Wie kann man internationale Pflegekräfte besser integrieren?

Artikel drucken Artikel drucken 27. Juli 2018 | Von | Kategorie: Finanzen & Vorsorge

Eine philippinische Pflegerin im Zimmer von einer Altenheim-Bewohnerin in München. Foto: epd/Rudolf Stumberger


Neue Wege bei der Integration internationaler Pflegekräfte gehen die Hochschule Fulda und vier Versorgungseinrichtungen aus der Kranken- und Altenpflege: das Klinikum Fulda, das Herz-Jesu-Krankenhaus Fulda, die AWO Nordhessen und der Caritasverband für die Diözese Fulda.

Gemeinsam mit der Hochschule Fulda wollen die prinzipiell im Wettbewerb stehenden Pflegeeinrichtungen konkrete Lösungsansätze erarbeiten, wie die Integration internationaler Pflegekräfte gelingen und der Fachkräftemangel gelindert werden kann.

Ziel ist es, durch Kooperation Lösungen für die individuellen Probleme der recht unterschiedlichen Pflegeeinrichtungen zu entwickeln. Vorhandene Integrationskonzepte sollen dazu analysiert, geeignete Konzepte praktisch erprobt und evaluiert werden. Schließlich sollen daraus Hilfen und Handlungsempfehlungen für Integrationsverantwortliche in anderen Pflegeeinrichtungen abgeleitet werden.

Zum Hintergrund: Die Gewinnung und Integration internationaler Pflegefachkräfte ist – neben der Steigerung der Attraktivität der Pflegeberufe und der Verbesserung der Arbeitsbedingungen – eine von mehreren notwendigen Maßnahmen, den Pflegefachkräftemangel zu mindern. Dies stellt die Pflegeeinrichtungen vor eine erhebliche Aufgabe. „Aus unserer Forschung zur Integration von internationalen Pflegekräften in deutschen Pflegeinrichtungen wissen wir, dass die Anerkennung im Ausland erworbener Berufsabschlüsse, die Vermittlung von fremd- und fachsprachlichen Kenntnissen oder die Bewältigung von Unterschieden in Qualifikationsniveaus, Pflegeorganisation und Pflegeverständnis erhebliche Herausforderungen darstellen“, sagt Prof. Dr. Beate Blättner vom Fachbereich Pflege und Gesundheit an der Hochschule Fulda. Sie leitet das Projekt gemeinsam mit Prof. Dr. Heinrich Bollinger, der bis 2015 Professor für Organisationssoziologie am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften war.

Alten- und Krankenpflege gemeinsam betrachten

Ein Beispiel macht die schwierige Aufgabe anhand der Pflegeorganisation und des Pflegeverständnisses deutlich: Internationale Pflegefachkräfte sind in der Regel in der Krankenpflege qualifiziert. In den meisten Staaten der Europäischen Union und in sogenannten Drittstaaten gibt es keine der deutschen Altenpflegeausbildung vergleichbare fachliche Bildung, da üblicherweise die Ausbildung akademisches Niveau besitzt. In vielen Staaten existieren zudem Besonderheiten in der Pflege, die in Deutschland unbekannt sind, etwa die Versorgung von Patienten durch Angehörige. Über das, was Pflegetätigkeit ausmacht, bestehen folglich ganz unterschiedliche Vorstellungen. Zu spüren bekommt das vor allem die Altenpflege. Nicht selten fühlen sich die internationalen Kräfte hier nicht entsprechend sachverständig und wechseln lieber in die Krankenpflege.

„Wir müssen differenzieren zwischen Alten- und Krankenpflege“, sagt Prof. Blättner. Zugleich sei es wichtig, bei der Integration internationaler Pflegekräfte beide Bereiche im Blick zu haben. Nur dann könnten tragfähige Lösungen für die jeweiligen Einrichtungen mit ihren spezifischen Anforderungen und Problemen erarbeitet werden. Die sektorenübergreifende Zusammenarbeit der Versorgungseinrichtungen bildet daher eine wesentliche Grundlage für das Projekt und kann zugleich einen Beitrag dazu leisten, mit den Herausforderungen umzugehen, die mit der Umsetzung des neuen Pflegeberufegesetzes einhergehen, das am 1. Januar 2020 in Kraft treten soll.

