Keine häusliche Hilfe vor Ort und andere Probleme mit der Pflege

Artikel drucken Artikel drucken 16. September 2018 | Von | Kategorie: aktuell

Bei der Veranstaltung im Seniorentreff schildern Zuhörerinnen ihre Sorgen.

Pflege ist ein Wahlkampfthema. Auf den Plakaten zur Bayerischen Landtagswahl wetteifern die Parteien mit ihren Versprechungen für eine bessere Zukunft in der Pflege. Aber welche Pflege ist hier gemeint? Was hilft wirklich, die Betreuung zu verbessern? Darüber informierte eine Veranstaltung in Nürnberg, die vom Magazin sechs+sechzig in Kooperation mit dem Sozialreferat der Stadt Nürnberg am Freitag, 14. September, auf reges Interesse des Publikums stieß. Für manchen Gast war es eine Gelegenheit, einen Hilferuf abzusetzen.

Was nützt mir eine höhere Bezahlung der Pflegekräfte in der Zukunft oder ein Systemwechsel hin zu einer einheitlichen Pflege-und Krankenkasse, in die alle einzahlen, wenn ich jetzt Hilfe benötige? Diese Frage treibt vor allem diejenigen um, die Mitte 70 bis Mitte 80 sind und nicht mehr so lange warten können, bis die notwendigen Korrekturen alle umgesetzt sind. Sie allein können die Situation mit ihrem Engagement und ihrer Kritik an der aktuellen Situation keinesfalls verbessern. Das wurde in allen Beiträgen deutlich. Es ist ein Generationen übergreifendes Thema. Hier müssen sich die 30 bis 40 Jährigen genauso engagieren wie die Angehörigen der Geburtenstarken Jahrgänge, die in absehbarer Zeit in Rente gehen.

Sie müssen für einheitliche Tarifverträge in der Pflege, für eine angemessene Bezahlung, für gerechte Dienstpläne, weniger Bürokratie und mehr Zeit für menschliche Zuwendung kämpfen. Wobei schon mehrfach angemerkt wurde, dass ein so reiches Land wie Deutschland eigentlich die dringenstens Probelme in kurzer Zeit lösen könnte. Der Blick in Nachbarstaaten zeigt, wie es besser gehen könnte, ob in Schweden oder in der Schweiz.

Sozialreferent Reiner Prölß benennt die Probleme in der Pflege.

Und wie sieht es vor der Haustür in Nürnberg aus? Sozialreferent Reiner Prölß gab einen sehr klaren Einblick in die Vielschichtigkeit der Thematik. Für ihn „gehört das Thema neben Wohnen, Rente und Integration zu den großen gesellschaftlichen Herausforderungen der Zukunft“. Er glaubt, dass es „uns im Zuge des demografischen Wandels noch lange beschäftigen wird“. Zentrale Ziele sind eine menschenswürdige pflege, die sowohl Pflegebedürftigen als auch pflegende wertschätzt und nicht in die Ecke drängt. Der Pflegeberuf muss an Attraktivität gewinnen und das auf unterschiedlichen Wegen, damit genügend Menschen gerne in diesem Beruf arbeiten. Die Finanzierung muss sichergestellt werden und das auch mit Steuergeldern.

In den nächsten Jahren wird sich die Landschaft der städtischen Altenpflegeheime deutlich verändern, kündgte er an. Derzeit gibt es Pläne, die bestehenden Heime neu auszurichten. Das gilt für das Heim in der Johannisstraße ebenso wie für das Anwesen in der Regensburger Straße. Auch auf dem Gelände des Sebastianspitals in der Veilhofstraße wird sich einiges tun. Die Details liegen den Fachgremien zum Teil zur Beratung vor.

Überrascht war Prölß, dass sich für die häuslichen Hilfen keine zentrale Stelle in Nürnberg zuständig fühlt, die älterern Bürgern solche Dienstleistungen vermittelt, sie hinsichtlich der Kostenstruktur und Dienstleistung berät und Anlaufstelle ist, falls Probleme auftauchen. Dieser Magel, den einige Teilnehmer an der pflegeveranstaltung von sechs+sechzig am eigenen Leib erfahren haben, soll möglichst schnell behoben werden, erklärte der Sozialreferent, den das Thema Pflege übrigens nach eigenem Bekenntnis in den letzten Jahren immer mehr auch emotional beschäftigt.

Christine Limbacher (l.) und Manfred Lang (r.) fordern die Pflegekräfte auf, sich gewerkschaftlich zu organisieren und selbst aktiv zu werden.

Das trifft auch auf die übrigen Referenten zu. Manfred Lang vom Nürnberger Stadtseniorenrat war deutlich anzumerken, wie ihn die Jahrezehnte lange Diskussion über eine Verbesserung der Situation Betroffener ärgert. Er erkennt jedoch ebenso wie Christine Limbacher, Ex-Stadträtin der SPD und Vertreterin des Sozialverbands VdK sowie Orgainsatorin des Pflegestammtischs. Beide glauben, dass man die Gunst der Stunde intensiv nutzen muss, die durch die große Aufmerksamkeitswelle für das Thema Pflege momentan vorhande ist. Jetzt lassen sich Verbesserungen nicht nur fordern, sondern auch durchsetzen, sind sie der Meinung. Und den Fehlentwicklungen, von denen es etlich gibt, von der Vermarktung von Pflegeheimen als Rendite starke Kapitalanlage durch Internationale Konzerne bis hin zu einer stärkeren Stützung von lokalen Strukturen und der besseren Finanzierung.

Carmen Dittrich hat eine Fülle von smarten Lösungen für Alltagsprobleme gefunden.

Carmen Dittrich zeigte dann auf, wie man mit Hilfe von smarter Technik das Leben im Alter besser organisieren kann. Die Digitalisierung ist dabei eine Chance, denn sie verstärkt in vielen Bereichen das Bedürfnis nach Sichehreit. Wenn eine smarte Fußbodenmatte Angehörigen meldet, dass der pflegebedürftige alte Mensch gestürtzt ist, bedeutet das eine Beruhigung für die Familie, da Hilfe sofort alarmiert wird. Die Beispiele der Innenarchitektin waren eindrucksvoll. Vom Spazierstock mit Sensor und Sender bis hin zu einer Anlage, die ungebetene Besucher vom Grundstück fernhält, reicht inzwischen die Produktpalette. Dittrich ermunterte die Zuhörer, sich hier über die Produkte zu informieren. Den Zuschuss von bis zu 4000 € für einen altengerechten Umbau, den die KfW bezahlt, möchte sie selber auch nutzen. Ihr Wunsch: ein Klo mit Popodusche.

Alle Fotos: Kat Pfeiffer

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