Schwarzer Afghane im Roten Roß in der Nürnberger Altstadt

Artikel drucken Artikel drucken 24. September 2018 | Von | Kategorie: Reise & Kultur

Woran ist die antiautoritäre Revolte seinerzeit am Ende wirklich gescheitert? Man könnte behaupten – mit einem Augenzwinkern – an einem verführerischen Rauschmittel aus dem Orient, gewonnen aus den Blättern und Blüten der weiblichen Hanfpflanze. Am Ende des Tages, nach den Demos, auf den Terrassen der WGs und in den Hinterzimmern der Kneipen verbreitete sich ein spezifischer Duft, der Stressfreiheit und Entschleunigung verhieß. Der politische Weltschmerz tat nicht mehr weh. Gelegentlich griff die Lethargie auch schon am Vormittag um sich, so dass der Tag an der Uni gestrichen werden konnte. Wer aus der besorgten Welt der Normalos diese Hippies zu Aktivitäten motivieren wollte, blickte nur in selige lächelnde Gesichter und erntete ein nach innen gerichtetes Kichern.

Amerikanische GIs als Dealer

Die Polizeimeldungen der Zeit lesen sich weniger entspannt. Das etwas kindisch geschwäbelte »Hasch du Haschisch in de Dasche – hasch du immer was zu nasche« konnten die Beamten nicht lustig finden. Zu selten gelangen ihnen Erfolge gegen die Drogenszene. Der Stoff kam oft über Amsterdam oder Istanbul nach Franken. es gab einen erfinderischen Drogentourismus. Unkontrollierbar schien die Verteiler-Szene bei Konzerten geworden. Die Dealer kamen zu Beginn der 70-er Jahre auch oft aus GI-Kreisen.

Wer in Erlangen oder Nürnberg »was zum Kiffen« brauchte, kam ins damalige »Rote Roß« in der Sebalder Altstadt. Man ging einfach rein, die Treppe runter, in der Bar (in der auch ein Kicker stand) gab es offen die Angebote in freier Wahl zwischen dem »roten Libanesen« oder dem »schwarzen Afghanen«. Allerdings – so erinnern sich »Zeitzeugen« – fand das Ganze durchaus unter einer gewissen Polizeibeobachtung statt. Aber die zivilen Ermittler hatten es wohl nicht so sehr auf die Unterbindung des Kleinhandels abgesehen. Der Konsum selbst war ja auch damals nicht strafbar. Im Lauf der Jahre verlagerte sich die Szene dann – so die Erinnerungen – in den »Burggraf« an der Stadtgrenze zu Fürth. Gehandelt wurde aber fast überall – so muss es zumindest der Zeitung lesenden Öffentlichkeit vorgekommen sein: natürlich auf Schulhöfen und vor dem Komm und anderen Jugendzentren, natürlich auch in Parks. Sogar das Bezirkskrankenhaus in Erlangen musste sich mit den Vorwürfen auseinandersetzen, dass dort »jederzeit an den Stoff« zu kommen wäre. Auch im Eigenanbau gelangen manchen WGs gärtnerische Erfolge, die aber nur publik wurden, wenn die Polizei sich auf den botanischen Lehrpfad begab. Vom Dutzendteich bis zur Jansenbrücke gab es immer mal wieder Anbauflächen im Gärtchen und auf den Fensterbrettern. Die zum Rauchen getrockneten Blätter brachten aber bei weitem nicht die Wirkung wie der importierte Stoff. Nicht bei jedem (gefühlt waren häufiger Männer die Konsumenten) endete das Vergnügen beim Start ins Berufsleben. Oft genug gab es den so gefürchteten Umstieg vom Joint auf die harten Drogen. Die Zeit der Drogenberatung war gekommen.

Bitte Rezept mitbringen!

Die Leidensgeschichten von physisch und psychisch zerstörten Existenzen waren schließlich keine Horrorpropaganda, und der Wunsch nach »Abheben und Transzendenz« blieb eher unerfüllt. Andererseits gewann die die Forderung, den Haschisch-Handel freizugeben, immer mehr Anhänger mit der Argumentation, Alkohol sei schließlich als Volksdroge Nr. 1 auch nicht verboten. Am Ende des Jahrzehntes verkündete die »Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie«, dass Haschisch-Konsum weitaus ungefährlicher sei als Nikotin oder Alkohol. In Nürnberg starteten zuerst die Jungen Liberalen bei einem FDP-Drogenhearing im Jahr 1979 die »Legalize«-Kampagne. Gesundheitsamtschef Söllner hielt dem damals entgegen, dass 90 Prozent der Heroinabhängigen ihre Abhängigkeit mit leichten Rauschmitteln begonnen hätten. Andererseits: Wie viele haben »gehascht« wie man damals »von außen« sagte – in der Szene selbst wurde »gekifft« -, und für sie war es nur eine unvermeidliche Jugendsünde. Heute unterliegt der Cannabiswirkstoff Tetrahydrocannabinol (THC) immer noch dem Betäubungsmittelgesetz. Die – rechtlich gesehen – »Selbstschädigung« ist nicht verboten. Der Wirkstoff von Cannabis wurde als Heilmittel anerkannt. Der Weg führt heute bei Bedarf in die Apotheke und nicht mehr in eine Szene-Kneipe; aber ein Rezept sollte man schon mitbringen.

Text: Otto Böhm
Fotos: Wolfgang Gillitzer, Wolfgang-Peter Geller (NN, Archiv)

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