Das kommt in den
besten Familien vor

Artikel drucken Artikel drucken 30. November 2018 | Von | Kategorie: Sport & Freizeit

Was sind die lesenswertesten Romane, wenn es um wechselwolle Beziehungen geht? Brigitte Lemberger von 66 hat es herausgefunden. In einem Beitrag stellt sie ihre drei Favoriten vor: »Das Licht zwischen den Zeiten« von Sophia von Dahlwitz, 
»Auf immer verbunden« von Domenico Starnone und »All die Jahre« von J. Courtney Sullivan.

Unter dem Pseudonym Sophia von Dahlwitz – nach Angaben ihres Verlages hat sie unter ihrem Klarnamen bereits acht Romane verfasst – erzählt sie die Geschichte ihrer eigenen Familie. Sie beginnt gegen Ende des Ersten Weltkriegs auf einem Gut in Westpreußen. Hier geht alles noch seinen geregelten und relativ komfortablen Gang. Die schöne Ordnung bekommt einen Riss, als Rudela, die jüngere Tochter, ihrer Mutter vom Liebesverhältnis ihrer großen Schwester Helen zu ihrem Stiefbruder Georg berichtet. Diese schicksalhafte Konstellation zieht sich durch das ganze Geschehen, das immer mehr an Dramatik gewinnt. »Zwischen den Zeiten« – zwischen den beiden großen Kriegen – sucht eine verlorene Generation nach nationalem Neuanfang und persönlicher Selbstvergewisserung. Die Wege trennen sich – irregeleitet und schuldig werden sie alle.

Mit »Das Licht zwischen den Zeiten« gelingt es Sophia von Dahlwitz, die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen jener Jahre einzubinden in einen flüssig geschriebenen Familienroman. Wie eine Stimme aus dem Off meldet sich die Autorin zwischen den Seiten immer wieder zu Wort, so dass der Leser am Ende begreift, warum sie dieses Buch schreiben musste.

Sophia von Dahlwitz, »Das Licht zwischen den Zeiten«
Droemer Verlag, München 2018
22 Euro

Es gibt nur wenig Versöhnliches in diesem Roman von Domenico Starnone »Auf immer verbunden«. Die Ehe zwischen Aldo und Vanda, inzwischen beide in den Siebzigern und seit rund vierzig Jahren verheiratet, ist in der Gewohnheit erstarrt. Nun verbringt das alte Paar einen gemeinsamen Urlaub am Meer und fühlt sich einigermaßen wohl. »Ich genoss das Privileg, seit über vierundsiebzig Jahren eine glückliche Reinkarnation der Sternensubstanz zu sein«, denkt Aldo in einer der friedlichen Urlaubsnächte, ausnahmsweise froh, am Leben zu sein. Die böse Überraschung erwartet die Eheleute bei der Rückkehr nach Neapel. Ihre Wohnungstür steht offen, die Zimmer sind verwüstet, der Kater – der Obhut von Tochter Anna und Sohn Sandro anvertraut – ist verschwunden.
Beim Aufräumen geraten Aldo die Briefe seiner Frau in die Hände, die sie ihm vor vielen Jahren schrieb. Er hatte sie verlassen, lebte mit der Studentin Lidia zusammen, fühlte sich unkonventionell, glücklich und zugleich seinen beiden kleinen Kindern gegenüber schuldbewusst. Schließlich kehrte er in die alte Wohnung zurück, widmete sich künftig erfolgreich seiner Arbeit und versuchte sich in einem möglichst störungsfreien Familienleben. Vanda nimmt Rache: herrisch, bestimmend, keinen Widerspruch duldend, hält sie von nun an ihren Mann auf Distanz. Die Kinder haben Schaden genommen. Im letzten Teil des Buches betritt Tochter Anna, nun Mitte dreißig, die Bühne und verschafft dem Stück ein überraschendes Finale.

»Labes« ist der Name des Katers, den Ehemann und Vater Aldo dem Tier gegeben hat. Und Labes bedeutet auf Lateinisch Unheil oder Untergang. Es ist wie ein Motto dieses Eheromans, der nur knapp 180 Seiten umfasst und doch in seiner Kürze packt wie eine moderne Tragödie.

Domenico Starnone, 
»Auf immer verbunden«
Deutsche Verlagsanstalt, München 2018
18 Euro

Familie kann so vieles sein
Zwei Schwestern, die einander kaum gleichen. Da ist Nora, die ruhige, überlegte 21-Jährige, und ihre kluge, hübsche Schwester Theresa, die sich mit ihren 17 Jahren unbekümmert ins Leben stürzt. Die beiden befinden sich auf der Überfahrt von Irland in die USA, wo Charlie, Noras Verlobter, sie erwartet. Hier in Boston soll Theresa eine Ausbildung zur Lehrerin beginnen. Doch es kommt anders. Unaufgeklärt und naiv schlittert Theresa in ein kurzes Abenteuer mit einem verheirateten Mann und wird schwanger. Hier ist der Knotenpunkt, von dem aus sich die Stränge der Geschichte verteilen.

Die amerikanische Autorin J. Courtney Sullivan schreibt über »All die Jahre«, während derer sich das Leben der Familie entfaltet. Nora, unzugänglich und verschlossen, bricht die Beziehung zu ihrer Schwester ab, widmet sich ganz ihren vier Kindern und Ehemann Charlie, dessen unverbrüchliche Zuneigung sie erst im Laufe der Zeit zu würdigen lernt. Als ihr inzwischen 50-jähriger Lieblingssohn Patrick bei einem Autounfall ums Leben kommt, bricht auf, was jahrzehntelang verborgen war. Nora, die ihren Kindern nie erzählt hat, dass sie eine Schwester hat, bleibt verschlossen bis fast zuletzt. John, Bridget und Brian, die überlebenden Geschwister, stehen vor neuen Einsichten und Entscheidungen für ihr Leben. Die beliebte Autorin Courtney Sullivan, Meisterin eines guten Stils und einer flüssigen Erzähltechnik, hat einen einfühlsamen Familienroman geschrieben. Ihre Personen sind Individuen, überzeugend in ihren Eigenarten erfasst und glaubwürdig in ihrem Verhalten.

J. Courtney Sullivan, »All die Jahre«
Deuticke Verlag, 
Wien 2018
22 Euro

Büchertipps: Brigitte Lemberger

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