RHS – Retired Husband Syndrom

Artikel drucken Artikel drucken 29. August 2014 | Von | Kategorie: Global Oldie

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Hello All, dem japanischen Psychiater Nobuo Kurokawa war aufgefallen, dass unter seinen Patientinnen ab Ende Fünfzig Depressionen und psychosomatische Erkrankungen sprunghaft anstiegen: Anstatt dies als typisch postmenopausal einzustufen, vermutete er einen Zusammenhang zwischen Renteneintritt der Ehemänner und jenen Symptomen der Frauen. Er schuf dafür die Diagnose „RHS – Retired Husband Syndrom” (Stress mit Ehemann Zuhause – Krankheitsbild) und stellte 1991 auf dem Kongress der Japanese Society of Psychosomatic Medicine eine entsprechende Studie vor. * Weitere, groß angelegte Studien** belegen seine These: Mit jedem zusätzlichen Jahr des Ruhestandes seitens des Ehemanns nahmen neben häuslichem Stress auch Hautausschläge, Asthma, Magengeschwüre und Bluthochdruck zu; bis zu 60% aller verheirateten Japanerinnen in jener Altersgruppe seien davon betroffen.
RHS ist in keinster Weise auf Japan beschränkt. Es lässt sich dort besonders gut studieren, weil in Japans Baby-Boomer Generation noch weitgehend die klassische Rollenteilung besteht: sie, die Mutter und lebenslange Hausfrau und Herrin über die (meist kleinen) Wohnungen; er als einziger Geldverdiener und während der Berufstätigkeit von früh bis spät Abwesender. Sein Renteneintritt lässt dann zwei Rollen aufeinander prallen, die bisher nur zeitlich und räumlich getrennt funktioniert hatten. Die Frauen fühlen sich in ihrem Tagesablauf kontrolliert, verlieren Handlungsfreiheit und sehen sich Ansprüchen seitens der im Privatleben unselbstständigen Gatten konfrontiert. Die Rentner können – zumindest anfangs – nicht mit der Freizeit, dem Verlust an sozialen Kontakten, Einfluss und Aufgaben aus der Arbeitswelt umgehen;- ersatzweise mischen sie sich dann in die etablierten Routinen des Haushaltes und Lebensgewohnheiten ihrer Frauen ein.
Loriot hatte, vermutlich zufällig im selben Jahr, 1991 mit „Pappa ante Portas“ das Thema des zuhause nervenden Ruheständlers humorvoll bearbeitet. Als Augenöffner und Ermunterung, solche Kalamitäten unter den Zuschauern erst gar nicht aufkommen zu lassen. Zumal in den emanzipierteren Ländern auch ein Mamma ante Portas bzw. RWS (Retired Wife Syndrom) auftreten kann, mit ähnlich desaströsen Folgen für alle Beteiligten.
Zum Happy End, zumindest für alle, die Englisch lesen: „Too Much Togetherness: Surviving Retirement as A Couple“ von Miriam Goodman, 2011. Zu deutsch etwa: “Zuviel Zusammensein: Den Ruhestand in der Paarbeziehung überleben“. Nur zur Information, liebe Freunde, dass sich Alternde weltweit mit den gleichen Herausforderungen herumschlagen.
Ihr Global Oldie
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*Der Amerikaner Charles Johnson hatte schon 1984 solche Beobachtungen, allerdings eher in Form von Anekdoten und nicht als seriöse Studie, zu Papier gebracht. Und wir alle haben so ähnliches sicher auch schon mal beobachtet.
**z.B. Bertoni & Brunello, Universität zu Padua, 2008 und 2013

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