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Das Doppelleben des Alexander Brochier

Alexander Brochier hat sein Engagement für andere in jungen Jahren begonnen. Foto: Michael Matejka

Er hat vieles anders gemacht als brave Söhne aus Unternehmerdynastien: langhaarig, als das noch ein Zeichen von Protest war, links und vornedran, als die 68-er-Studenten auf die Barrikaden gingen. Alexander Brochier war, wie es so schön heißt, ein bunter Hund. Schauspieler wollte er werden, als Entwicklungshelfer die Welt retten. Als Barkeeper jobbte er in der Disco, die Studienorte wechselten wild, von Freiburg, Bonn, dem revolutionären Heidelberg bis schließlich zum konservativen Innsbruck mit dem ebenso konservativen BWL-Studium – und kurzen Haaren, wie es sich für Sprösslinge aus gutem Haus gehört.

Drei Initialzündungen veränderten sein Leben. Die eine hat ihn ins besagte Innsbruck gebracht, dazu ein sicher nicht ganz freiwillig geführtes Gespräch mit seinem Vater, dem Patriarchen des Nürnberger Familien-Imperiums. Der hat ihn hartnäckig darauf eingeschworen, dass ein Firmenerbe moralisch verpflichtet, und zwar gegenüber der Familie, aber ebenfalls gegenüber den Mitarbeitern, und damit der Gesellschaft. Die Botschaft kam an. Mit 26 Jahren wurde aus dem Zugvogel Alexander 1976 der Chef der mittelständischen Brochier-Gebäudetechnikgruppe.

Der Unternehmer Alexander Brochier hat dann trotzdem vieles anders gemacht. Für seinen ganz eigenen Weg war die zweite Initialzündung verantwortlich, ein Schlüsselerlebnis, das in keiner der über ihn veröffentlichten Biografien fehlt. Mitte der 80-er Jahre besuchte er ein Management-Seminar, und der Coach hielt die Teilnehmer an, den eigenen Nachruf zu schreiben. Und Alexander kommt ins Grübeln. Reichtum? Irgendwann eine nach ihm benannte Straße? Wie definiert sich Erfolg, wie ein Lebenswerk? Was macht wirklich glücklich? Und zwar als Firmenchef UND Mensch.

Wohlstand gehört sicher dazu, ihn hat er erreicht und er bekennt sich dazu. Brochier schätzt das gute Leben, bezeichnet sich unumwunden als Genussmensch, der sich und seiner Familie etwas gönnt. Aber er hat sich auch Nachdenklichkeit geleistet: Wie viel Geld muss man haben, um wie viel das eigene Vermögen vermehren, welche Wohlstands-Insignien anhäufen, damit sich das schwer zu greifende Wort »Glücksgefühl« einstellt?

Brochiers bevorzugtes Fortbewegungsmittel ist kein protziger, sondern ein Mini-SUV, denn damit kommt der begeisterte Skifahrer selbst im Schneetreiben ins Gebirge. Natürlich hängen auch feine Anzüge und Smoking im Schrank, schon wegen der zahlreichen offiziellen Termine und Auszeichnungen, wie dem 2006 verliehenen Deutschen Stifterpreis oder dem Ehrenpreis für besonderes soziales Engagement beim Ernst & Young-Wettbewerb »Unternehmer des Jahres« 2018. Das Erkennungszeichen des 68-Jährigen im geschäftlichen Alltag aber war und ist das Karohemd. Das soll nicht nur junggebliebenen Charme signalisieren, sondern auch, dass er gleiche Augenhöhe schätzt: Hier spricht nicht der Unternehmer, sondern einer, den Mitmenschen und das Miteinander interessieren.

Womit wir wieder beim Schlüsselwort »Glück« sind. Auch Brochier kennt schwierige Zeiten und lächelt deshalb über Kollegen, die ihre Karriere allein aufs unverwüstliche Gewinner-Gen zurückführen: »Als Unternehmer ist man nicht immer erfolgreich, auch wenn man fleißig ist. Man muss auch ein bisschen Glück haben.« Hin­eingeboren in eine wohlhabende Familie, in ein erfolgreiches Unternehmen – diese perfekten Startchancen haben ihn geprägt: »Ich hatte immer ein schlechtes Gewissen, dass ich so viel Glück gehabt habe.«

Initialzündung Nummer drei ist die Folge dieser Haltung: Er setzt die Faszination, die er als Student für den österreichischen Pädagogen Hermann Gmeiner empfunden hat, der nach dem Zweiten Weltkrieg die SOS-Kinderdörfer gegründet hat, in die Tat um und beginnt ein Doppelleben: Der Unternehmer Alexander Brochier wird parallel zum Stifter, dann zum Anstifter zum Stiften und schließlich zum Generalunternehmer für alles, womit das Stiften in Deutschland einfacher und populärer werden soll.

