Als man Gott loswerden wollte: Die neue Spiritualität in den 60er Jahren

Artikel drucken Artikel drucken 23. Mai 2018 | Von | Kategorie: Vermischtes

Zwei Wohngemeinschaften der Bhagwan-Jünger in diesen Nordstadthäusern sorgten immer wieder für kritische Berichte. Fotos: NN-Archiv

Von der Wiederkehr der Religionen ist heute mitunter die Rede. Waren sie mal weg? Am ehesten konnte man wohl in den 1960er und 70er Jahren den Eindruck haben. Aber so einfach ist das nicht: Zwar sorgte der Geist von ’68 für Traditionsabbrüche. Doch konnte er die etablierten Religionen so schnell nicht vertreiben; außerdem setzte ’68 auch üppige esoterische Sehnsüchte frei.

Die Folgen waren dennoch, auch in Nürnberg, enorm: Die Zahl der Kirchenaustritte stieg stark an; kirchlich zu heiraten war out. In den Nürnberger Nachrichten waren Klagen zu lesen über Kirchen, die nur noch an Weihnachten voll waren. Die Generation der politischen, außerparlamentarischen Opposition suchte neue weltanschauliche Horizonte. Wie breit dieser Aufbruch gerade auch in Nürnberg, nicht gerade eine Hochburg der »Studentenbewegung«, war, zeigt eine kurze Rückblende auf die Gründung eines »Republikanischen Clubs«. Auf »Infopartisan«, einem Online-Portal für linke Politik, steht noch heute nachzulesen:
»Unter den über 60 Gründungsmitgliedern befanden sich unter anderem Vertreter der Evangelischen und Katholischen Jugendverbände, der Evangelischen Studentengemeinde (ESG) sowie Angehörige der Humanistischen Union (HU), (hier folgt eine lange Liste von etablierten Jugendorganisationen) und des Bundes für Geistesfreiheit (BfG).«
Der Autor dieser Meldung war der Kabarettist und Aktivist Horst W. Blome. Er hatte den religions- und christentumskritischen Ton schon mit seinen 95 Thesen angeschlagen. Sie waren zum 450. Jahrestag der Reformation am 31. Oktober 1967 an der Sebalduskirche zu lesen. Der humanistische Bund für Geistesfreiheit hatte guten Zulauf und wurde als Institution in der Nürnberger Öffentlichkeit präsent, auch durch einen eigenen Kinderladen.

Hungerstreik gegen das Franco-Regime
Der kritische Zeitgeist konnte aber auch innerhalb der evangelischen Kirche wehen – zum Beispiel im Untergeschoss des sogenannten HeiGei (Heilig-Geist-Spitals), also bei der Evangelischen Studentengemeinde (ESG). Ab Mitte der 70er Jahre focht man hier manchen Konflikt mit der Landeskirche aus. Die kritische »Zivilreligion« war eine weltweite Solidaritätsmission. Unterstützt wurden möglichst alle Opfer von Unterdrückung – oder Repression, wie man damals sagte. Da kamen ab 1972 zuerst die vom Radikalenerlass Betroffenen in den Blick. Und als spanische und baskische Gewerkschafter 1975, zum Ende des Franco-Regimes, mit Hungerstreiks gegen Verhaftungen in Spanien protestierten, waren auch hier Studenten zur Stelle, konkret im Gemeindesaal St. Markus in der Dianastraße.
Eine eher katholisch inspirierte »Option für die Armen und Entrechteten« war auch in den Nürnberger Gemeinden gefragt, als in El Salvador vom Militärregime gegen Ende des Jahrzehntes eine regelrechte Christenverfolgung losgetreten wurde. Ihr fiel am 24. März 1980 Erzbischof Oscar Romero zum Opfer; nach ihm benannte sich die seit Jahren in Nürnberg sehr aktive CIR (»Christliche Initiative Romero«).

Bibelkurse hatten im HeiGei-Keller an der Pegnitz dagegen damals nicht so den großen Zulauf. Andernorts wurde die Bibel aber eine eindeutigere und wörtliche Grundlage des Handelns: Die in Nürnberg schon seit den 1920er Jahren existierenden freikirchlichen Gemeinden bekamen einen neuen Aufschwung durch charismatische und pfingstlerische Anfeuerung aus dem anglo-amerikanischen Raum. Bei einer Zeltmission im Jahr 1973 wurde zum Beispiel eine weitere, heute noch blühende freikirchliche Gemeinde in Nürnberg gegründet.

Geistige Nahrung am Hans-Sachs-Platz
Wer geistige Nahrung in gedruckter Form brauchte, konnte sie in der damals florierenden Gottfried-Löhe-Buchhandlung am Hans-Sachs-Platz bekommen, guten Rat über die theologische Färbung der Texte durch die Besitzerfamilie Horn inklusive und gratis. Wilhelm Löhe (1808–1872), der Vater des Ladengründers, wurde Patron der evangelischen Löhe-Schule, die 1980 den Neubau an der Deutschherrnwiese bezog.
Richtig bunt war das Jahrzehnt aber dadurch, dass die Sehnsucht nach Spiritualität auch von Nürnberg aus in fernöstlichen Quellen vielfältige und belebende Nahrung fand – zumindest solange der Guru nicht entzaubert war. Legendär (und Thema der damaligen Berichterstattung) wurden zwei Wohngemeinschaften in der Nürnberger Nordstadt, bewohnt von Bhagwan-Jüngern, den »Sannyasins«. Ihr Markenzeichen war die Farbe ihrer Gewänder, sie hießen in den Nürnberger Nachrichten die »Rotgewandteten«, obwohl die Erinnerung eher von Orange spricht. Sicher war jedenfalls die übliche Reise ins indische Poona, später in die USA nach Oregon zu Guru Bhagwan Shree Rajneesh.

In der Nordstadt wurden die therapeutischen Angebote der Gruppe nicht so gut angenommen, sodass später ein Teil der Gruppe aus ökonomischen Gründen nach Berlin abwanderte. Yoga und Meditation jedenfalls, egal ob eher hinduistischer oder (zen-)buddhistischer Prägung, haben dann letztendlich doch ihren Siegeszug in die Programme aller etablierten Bildungseinrichtungen angetreten.
Was hat sich in den beiden großen Kirchen getan? Die Annalen (das heißt, das Pressearchiv Nürnberg) berichten von vielen Tagungen, von Auseinandersetzungen mit den eher konservativen oder eher marxistischen Strömungen innerhalb und außerhalb der Institution, von Bauprojekten, organisatorischen Problemen und Personalwechseln. Gegen Ende des Jahrzehnts lief alles auf den Evangelischen Kirchentag im Juni 1979 zu. Ganz Nürnberg wurde eine Jugendherberge. Die 90.000 waren »feierlich und fröhlich« (NN) gestimmt, die Veranstalter ob der schieren Menge eher in Sorge. Fronleichnam feierten alle Christen zusammen auf dem Hauptmarkt.
Nicht vergessen werden sollen noch einige damals weniger zentrale Orte für Gläubige, nämlich die: In St. Leonhard, in der Hesse-Straße und am Spittlertorgraben entstanden erste Gebetsräume für Muslime, die allerdings auch schon mal von Studierenden der ESG besucht werden durften.

Otto Böhm;

Zwei Wohngemeinschaften der Bhagwan-Jünger in diesen Nordstadthäusern sorgten immer wieder für kritische Berichte. Fotos: NN-Archiv

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