Die Kunst der langsamen Bewegungen

Artikel drucken Artikel drucken 18. September 2013 | Von | Kategorie: Sport & Freizeit
Ursula Gottschalk hat sich schon vor 15 Jahren dem Seniorensport verschrieben. Sie unterrichtet Ältere in Tai Chi und Qi Gong. Foto: Michael Matejka

Ursula Gottschalk hat sich schon vor 15 Jahren dem Seniorensport verschrieben. Sie unterrichtet Ältere in Tai Chi und Qi Gong. Foto: Michael Matejka

Wenn Senioren heute beim Zumba schwungvoll die Hüften kreisen lassen oder Marathon laufen, wundert das niemanden mehr. Vor 15 Jahren war das noch ganz anders. Da traute man Älteren kaum zu, überhaupt sportlich aktiv zu sein. »Wenn ich erzählte, dass ich jetzt Senioren unterrichte, wurde ich ausgelacht. So quasi: Was willst du mit den Alterchen, die krabbeln doch nur durchs Zimmer«, erinnert sich Ursula Gottschalk an spöttische Kommentare.

Die damals 40-jährige Nürnbergerin gab außerdem in einer Aikido Gruppe Tai Chi-Unterricht. Auch dort sah man es gar nicht gern, dass die gelernte Erzieherin und Masseurin sich neuerdings mit Senioren abgab. Man legte ihr sogar nahe, ihren Kurs einzustellen. Das wollte Gottschalk aber nicht – sie verließ stattdessen die Gruppe und ging ihren Weg weiter.

Heute unterrichtet sie in den Nürnberger Seniorentreffs Bleiweiß und Heilig-Geist fünf Seniorengruppen in Qi Gong (sprich: Tschi Gong) und Tai Chi (sprich: Tai Tschi) und daneben Schüler im Alter von fünf bis 95 in den Nürnberger Kulturläden. Außerdem hat sie zwei Bücher geschrieben und darin ihren ganz besonderen Ansatz der beiden chinesischen Bewegungskünste für Ältere festgehalten. »Mit einem künstlichen Hüft- oder Kniegelenk funktionieren manche Übungen einfach anders«, erläutert sie. Das bedeutet aber keineswegs, dass das Training deshalb weniger effektiv wäre, im Gegenteil.

Gerade Ältere profitieren von den langsamen, anmutigen Übungen, die Gelenke schonen und die Muskulatur sanft trainieren. Qi Gong lässt sich etwa mit »Arbeit an unserer Lebensenergie« übersetzen und stammt aus der chinesischen Medizin. Dabei spielt ähnlich wie etwa beim Yoga die Atmung eine wichtige Rolle, die Übungen sind fließend und harmonisch und können entweder im Sitzen, Stehen oder Liegen ausgeführt werden.

Mehr Selbstsicherheit

Hinter der blumigen Bezeichnung »einen Regenbogen bewegen« verbirgt sich zum Beispiel eine Übung, die durch das Hin- und Herbewegen der Arme aus einer besonderen Körperhaltung heraus Schmerzen der Lendenwirbelsäule und des Rückens lindern soll. Tai Chi, das »Schattenboxen«, funktioniert ähnlich und hat dieselben Wurzeln wie Qi Gong, setzt aber mehrere Übungen hintereinander, so dass man sich einen gesamten Ablauf merken muss. »Das ist für Ältere nicht immer einfach, schult aber das Gedächtnis«, weiß Gottschalk.

Grundsätzlich profitieren von Qi Gong und Tai Chi immer Körper und Geist – rein technisch zunächst einmal dadurch, dass beide Gehirn- und Körperhälften gleichzeitig trainiert werden. »Erstaunlich ist die Wirkung zum Beispiel bei Schlaganfallpatienten. Sie vergessen während des Übens irgendwann, dass die eine Seite ja nicht funktioniert – und nehmen auch den vermeintlich funktionslosen Arm dann einfach mit«, sagt Gottschalk.

Daneben bringt regelmäßiges Üben mehr Standfestigkeit und Selbstsicherheit – und damit weniger Angst vor Stürzen. »Es ist schon vorgekommen, dass hier Gehstöcke vergessen wurden«, schmunzelt Gottschalk. Das sind die Momente, aus denen die heute 55-Jährige ihre Motivation schöpft. »Man darf sich selbst nicht so wichtig nehmen, sondern muss die Schüler in den Mittelpunkt stellen«, sagt sie. »Ich erinnere mich an meine eigene Anfangszeit – da war bei vielen Übungen auch immer eine Hand oder ein Fuß übrig, mit denen ich nichts anzufangen wusste.«

Zu ihrem Interesse und schließlich zur Ausbildung im traditionellen Tai Chi Chuan und Qi Gong gelangte sie über einen Kung Fu-ausübenden Freund. Der stete Wandel hat ohnehin die Biografie der gebürtigen Nürnbergerin geprägt. So schloss sie zunächst an eine Ausbildung zur Erzieherin die Lehre zur Bürokauffrau an und gelangte über einen Gerichtsvollzieher, eine Bank und einen Orthopäden schließlich in eine Praxis für Krankengymnastik, die sie zu ihrer (vorerst) letzten staatlich anerkannten Ausbildung zur Masseurin inspirierte.

Auf die innere Stärke kommt es an

Seit rund drei Jahrzehnten begleiten nun die asiatischen Bewegungsformen ihr Leben und geben ihr die Kraft, auch im ärgsten Getöse auf Knopfdruck sofort abzuschalten. Es ist nicht zuletzt diese innere Stärke, die sie »ihren« Senioren unbedingt weitergeben will.

Ehe Anfänger eine Übung so beherrschen, wie die chinesischen Meister sie erdacht haben, bedarf es einer Menge an Training, Geduld und Humor. Gelegentlich spannt sie auch die eigene Familie ein: So fotografierten Sohn und Mann für ihr erstes Buch. Die Bilder für ihr zweites Werk hat sie selbst gemacht und auch die Texte selbst verfasst. Das Fotografieren lässt sie nicht mehr los, so dass Gottschalk mittlerweile zwei Fotoausstellungen mit Naturmotiven organisiert hat – und sich damit wieder eine ganz andere Ausdrucksform geschaffen hat.

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