Der Mensch muss die Technik annehmen

Artikel drucken Artikel drucken 28. Dezember 2017 | Von | Kategorie: Finanzen & Vorsorge

Wer hat den Durchblick beim Thema Pflege und Technik? Beim Landkreistag in Eschenau wurde das lebhaft diskutiert. Foto: Berny Meyer

Die Frage, ob womöglich bald Roboter die Pflege übernehmen, löst bei älteren Menschen – und nicht nur bei diesen – häufig Unbehagen aus. Denn der Einsatz von digitaler Technik in der Betreuung von Pflegebedürftigen beschränkt sich nicht auf einen Kaffee servierenden Roboter oder eine sprechende Robbe. Es geht um viel weitergehende Hilfen, die durch eine sogenannte intelligente Technik möglich werden sollen.
Um das brisante Thema »Technik und Pflege« ging es bei einer Diskussion auf dem Landkreistag 50plus im Eckentaler Gymnasium (Landkreis Erlangen-Höchstadt). Zu den Experten dieser Runde zählten Prof. Jürgen Zerth von der Wilhelm Löhe Hochschule für angewandte Wissenschaften in Fürth, Anton Zahneisen vom Sophia Living Network in Bamberg, Bettina Williger vom Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen und Thomas Wimber, Vorsitzender des Kreisseniorenbeirats. Im Mittelpunkt stand die Frage, wo die Grenzen zu ziehen sind, wenn nicht mehr der Mensch, sondern die Maschine die Betreuung des hilfsbedürftigen alten Menschen in den eigenen vier Wänden oder im Pflegeheim übernimmt.

Wimber berichtet beispielsweise von einem jungen Studenten, der eine Masterarbeit über den Einsatz einer Waschstraße für alte Menschen schreiben wollte. Nach einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Thema stufte er das Vorhaben als unrealistisch ein und gab es auf. Auch Bettina Williger weiß, dass manche Wissenschaftler mehr die Machbarkeit von technischen Hilfen im Blick haben als die Bedürfnisse der Betroffenen, die solche automatisierten Prozesse eher fürchten als befürworten. Doch, so Williger, habe sich in dieser Hinsicht Grundlegendes geändert.

Nicht nur in Heimen, sondern auch in Haushalten pflegebedürftiger Personen sei der Einsatz von Robotern nicht mehr aufzuhalten, meint Anton Zahneisen vom Sophia Living Network in Bamberg. Er bewertet dies im Hinblick auf den Mangel an Pflegekräften auch ausdrücklich positiv. Denn die ausreichende Versorgung gebrechlicher Menschen sei beispielsweise in Bamberg bereits im Jahr 2030 nicht mehr gewährleistet, sagen seriöse Prognosen. Da helfe nur eine Entlastung durch Technikeinsatz. Der Befürworter von »Smart Home-Lösungen« wundert sich seit Jahren, dass die ältere Zielgruppe nicht stärker auf technische Hilfen zurückgreift, die heute schon vorhanden sind.

Dabei muss es nicht immer eine große Investition sein. »80 Prozent aller Stürze von alten Menschen passieren auf dem Weg zur Toilette«, erklärt Prof. Jürgen Zerth. Durch eine gute Beleuchtung könne das Risiko nachts deutlich gesenkt werden. Seniorenvertreter Wimber appellierte an die Älteren, sich rechtzeitig zu informieren. Wohnberatungsstellen wären hier die richtige Adresse.

Kassen sollen mehr leisten

In den meisten Fällen müssten die Betroffenen den Einsatz von technischen Hilfsmitteln aus der eigenen Tasche bezahlen, beklagten die Diskussionsteilnehmer. Hier sei die Politik gefordert, die Rahmenbedingungen so zu ändern, dass die Kranken- und Pflegekassen mehr von den Kosten übernehmen, forderten die Experten. Dies sollte bereits der Fall sein, bevor eine Pflegestufe anerkannt werde, um die Eigenständigkeit zu fördern.
In Heimen und Krankenhäusern werden sich digital unterstützte Assistenzsysteme schneller durchsetzen als im privaten Haushalt, lautet die Prognose. Für Wimber ist immer dann die menschliche Pflegekraft gefordert, wenn es in den Bereich Körperpflege oder emotionale Ansprache geht. Doch auch hier kann die Technik helfen. So arbeiten Forscher an einem Programm, dass angesichts des Gesichtsausdrucks eines Demenzkranken erkennen kann, ob er Schmerzen hat, berichtete Anton Zahneisen.
Noch wichtiger als die Frage der Kostenübernahme ist freilich die Erarbeitung ethischer Standards. Angesichts der Aufbruchstimmung und der vielen Forschungsprojekte auf dem Gebiet »Pflege und Technik« drängt sich der Eindruck auf, dass die Zukunft hier gerade erst begonnen hat. Aber: »Man darf die Verantwortung nicht an autonome Systeme abgeben«, warnt Prof. Jürgen Zerth.


Wird uns bald ein Roboter bei der Pflege unterstützen?
Diskussionsrunde mit (v. l. n. r.): Bettina Williger, Frauenhofer Institut /
Prof. Dr Juergen Zerth, Wilhelm Loehe Hochschule Fuerth /
Thomas Wimber. Kreisvorsitz. Seniorenbeirat
Petra Nossek-Bock, Chefredakteurin Magazin 66 /
Anton Zahneisen, SOPHIA living network GmbH
Foto: Berny Meyer

Petra Nossek-Bock; Fotos: Berny Meyer

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