Was hat die Niere mit Hypertonie zu tun?

Artikel drucken Artikel drucken 25. November 2018 | Von | Kategorie: aktuell

Prof. Roland Schmieder setzt bei der Therapie auf die Verödung von Nierennerven. Foto: Mile Cindric

Etwa jeder Dritte in Deutschland leidet an Bluthochdruck (arterieller Hypertonie), bei den über 65-Jährigen ist es sogar jeder Zweite. Viele wissen das gar nicht, obwohl das Risiko eines Schlaganfalls oder einer Herzschwäche erhöht ist. Dr. Roland Schmieder, Leiter der Klinischen Forschungsstation (CRC) für Hypertonie und Gefäßmedizin der Medizinischen Klinik 4 – Nephrologie und Hypertensiologie am Universitätsklinikum Erlangen, rät deshalb zu regelmäßiger Kontrolle.

Herr Prof. Schmieder, wann spricht man eigentlich von ­Bluthochdruck?
Wenn der Blutdruck, wie er in der Arztpraxis oder im Krankenhaus gemessen wird, beim höheren Wert größer oder gleich 140 Millimeter Quecksilbersäule (mmHg) ist, bzw. der niedrigere Wert größer oder gleich 90 ist. Das gilt auch für ältere Patienten. Das heißt aber nicht, dass man gleich mit Medikamenten loslegen muss, wenn der Wert darüber ist. Es gibt ja auch blutdrucksenkende Maßnahmen, die auf Lebensstiländerungen beruhen.

Über den Wert gibt es mitunter Diskussionen. Manchmal heißt es, schon 130 seien zu viel. Und manchmal werden wirtschaftliche Interessen dahinter vermutet. Was stimmt?
140 ist richtig. In den USA wurde der Grenzwert für Hypertonie sogar auf 130 gesenkt. Wir haben in Europa seit dem Sommer neue Leitlinien, und der US-Wert ist uns zu streng. Die Grenze liegt bei 140/ 90 mmHg, von da an steigt das Risiko kräftig. Der obere Wert ist für die beiden Hauptkomplikationen, nämlich Schlaganfall und Herzinsuffizienz, der entscheidende Blutdruckwert. Diese Erkenntnisse beruhen auf Studien und sind nicht durch wirtschaftliche Interessen getrieben.

Wenn man den Wert beim Arzt oder im Krankenhaus messen lässt, ist er oft höher als bei einer Messung zu Hause. Was zählt?
Wir kennen diesen so genannten Weißkittel- oder Sprechstunden-Hochdruck, der da mit hereinspielt. Aber unsere Erkenntnisse von 140/90 beruhen auf dem Wert, der beim Arzt gemessen wird. Das wird in den neuen Leitlinien ganz klar empfohlen. Für Messungen außerhalb gelten andere Grenzen, nämlich 135/85. Wenn der Blutdruck in der Praxis nur einmal kurz hoch ist, dann hat das keine Bedeutung.

Es gibt ja Menschen, die ihren Blutdruck regelmäßig und sehr ­häufig messen und dann erschrecken, wenn er immer schwankt. 
Ist die Sorge berechtigt?
Nein, denn schwankende Werte gehören einfach zum Leben. Man ist ja nicht immer gleich gestimmt und nicht immer gleich aktiv. Mal ist man angespannt, mal nicht. Ich empfehle meinen Patienten, sie sollen, bevor sie zu mir kommen, den Blutdruck morgens und abends messen, und das sieben Tage lang. Diese 14 Werte zählen für mich.

Wie merkt man denn selbst, ob man unter hohem Blutdruck leidet?
Es gibt kein typisches Symptom, aber bestimmte Beschwerden, die damit zusammenhängen. Manche Patienten klagen über Nasenbluten, andere über Kopfschmerzen oder allgemeine Abgespanntheit. Solche Symptome sind eher unspezifisch. Aber wir wissen, dass sie mit Bluthochdruck zusammenhängen können, insbesondere dann, wenn sich diese Leute besser fühlen, sobald der Blutdruck gesenkt ist.

Spielt die Ernährung ebenfalls eine Rolle?
Ja. Zu beachten ist folgendes: Erstens sollte man nicht übergewichtig sein, zweitens soll man mit Kochsalz sparsam umgehen, und drittens Alkohol nur mäßig zu sich nehmen.

Kommen im Alter noch spezielle Empfehlungen hinzu?
Bewegung senkt den Blutdruck. Gerade ältere Menschen sollten in Bewegung bleiben. Das hilft, den Hochdruck zu bekämpfen.

Geht es ab einem bestimmten Stadium nicht mehr ohne ­Medikamente?
Bluthochdruck ist auch deshalb eine Alterskrankheit, weil wir heutzutage viel älter werden. Und unsere Vererbung ist so, dass der Blutdruck umso höher steigt, je älter man wird. Durch diese langsame Zunahme des Blutdrucks mit dem Alter kommt man immer häufiger zu dem Punkt, bei dem die genannten Lebensstilregeln alleine nicht mehr ausreichen. Manche Menschen sagen sich auch: Warum soll ich auf dies oder das verzichten, ich esse mein Schäufele, fühle mich wohl dabei, und nehme halt eine Tablette.

Sie haben aber auch noch eine ganz andere Therapie entwickelt, 
die so genannte renale Denervation. Worum geht es da?
Wir reden von drei Säulen der Hochdruck-Therapie: Die erste Säule sind Maßnahmen im Lebensstil, von denen ich sprach, also Ernährung und Bewegung. Die zweite sind die Medikamente, mit denen man schon über 50 Jahre Erfahrung hat. Die dritte Säule gibt es seit zehn Jahren. Das ist die Denervation. Was geschieht dabei? Man macht einen Eingriff wie beim Herzkatheter, um die Nierennerven zu veröden, also abzutöten, weil man weiß, dass die Nerven von und zu der Niere den Bluthochdruck mitverursachen und aufrechterhalten. Solche Verödungstherapien macht man beispielsweise auch bei Vorhofflimmern.

Wie oft führen Sie diese Therapie in Erlangen durch?
Seit acht Jahren führen wir diesen Eingriff nur im Rahmen von Studienprogrammen durch. Wir möchten noch mehr Erfahrungen sammeln. In Deutschland ist das derzeit auf acht bis zehn Zentren beschränkt, die sorgfältig ausgewählt wurden. Wir waren von Anfang an dabei. Der Eingriff wird einmal gemacht, der Patient muss einen Tag im Krankenhaus bleiben.

Soll das eines Tages die Medikation ersetzen?
Ziel ist auf jeden Fall, die Medikamentenzahl zu verringern, damit man nicht jeden Tag mehrere Tabletten einnehmen muss. Wir wissen bereits, dass drei von vier Patienten darauf ansprechen und der Blutdruck hierdurch gesenkt wird. Es gibt einige Patienten, die danach keine Tablette mehr schlucken müssen, vor allem wenn sie in einem frühen Stadium ihrer Hochdruckerkrankung zu uns kommen.

Wie ist der Stand in Erlangen?
Patienten, die ein Interesse an dieser Therapie haben, können sich bei uns melden. Ich werde die Kandidatinnen und Kandidaten untersuchen, ob sie sich eignen. Eine Altersbegrenzung gibt es nicht, es hängt einfach vom biologischen Alter ab. Doch wer schon täglich acht Tabletten gegen Bluthochdruck nimmt, für den ist der Zug bereits abgefahren. Wer aber nur ein oder zwei am Tag braucht, für den kann das Tablettenschlucken vorbei sein.

Interview: Herbert Fuehr

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