60 Profis beraten

Auch damit hat er wieder vieles anders gemacht als andere. 1992, also weit vor dem Stifter-typischen Rentenalter, gründet der 42-Jährige die »Alexander Brochier-Stiftung«. 1995 folgen die »Kinderfonds Stiftung«, die Treuhandstiftungen bereits ab 25.000 Euro ermöglicht, und das »Münchner Haus des Stiftens« (hausdesstiftens.org). 60 Profis unterstützen heute in dieser Dachorganisation Stifter mit ihrem Know-how, mit Beratungs- und Vernetzungsangeboten. Denn auch da hat Brochier anders bzw. aufgrund der eigenen Erfahrungen weiter gedacht: Stifter brauchen Hilfe im Gründungs-, Steuer- und Bürokratie-Dschungel. Sie wollen Austausch mit Gleichgesinnten und Berater oder Treuhänder, mit denen sie den Einrichtungen nahe sind, die sie fördern statt in großen Wohltätigkeitsverbänden mitzuschwimmen.

Nähe geht auch für ihn über alles. 1996 zählt er zu den Gründern des »Albert Schweitzer Familienwerks Bayern«. 2001 eröffnet er mit seiner damaligen Frau in Tschechien ein Kinderheim, 2004 finanziert er den Aufbau der Stiftung »Stifter für Stifter« mit, 2010 die Stifter-Initiative Nürnberg (nuernberg.de/internet/stifterinitiative/). In seiner Heimatstadt fließt Geld in Kindergärten, Spielplätze und die Stadtteilpatenschaft Gostenhof. Immer im Fokus: bedürftige Kinder, denn »die können nichts dafür, wohin sie hineingeboren werden. Wer Pech hat, wächst in einem Slum in Indien auf. Wer Glück hat wie ich, wird als Unternehmersohn geboren«.

Warum andere Vermögende Bedürftige nicht oder nur in homöopathischen Dosen unterstützen, gehört zu den wenigen Dingen, die Brochier hörbar frustrieren. »Wenn ich Wohlhabende um Stiftungsgelder bitte, kommt zu 50 Prozent: ›Mir hat keiner was geschenkt, also schenke ich auch keinem was.‹« Gerade mal 1800 Euro pro Jahr spendet das oberste Prozent der Superreichen in Deutschland, ärgert er sich. Ganz gleich, ob dahinter nun Geiz oder Unwissenheit steckt, Brochier weiß auf jeden Fall ein probates Mittel, um das zu ändern, und zwar seinen persönlichen Glückshormon-Cocktail: »Ich bin ein Stifter-Junkie. Geben setzt Endorphine frei, da braucht man keine Tabletten mehr.«

Michael Nordschild

Was der Stifter Stiftern rät
Einem so umtriebigen (An)Stifter gönnt man auch einen Werbeblock, noch dazu, wenn dieser nur auf gemeinnützige Einrichtungen hinweist: Was also rät Alexander Brochier allen, die sich mit dem Thema Stiften befassen (wollen)?

Vor allem, von Anfang an professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, so wie er das heute immer noch als Vielfach-Vorstand tut, der quer durch alle Ehrenämter über die satzungsgemäße Verwendung der Mittel von 450 Stiftungen, 74 Millionen Euro Kapital sowie 6,6 Millionen Spenden wachen soll. »Ohne das Haus des Stiftens könnten wir das nie«, gibt er unumwunden zu. Geldanlage, Spendenabwicklung, Unterlagen für Finanzamt und Stiftungsaufsicht gehören in die Hände von Fachleuten, allein mit Ehrenamtlichen lässt sich nach seinen Erfahrungen keine professionelle Organisation aufbauen.

Zweiter wichtiger Punkt: eine gesunde Selbsteinschätzung. Niemand lebt ewig, eine Stiftung aber soll es tun. »Man muss immer daran denken, dass ihr Zweck auch in 50 Jahren noch besteht«, unterstreicht Brochier. Er hat das beherzigt. 2020 will er sich aus seiner Stiftung zurückziehen wie er sich bereits vor einigen Jahren aus der Firma zurückgezogen hat: mit bestelltem Nachfolger, der natürlich ebenfalls aus der Familie stammt. Aber auch mit dem guten Gewissen, dass dieser mit Organisationen wie dem Haus des Stiftens, Stifter für Stifter oder der Stifter-Initiative Nürnberg jederzeit auf Fachwissen und Werkzeuge für das erfolgreiche Alltagsgeschäft der Stiftung zurückgreifen kann.

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