Wo Vertrauen fehlt, fehlen die Jobs im Osten

Artikel drucken Artikel drucken 6. Oktober 2018 | Von | Kategorie: Jobs & Ehrenamt

Ein Symbol des Überwachungsstaates: Das saechsische Schloss Hoheneck. Tausende Frauen haben im größten Frauengefängnis der DDR unter Schikanen gelitten. Foto: epd

Stasi-Vergangenheit sowie Digitalisierung und Globalisierung sind nach einer neuen Studie die Hauptverdächtigen dafür, warum die Wirtschaftskraft in Deutschland auch fast 30 Jahre nach der Wiedervereinigung zwischen Ost und West sehr ungleich verteilt ist. Zu diesem Ergebnis kommt der Experte für Banking und Finance der Universität Witten/Herdecke, Prof. Dr. Marcel Tyrell, in zwei Studien. „Es gibt so etwas wie den langen Schatten des Stasi-Überwachungssystems“, erklärt Tyrell seinen Ansatz, den er schon in einer ersten Studie 2007 veröffentlicht hatte. Inzwischen gibt es weitere Analysen, die seine Annahmen bestätigen: „Die jahrelange Unterwanderung hat aus verständlichen Gründen das Misstrauen vieler Ostdeutscher so massiv gestärkt, dass es sich bis heute ganz handfest auf Wirtschaft und Wahlverhalten auswirkt.“

Tyrell belegt das mit Zahlen: Wo die Überwachung am dichtesten war – übrigens nicht nur an der Grenze zur BRD sowie an der Ostsee – ist bis heute die Arbeitslosigkeit am höchsten und damit die Wirtschaftskraft am geringsten. „Außerdem finden wir dort massive Störungen in etwas, das wir Sozialkapital genannt haben: Festmachen kann man das an der Wahlbeteiligung, der Mitgliedschaft in Sportvereinen und der Bereitschaft zur Blutspende. Sie sind dort wesentlich geringer ausgeprägt wo die Bespitzelung gemessen an der Anzahl der Inoffiziellen Mitarbeiter am höchsten war. Wir sehen diese Merkmale als Messgrößen für die lange Wirkung der Bespitzelung“, bewertet er seine früheren Ergebnisse, die von anderen Forschern (Lichter/Löffler/Siegloch, 2016) bestätigt werden.

Wo das Vertrauen sinkt, schwächelt die Wirtschaft

Auch diese kommen zum Schluss, dass die Stasi-Aktivität zu geringem Vertrauen und sinkender gesellschaftlicher Aktivität geführt haben, die dann in Abwanderung und steigender Arbeitslosigkeit mündet: „Wirtschaft setzt Vertrauen voraus, oft geht es um Geschäfte mit mündlichen Absprachen, das geht eben ohne ein Grundvertrauen nicht und das hat der Überwachungsapparat vernichtet und die ältere Generation oft an die Kinder weitergegeben, um diese zu schützen – das ist meine These“, fasst Tyrell zusammen.

Thema Roboter: Wenn man auf einer Deutschlandkarte einzeichnet, wo die meisten Roboter in der Produktion eingesetzt sind, erkennt man deutlich die ehemalige Trennlinie zwischen BRD und DDR wieder. Ganz viele stehen im Westen, ganz wenige im Osten: „Die Roboter haben in Deutschland aber keine Arbeitsplätze vernichtet, wie die Studie von Dauth/Findeisen/Südekum/Wössner (2017) zeigt. Vielmehr bringen sie Einkommenszuwächse bei hochqualifizierten Beschäftigten und nur leichte Rückgänge bei ganz einfachen Arbeiten, während mittelqualifizierte Arbeitnehmer die höchsten Einkommensverluste zu verzeichnen hatten“, schildert Tyrell die Auswirkung.

Bloß weg aus dem Osten, hieß die Devise

Thema Abwanderung: Trägt man in die Deutschlandkarte ein, wo Menschen wegziehen und wo welche hinziehen, erkennt man wiederum die Grenzen der beiden ehemaligen Teilstaaten sehr deutlich – Ausnahme Raum Berlin. Neun Prozent Abwanderung in den Jahren 2000 bis 2014 im Osten, Zuwanderung in Süddeutschland, am Rhein und im Norden. Massive Landflucht also, bloß weg aus dem Osten, scheint die Devise zu sein.

Eine weitere Studie hat die Auswirkung von Globalisierung und Digitalisierung auf das Wahlverhalten untersucht. Wieder eine Deutschlandkarte, diesmal trägt man ein, wo die örtliche Wirtschaft von den zunehmenden Exporten aus China und Osteuropa überrollt wurde. Wiederum ist der ehemalige Grenzverlauf gut zu erkennen, einige andere grenznahe Gebiete im Westen sind ebenfalls betroffen. Die Studie kann zeigen, dass die Wähler das Vertrauen in die etablierten Parteien verlieren und eindeutig Rechtsextrem wählen: „Das ist der Effekt, den wir auch bei der Wahl von Präsident Donald Trump in den USA beobachten konnten. In Staaten, in denen die Wirtschaft den billigen Importen nicht gewachsen ist und der Mittelstand darunter leidet, kommen extreme Populisten zu Wahlerfolgen. Interessanterweise aber nur Rechte, die Linke wird nicht mehr gewählt“, interpretiert Tyrell die Studie von (Dippel/Gold/Helblich/Pinto (2018).

Zusammenfassend zeigen die Untersuchungen von Prof. Tyrell, dass das zerstörte Sozialkapital, man könnte auch sagen: das gute Miteinander, langfristig deutliche Veränderungen in der Wirtschaftsstruktur auslösen und Menschen empfindlicher machen für die Bewältigung anderer krisenhafter Einflüsse.

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