In den Organisationen die nötigen Voraussetzungen schaffen

Zugleich geht das Projekt von der Grundannahme aus, dass Integration auch auf Seiten der Versorgungseinrichtungen Veränderungsbereitschaft erfordert. „Ob die Integration gelingt, hängt wesentlich von den Gegebenheiten in den jeweiligen Einrichtungen ab“, weiß Prof. Bollinger. „Integration ist nicht gleichbedeutend mit Anpassung an die bestehenden Arbeitsverhältnisse. Vielmehr setzt sie Veränderungen auf beiden Seiten voraus. Kulturelle Unterschiede etwa können auch für Lernprozesse in der Institution genutzt werden“, betont der Organisationssoziologe.

Mit Fallstudien in den einzelnen Einrichtungen soll die Integration internationaler Pflegekräfte daher organisationsbezogen in den Blick genommen werden. Einzelne Aspekte des Integrationsgeschehens will das Projekt mit thematischen Querschnittsanalysen erheben und miteinander vergleichen, etwa die Form der Akquisition, die Art und Reichweite der Unterstützung beim Spracherwerb, die Vorbereitung des bestehenden Personals auf die Integration oder den Umgang der Einrichtung mit den unterschiedlichen Erfahrungen der internationalen Kräfte in der Pflege sowie in ihrer Organisation. Auch diese Ergebnisse liefern wichtige Hinweise, um bedarfsgerechte Lösungsansätze für die einzelnen Organisationen zu finden.

Pflegeteams in den Einrichtungen vorbereiten

Da für die Beschäftigten in den bestehenden Pflegeteams die Integration anfangs häufig mit erhöhtem Aufwand verbunden ist, will das Projekt zunächst mit ausgewählten Teams arbeiten und sie vorbereiten. „Entlastung tritt nur dann ein, wenn die Teams bereit und fähig dazu sind, diese Leistungen vorweg zu erbringen“, sagt Prof. Blättner. Entscheidend sei hier, dass sowohl der Beitrag der in den Einrichtungen Beschäftigten wie auch die Leistungen der internationalen Arbeitskräfte gewürdigt und gegenseitiger Respekt wie gegenseitige Anerkennung gefördert werden. Unabdingbar für das Gelingen des Projekts ist unter anderem die enge Zusammenarbeit mit den Personalverantwortlichen sowie der jeweiligen Beschäftigtenvertretung.

Das Projekt versteht sich insgesamt als parallele Maßnahme zu den Forderungen der Gewerkschaften und Pflegeverbände, Arbeitsbedingungen, Einkommen und Ansehen des Pflegeberufs zu verbessern. „Wir sind uns im Projekt einig, dass beide Ansätze keinen Widerspruch darstellen, sondern zeitgleich verfolgt werden müssen. Selbst dann ist noch nicht klar, ob dies ausreichen wird, den Bedarf zu decken“, erläutert Prof. Bollinger.

Versorgungsmängel nicht verschieben

Zudem berücksichtigt das Projekt ethische Fragestellungen: „Wenn qualifiziertes Pflegepersonal aus anderen Ländern angeworben wird, besteht das Risiko, dass Versorgungsmängel nur zwischen Staaten verschoben werden und die sozial ungleiche Verteilung von Gesundheitschancen zwischen Ländern verstärkt wird. Das wäre aus Public Health Sicht ethisch nicht zu vertreten“, erläutert Prof. Blättner. Die Bedingungen der Arbeitskräftevermittlung müssten ebenso betrachtet werden. Das Spektrum reiche von seriösen Angeboten bis hin zu Formen modernen Menschenhandels.

Zeitplan:
Das Projekt hat zunächst eine Laufzeit bis Ende 2022. Die sukzessive erreichten Erkenntnisse werden der Fachöffentlichkeit in Form von Publikationen oder Fachtagungen vorgestellt.

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