , ,

Ein Kommentar
Hinterlasse einen Kommentar »

  1. Trekking: Der Kungsleden in Schweden – fit for fun…

    Ich finde ihren Eintrag sehr informativ…