Wie ein gebügelter Einkaufsbeutel mein Selbstbild ins Wanken brachte

Artikel drucken Artikel drucken 9. März 2018 | Von | Kategorie: Vermischtes

Man sollte nicht zu viel lesen, das verwirrt nur. Neulich fiel mir ein Artikel in die Hände, in dem ein junger Autor die Meinung vertrat, das Allerallerspießigste, was es überhaupt gibt, sei, seine Stoff-Einkaufsbeutel zu bügeln!

Nun habe ich mich immer für einen halbwegs normalen Menschen ohne Reinigungsfimmel gehalten. Anscheinend Fehlanzeige: Nicht nur wasche und bügle ich regelmäßig meine Baumwoll-Beutel, bevor sie wieder zum Einsatz kommen – nein, noch schlimmer. Sogar meine Nachthemden landen auf dem Bügelbrett! Und das ist, sagt meine Freundin Selma, so wahnsinnig spießig, dass man es kaum übertreffen kann. Sie findet übrigens auch, man brauche seine Fenster nicht dauernd zu putzen, das machten bloß diese komischen Hausweibchen, die sonst nichts zu tun und schon gar keinen Grips im Hirn haben. Jetzt weiß ich Bescheid.

Außerdem, hat sie mich belehrt, hätte ich auch noch eine ausgesprochen sexistische Ader. Das hat mich noch mehr verunsichert als die Sache mit dem Spießertum. Zu dieser Einordnung kam sie im Zusammenhang mit der Sexismus-Debatte in den letzten Monaten. Dass ein älterer Herr, CDU-Mitglied und Ex-Senator, seine Parteikollegin als »große süße Maus« bezeichnet hatte (nachdem er ihr Töchterchen bewundert und »kleine süße Maus« genannt hatte), fand ich – im Gegensatz zu Selma – zwar auch etwas daneben, aber nicht der nachfolgenden Aufregung wert. Vorschlag meinerseits für eine spontane Antwort seitens der Mama wäre gewesen: »Und dieser nette Onkel, mein liebes Kind, ist ein großer, ziemlich dummer Bär!«

Vollends disqualifiziert als Feministin habe ich mich schließlich, als ich Selma von meinem kleinen Erlebnis in der Metzgerei erzählte: Der Tag war verregnet und im Laden standen eine Menge Leute. Drei ältere Frauen, eine davon ich, betrachteten wohlwollend den neuen jungen Verkäufer, der konzentriert ein paar Rouladen zurechtschnitt. »Den hädd i a nedd von där Beddgandn gschubbst!«, sagte die eine Seniorin zur anderen. »Naa, iich a nedd. Där häd mir a gfalln«, stimmte die zu. Nun musste ich auch meinen Senf dazugeben, auf Hochdeutsch, aber immerhin: »Der schaut wirklich gut aus, dieser junge Mann!« Ob er seine drei Kommentatorinnen gehört hatte, ließ der Metzgereifachverkäufer nicht erkennen, er wog inzwischen schweigend hundert Gramm Aufschnitt ab.

Ich fand die ganze Szene recht witzig. Selma fand daran überhaupt nichts Komisches, im Gegenteil: »Stell dir bloß mal vor, es hätte sich um eine Verkäuferin gehandelt und drei Männer hätten diese blöden Sätze von sich gegeben. Wenn das nicht sexistisch ist!!« Also, ich weiß nicht, da haben sich für mich die Maßstäbe verschoben. Wer so etwas Harmloses hochjubelt, tut einer wichtigen Debatte keinen Gefallen. Aber Selma lässt nicht mit sich reden, in dieser Hinsicht ist sie Fundamentalistin.

Was mich seither umtreibt, ist, wie ich mein ramponiertes Ego wieder aufbauen kann. Unangemessene Äußerungen zu Menschen männlichen Geschlechts kommen fortan nicht mehr über meine Lippen. Und vielleicht sollte ich aufhören, dauernd meine Fenster zu putzen, und stets mit einem ungebügelten Stoffbeutel zum Einkaufen gehen? Oder ich mache es ganz anders: Ich bleibe spießig und kaufe mir zur Verfestigung dieser Haltung einen Gartenzwerg. (Vielleicht einen von Ottmar Hörl, sozusagen Kunst und Kitsch in einem.) Klasse Idee!

Brigitte Lemberger
Illustration: Sebastian Haug

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