Nomophobie: Die Angst vor der Nichterreichbarkeit

Artikel drucken Artikel drucken 9. September 2016 | Von | Kategorie: Gesundheit & Ernährung

Unser Autor Peter Viebig nimmt so ziemlich alles mit, was angstmäßig im Angebot ist. Neuerdings zum Beispiel die Nomophobie. Das ist die Angst davor, keinen Handykontakt zu haben. Ein Horror für Leute wie Peter – hier seine Selbstanalyse mit viel Ironie.

cover des viebichenWenn die Akkuladung unter 50 Prozent fällt, beginnt bei mir bereits die Panik. Wenn ich in Gegenden mit schlechter Netzabdeckung unterwegs bin, bilden sich Pusteln. Inzwischen habe ich allerdings eine Angst an Land gezogen, für die es noch gar keinen Begriff gibt: die Angst, meinen Hinterbliebenen in spe auf den Sack zu gehen.

Bisher habe ich, wie die meisten, darauf gehofft, nach mir werde die Sintflut hereinbrechen. Doch was, wenn die Sintflut dann doch nicht sofort nach meinem Ableben ausbricht? Dann müsste sich die Nachwelt erst einmal um meine wertvollen Vinylscheiben, meine Spectaculum-Bände und meine Sjöwall-Wahlöö-Krimis kümmern. Irgendwer müsste in seinen Regalen Platz dafür freischaufeln. Oder schlimmstenfalls: das Ganze zum Antiquariat schaffen, wo es inzwischen (o tempora!) höchstens noch zwei, drei Euro dafür gibt.

Und weil es das Internet dann ebenfalls nicht wegschwemmt, muss irgendwer meinen digitalen Nachlass regeln. Im Lauf der Jahre habe ich mich nämlich nicht nur bei Netscape, Yahoo oder AOL angemeldet, sondern auch im iTunes-Store, bei Google, WordPress, Threema oder Facebook (die haben mich eben erst aufgefordert, jemandem zum Geburtstag zu gratulieren, der bereits vor zwei Jahren gestorben ist). Alle möglichen Onlinehändler haben meine Daten und meine Kreditkartennummer. Dazu gesellen sich noch etliche Bankkonten, Netflix, die BahnCard, zahlreiche Abos … All das will gekündigt und ordentlich abgewickelt werden. Da sitzt einer schon ein paar Monate, bis er sich durch den Zettelkram und die mehreren hundert Zugangsdaten gepfriemelt hat.

Doch, wo Gefahr ist, da wächst das Rettende. Doktor Google hat mir geholfen. Mittlerweile gibt es etliche – nicht ganz billige (aber was tut man nicht alles für die Nachwelt) – Passwortmanager, die den ganzen Wust an Accounts organisieren. Da ist nur noch eine Mailadresse und ein einziges Passwort nötig und schon hat man Zugriff auf ein gesamtes digitales Leben. Ins Testament muss man also nur dieses eine Passwort eintragen. Das Erben wird so doch um einiges einfacher.

So bleibt schon im Diesseits wieder Raum für neue Ängste. Zum Beispiel für die Trumpophobie. Also dafür, dass Donald Trump Präsident wird und eines Tages Zugriff auf meinen digitalen Generalschlüssel haben könnte. Deswegen hier noch ein weiterer Tipp vom Furchtdeppen: Benutzen Sie bloß keinen Passwortmanager, der die Daten in den USA bunkert!

Peter Viebig

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